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Camerons blaues Wunder: Avatar

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Der schlaksige Mann mit der blauen Haut setzt behutsam einen Fuß vor den anderen, blickt ungläubig auf seine Hände und neigt seinen Kopf nach vorne und nach hinten. Immer schneller läuft er los, vorbei an allen warnenden Blicken und Zurufen, vorbei an den Sicherheitschleusen, raus in die Freiheit. Seine Beine gehorchen ihm immer besser und er spurtet angefüllt mit Lebensfreude bis zum Ende des Forschungsgeländes. Dann bremst er ab, reckt den Kopf in die Höhe und fühlt den Sand zwischen seinen Zehen. Er ist wiedergeboren in einem neuen Körper. Der wache Geist hinter den gelben Augen gehört Jake Sully (Sam Worthington), Soldat, Krüppel und Bruder des erfahrenen Wissenschaftlers, dessen Platz er wegen genetischer Übereinstimmung einnehmen wird. Damit ist er Teil eines visionären Experiments, einer bahnbrechenden Forschungreihe auf einem fernen Planeten - eine Aufgabe, die seine Vorstellungskraft sprengt.

Über die Jahrhunderte haben immer immer wieder Tüftler, Erfinder und hartnäckige Forscher die Welt mit ihren visionären Ideen sprunghaft ein Stück nach vorn gebracht und die Kunst zu neuen Höhenflügen inspiriert. Leonardo da Vinci verknüpfte wie kein zweiter technische Vorstellungsgabe mit überbordender Phantasie in den hohen Künsten, Jules Vernes utopische Romane sind Huldigungen an die Fortschritte in der Dampfkraft und Stanley Kubrick schuf riesige technische Apparate, um seine Vorstellungen zu verwirklichen. All diese Menschen verknüpften das technisch Machbare mit einem künstlerischen Ziel, einer wahren Vision. James Cameron hatte mit seinem Film “Avatar” nun das Gleiche vor: Die Grenzen des technisch Machbaren auszuloten und zu verschieben, die Sichtweise auf das Medium Kino und seine Geschichten zu verändern und damit ein neues Kapitel aufzuschlagen. Seine Hauptfigur Jake Sully, staunend und voller Lebensfreude ob der Wunder, die ihm zu Teil werden, steht sinnbildlich für den Zuschauer, der sich ebenfalls mit offenem Mund in einer völlig neuen Kinowelt wiederfindet.
Sully ist auf den Mond Pandora abberufen worden, auf dem Militär, Wissenschaft und Wirtschaft die Interessen der Menschheit vertreten. Das Interesse ist ein wertvoller Rohstoff, der die Trümmer der menschlichen Zivilisation kitten und retten könnte. Doch Pandora ist bewohnt von gertenschlanken humanoiden Wesen, die Na’vi. Für sie liegt die Erfüllung des Daseins nicht in der Ausbeutung der Rohstoffe, sondern in der Harmonie mit der Natur, den Tieren und dem Wald. Alles was sie von der Natur bekommen, geben sie ihr am Ende des Lebens zurück. Für die Menschen sind sie daher ein Hindernis, denn die Rohstoffe liegen unter ihrer heiligen, pantheistischen Welt. Das Wissenschaftlerteam um Grace Augustin (Sigourney Weaver) hat daher das Avatar-Programm entwickelt. Sie züchteten Zwitterwesen aus Na’vi und Mensch, so können sie in die Körper der Eingeborenen schlüpfen und sie studieren und beeinflussen. Für Jake Sully, nach einem Kriegsunfall von der Hüfte abwärts gelähmt, ist dieses zweite Ich eine Wiedergeburt, kombiniert sie doch seinen intakten Geist mit einem ebenso intakten Körper. Im Auftrag der Bergbaufirma, die die Rohstoffe abbaut, soll er mit den Na’vi Kontakt aufnehmen, sie infiltrieren und sie überzeugen, umzusiedeln. Schlägt dies fehl, wird das Militär keine Mine verziehen und sie ausradieren und der Menschheit verschaffen, wonach ihr lüstet.

