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Autisten leben länger: Mein Name ist Khan

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Für europäische Kinozuschauer bleibt indische Filmkultur eine Herausforderung. Vieles wirkt kitschig und von fader süßlicher Musik erfüllt, scheint lediglich knallbunt auf dem Tablett des Entertainment daherzukommen. Die Menschen sind stets zu höchsten Gefühlsaufschwung bereit und rühren die Zuschauer schnell zu Tränen. Kann man so etwas ernst nehmen? Doch schon ‘Slumdog millionaire’ hatte es gezeigt, wozu diese als ‘Bollywood’ verschrienen Filme dennoch fähig sind, dass sie nämlich auch die im europäischen Sinn ernsten Themen mitliefern und uns berühren können. Bei ‘Slumdog Millionaire’ war es das Thema der grellen Armut in den Slums von Mumbay, hier ist es mit dem indischen Filmstar Shah Rukh Khan eine abschreckende autistische Erkrankung, die an sich nicht in einen Film der Unterhaltungsindustrie passt. Daneben wird noch eine poltische Story geliefert, die sich allerdings erst langsam und auch etwas schwerfällig vor dem Zuschauer entblättert.

Ein Mann mit Asberger-Syndrom, einer seltenen Variante des Autismus, steht im Mittelpunkt des Films. Der Mann scheut Berührungen, Blicke. Er läuft wie ein Krüppel mit gekrümmtem Rücken durch die Straßen, er kann nicht richtig reden, nicht richtig denken. Aber lieben. Um seiner Liebe willen zu einem schönen jungen Frau, der Friseuse Mandira (Kajol Devgan), die im übrigen vom Schicksal auch bereits ziemlich hart angefasst ist - sie muss seit Jahren im Alleingang einen Jungen groß ziehen, ist vom treulosen Mann brutal verlassen worden -, wird er schließlich ein ganz unsinniges Abenteuer beginnen, das ihn selbst fast das Leben kostet. Der Film hat seine Stärke in dem intimeren ersten Teil, in der unerhört liebenswerten Zeichnung dieses gebrochenen Charakters, der nur mit halber Kraft durch diese Welt läuft und jede Minute von seinen Mitmenschen belächelt und beargwöhnt wird, weil er so hilflos ist. Und der dennoch überlebt.“We shall overcome“.

Er ist vom Schicksal in eine Krankheit gestoßen, für die niemand über Jahre weg überhaupt einen Namen hat. Nur seine liebende Mutter kann ihn überhaupt verstehen, mit ihm reden. Auch sie kennt die Krankheit nicht. Er ist in absolute Einsamkeit gestoßen, als auch noch die Mutter stirbt. Jetzt bleibt ihm nur noch der Bruder, der ihm die traurige Aufgabe zumeiert, Kosmetikartikel an den Mann beziehungsweise vor allem an die Frau zu verkaufen. Mit an groteskem Witz grenzenden Szenen, wo Khan hübsch gealterten Frauen Gesichtscremes empfiehlt, wird er streckenweise zum jüngeren Bruder von Mr. Bean., zu einem perfekten Slapsticker.

Der Film bezaubert nicht sosehr in dem zweiten Teil, wo Khan eine Mission fühlt, nämlich den Präsidenten von Amerikas darüber aufzuklären, dass er als Muslim auch nach dem 11. November in Amerika nicht als Terrorist gelten kann, sondern wie gesagt mehr in den unverfälschten Augenblicken des ersten Teils, wo er zum Beispiel eine Liebeserklärung des sonderbaren Mannes beschreibt. Da steht der Typ vor dem Friseursalon seiner Angebeteten mit ein paar Luftballons in der Hand und einer Packung Pralinen. Die Tür geht auf, die Angebetete stolpert zur Straße hinaus. Aber es gibt das Problem der Farbe Gelb. Die erträgt Rizvan nämlich nicht. Mandira hat einen gelben Schal um und zerstört das Rendezvous unversehens und ohne es zu wollen in Sekunden. Rizwan windet sich wie ein Epileptiker, als wollte er erbrechen oder schreien. Trotzdem geht sie, die Wunderhübsche, mit ihm spazieren, er ist ja eigentlich auch schön, wenn da nur nicht die Krankheit wäre. Und sie beginnen einander tatsächlich zu lieben. Er zieht sie wie ein Wahnsinniger im Morgengrauen aus ihrem Haus auf einen Bergvorsprung, wo er ihr zeigt, wie sich die ersten Morgenschleier über der Stadt heben. Er liebt ihren Sohn Sam, den sie über alles liebt. Und weil sie spürt, dass er ihren Sohn liebt, mit ihm spielt, ihn ernst nimmt wie ein Vater, willigt sie schon bald in die Heirat ein, die er zunächst so furchtbar peinlich-tolpatschig auf der Straße von ihr erbettelt („Marry me! Marry me!“)