Die Geschichte von “Avatar” ist also im Grunde eine einfache und bekannte. Sie portraitiert die Menschheit als verantwortungslos gegenüber Kultur und Natur, zynisch im Hinblick auf wirtschaftliche Interessen und unfähig zu Kooperation und Interessenausgleich. Die Kontaktaufnahme mit der fremden Zivilisation geht nur soweit, wie es im Interesse des Großkonzerns ist  - “Wir wollen keine toten Eingeborenen in der Presse, das mögen die Aktionäre nicht. Aber was sie noch weniger mögen, sind fallende Aktienkurse”, fasst der Leiter des Abbauprojekts die menschliche Sichtweise zusammen. Sully und seine Wissenschaftlerkollegen entwickeln eine eigene Sichtweise und werden damit zu John Dunbar ("Der mit dem Wolf tanzt") und John Smith ("Pocahontas") zugleich. Sie verraten die Artgenossen und kämpfen an der Seite der Ureinwohner um deren Welt. Die ökologische und kulturelle Botschaft ist unüberhörbar, sie ist aber weder neu noch einfallsreich - und dennoch so wahr und wichtig wie nie zuvor.
Neu und einfallsreich ist James Camerons Bildersturm, mit dem er Pandora portraitiert. Dass “Avatar” als erster ernstzunehmender abenfüllender Spielfilm in der 3D-Technik realisiert wurde, mutet am Ende des Films als fast als Randinformation an, denn Cameron bietet weit mehr als nur den dreidimensionalen Effekt. Er kreierte die fremde Welt von Grund auf als exotisches Paradies, als Garten Eden voller Wunder und funkelnder Juwelen. Die eingesetzte Technik war zweitrangig, doch hat es bis zu diesem Tage gedauert, bis sie das leisten konnte, was Cameron vorschwebte. “Avatar” ist der erste Spielfilm, der so perfekt digitale und abgefilmte Bilder verbindet, dass man “real” und “künstlich” nicht mehr unterscheiden vermag. Zuerst sind beide Welten getrennt: Die harte, von grau und tarngrün dominierte Welt des Militärstützpunktes und die grüne, blaue und atemberaubende Naturwelt des Mondes, die den Stützpunkt umgibt. Sobald Jake in seinem Avatar den Wald betritt, mischen sich Visionen und Techniken beider Welten und ergeben eine perfekte Synthese. Der Zuschauer vermag nicht zu unterscheiden, welche Bildbestandteile am PC und welche vor der Kamera entstanden. Er vermag echte Tränen nicht von animierten trennen. Dadurch akzeptiert er alle Bilder als real und wird eingesogen in die virtuell/reale Welt, wie es kein Film zuvor geschafft hat. Erst diese Synthese machte für Cameron einen Film wie diesen erst möglich und das unterscheidet ihn von vielen Kollegen, die wie George Lucas den neuesten Spezialeffekten hinterher rennen und damit ihre schwachen Geschichten aufzuhübschen. “Avatar” ist keine Machbarkeitsstudie, sondern eine realisierte Vision. Damit hat Cameron ein neues Kapitel in der Kunstform Film aufgeschlagen, eine nie gesehene Welt geöffnet und den Zuschauer in das grundlegendste Gefühl von Forscherdrang, Kreativität und Ehrgeiz zurückversetzt: das Staunen.

“Avatar” ist ein filmhistorisches Ereignis - aber ist er damit auch gleichzeitig ein guter Film? Die Frage ist schwer zu beantworten, weil einem die Vergleiche fehlen. Die Geschichte ist konventionell und bewährt, die Botschaft richtig und wichtig, aber keine neue Erkenntnis. Es ist das Filmische, das diesen Streifen interessant macht - eine neue, wirklich visionäre Art des Filmischen. 

USA 2009
Drehbuch und Regie: James Cameron
Kamera: Mauro Fiore
Musik: James Horner
Sigourney Weaver
Sam Worthington
Zoe Saldana
Giovanni Ribisi
Stephen Lang
Michelle Rodriguez
Wes Studi
Verleih: 20th Century Fox
162 min

Jan Zwilling / 24.12.09

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