Es ist, als ob ein unsichtbarer Engel für ihn streitet. Er erlebt das Glück. Ein Mensch, der Berührungen scheut wie die Pest, der keinem Passanten oder Freund die Hand gibt, sondern nur verlegen lässig die rechte Hand heben kann zum Hi, hat sogar Sex in der Ehenacht („O Mandira, es wird länger als eine Minute dauern!“). Sie ist verzaubert von ihm, sie liebt ihn wirklich, trotz all seiner Hilflosigkeit.

Doch alles stürzt zusammen am 9.11. So will es der Film, mit der etwas aufdringlichen Dramaturgik, als das Datum der Peripetie, des Umschlags. Jetzt ist plötzlich alles anders. Jetzt ist auch die Heirat zwischen einem Muslim und einer Hindufrau problematisch geworden, denn in jedem Moslem scheint ein kleiner Saddam zu lauern, der für Amerika eine Bedrohung ist oder sein will. Der Sohn von Mandira, Sam, wird von Schulkameraden erst gemieden und gehänselt, dann schließlich auf dem Sportplatz brutal zusammengeschlagen. Er erliegt seinen Verletzungen. Die Welt ist nach dem 9.11.. eine andere geworden. Spätestens hier ist der Kranke zum Vehikel eines philosophischen Filmgedankens geworden. Plötzlich steht auch Mandira nicht mehr zu ihrer Liebe zu Rizwan Sie schreit ihn an, er dürfe nicht eher ihr Haus wieder betreten, bis er nicht dem amerikanischen Präsidenten ins Gesicht gesagt habe, ich bin kein Terrorist, Herr Präsident. Und das nimmt der naive Typ ernst, sagt den Satz immer und immer wieder wie eine Zauberformel vor sich her und macht sich wirklich auf die Reise und pilgert dem Präsidenten hinterher. Erst sind es Besuche von George Bush, am Schluss Obama, der wie ein Heilsbringer erscheint in irgendwelchen Provinzstzädten. Hier hört der Film auf zu träumen, sondern wirkt zu konkret, zu anfassbar. Ein solche Story überzeugt nicht mehr, wenn eine Fantasiefigur plötzlich sich zwischen die Seiten der Tageszeitung verirrt.

Weil er bei einer Kundgebung des Präsidenten laut ruft’ Ich bin kein Terrorist’, wird er erst recht verdächtig und kommt in Gewahrsam, obwohl jeder spürt, dass man es nur mit einem hilflosen Kranken zu tun hat. Er kämpft ja sogar selbst gegen den Terrorismus, und einen zweiten grandiosen Höhepunkt hat der Film in einer kurzen Rede, die Rizvan gegen den Hass in einer Moschee hält, in der sich islamische Terroristen beraten. Nein, mit der Aufopferung Isaaks durch Abraham ist nicht gemeint, dass wir uns zum Blutvergießen aufgerufen fühlen dürfen. Denn Abraham zweifelte nie an der Barmherzigkeit Gottes und wusste in der Tiefe seines lange erprobten Herzens, dass er Isaak nicht mit Blut opfern müsste. Die Geschichte von Isaak ist kein Geschichte des Kriegs, sondern eine der Barmherzigkeit Gottes. Mit den Sätzen verstört Rizvan die Anhänger des Doktor (Ron Provenzal), der den Hass gegen Amerika predigt. So wird er freigesprochen und die Liebe zu Mandira am Ende wieder möglich.

Indien 2010
Regie: Karan Johar
Drehbuch: Karan Johar
Shibini Bathija
Niranjan Iyengar
Produktion: Karan Johar
Kamera: Ravi K. Chandran
Darsteller: Shah Rukh Khan
Kajol Devgan
Ron Provenzal u. a.
Verleih: Twentieth Century Fox of Germany
126 Min.

Joe Schmidt / 29.07.10

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