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Der Filmblog

Auf dem Weg ins Nirgendwo: Into The Wild

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Am Anfang war der Schnee, das Grenzenlose. Auf dem Grunde dieses Films liegt eine grenzenlose Sehnsucht, die Sehnsucht, ins fremde Unbekannte einzutauchen, in die Wildnis zurückzukehren, den Kern der Dinge zu erfahren, der verloren gegangen, verschüttet ist. Das ist ein Romantikergedanke, ein Aussteigergedanke. Der Film von Sean Penn malt diese authentische Aussteigergeschichte nach, die Geschichte vom Collegestudenten Chris Mc Candless (Emile Hirsch), den es plötzlich nicht mehr hält in den Ketten des Wohlfahrtslebens, der kommoden gesellschaftlichen Erfolge und Glücksstrategien. Der sagt, jetzt ist Schluss und wie Eichendorffs Taugenichts sein Rutenbündel schnürt und los trampt in die Wildnis. In die eisig kalte Wildnis Alaskas, in der es eigentlich kein Überleben geben kann.
In den ersten Szenen des Films sehen wir den jungen Helden ganz buchstäblich ‘aussteigen’, aus dem Wagen eines Jeeps nämlich, der ihn bis zur letzten befahrbaren Stelle unterhalb der eiskalt-weißen Schneegebirge Alaskas gefahren hat. Und der Fahrer schenkt ihm noch ein paar Stiefel und sagt, die wirst du brauchen. Und gibt ihm eine Telefonnummer, er solle anrufen, wenn es geklappt hat und er es überlebt hat. Ein hübscher Gedanke. Aber an so etwas denkt Chris zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. Er folgt nur noch seiner ungeheuren Sehnsucht…
In der Wildnis stößt er auf einen leerstehenden alten Postbus, bereitet sich sein unbequemes Lager auf der Hinterbank, schießt Vögel, macht sich im Freien Feuer. Er wandert durch den unendlichen Schnee, tagelang, reckt die Arme von übermütigen Glücksgefühlen beseelt in den frostigen Himmel über sich. Er ist endlich frei geworden und blickt der gewaltig-kalten Natur ins Auge - und ist ebenso natürlich auch ungebunden, ungeheuer gefährdet. Als er einen dicken alten Elch erschießt, der ihm über Wochen hinweg die Nahrung gesichert haben könnte, stürzen sich hunderte Fliegen auf das Aas, hungrige Hyänen rauben ihm schließlich die Beute vor seinen geschreckten Augen. Er spürt, dass er den Elementen ausgesetzt ist. Der Film verfolgt in Rückblenden Chris’ Weg bis zu dieser letzten Station in der Menschen verachtenden Wildnis, wo er dem Tod selbst ins Auge blicken muss.
Wie er zunächst auf andere Aussteiger getroffen war, die seinen einsamen Weg gesäumt hatten, ein alterndes Aussteigerpärchen zum Beispiel, das ihm Gemeinschaft angeboten hatte (humorvoll-nachdenklich: Catherine Keener und Brian Dierker), die er aber wieder verlässt, hinter sich lässt. Eine Weile hatte er auch bei einem Farmer-Vorarbeiter (Vince Vaughn) gearbeitet, der jedoch vom FBI gesucht wurde. Er begegnete einem alternden Witwer (anrührend: Hal Halbrock), der ihm die Adoption anbot, wohl weil er meinte, Chris sehne sich nach Geborgenheit. Auch als ihm eine junge Aussteigerin die Liebe schenken will (betörend verführerisch: Kristen Stewart), stößt er all das von sich. Umgekehrt will er nur andere belehren, die sich die Grenzen zu eng ziehen, wie er meint, die die wunderbarsten Augenblicke der menschlichen Freiheit, die im Geistigen ruhen, verschenken. Wirklich im Geistigen? Jedenfalls hält es ihn überall nicht lange. Vielleicht weil er befürchtet, dass seine Sehnsucht aufhören kann. Eine Weile lang schreibt er noch seiner Schwester, die ihn wohl verstanden hatte. Doch dann horcht er nur noch seinem einsamen Herzenstakt nach. Er sucht in verzweifelter, trotziger Weise seine inneres Heranreifen, sein wahres Selbst.
Der Film teilt die Stationen seines Weges in Abschnitte wie ‘Geburt’, ‘Adoleszenz’, ‘Mannesalter’ und ‘Weisheit’ ein, die signalisieren, dass wir auch einem inneren Weg folgen müssen, der nicht ganz fern von einer Seelen- oder Bildungsreise ist. Der Film wird untermalt von den Folksongs von Pearl-Jam-Frontmann Edalin Vedder, die dem Film ein gewisses Kinovergnügen sichern. Vielleicht hätten leisere Töne dem Film mitunter die bessere Grundierung geschenkt. Der Film wird immer wieder unterbrochen von den halbpoetischen Tagebuchnotizen, die man bei dem Toten in jenem verlassenen Postbus wirklich gefunden hatte, der seinen einsamen Trip ins Ungewisse der grenzenlosen Freiheit nicht hatte glücklich zu Ende gehen können. Eine Portion giftiger Beeren hatte ihn zuletzt gelähmt und dann verhungern lassen. Der Film ist, als authentische literarische Geschichte von Jon Krakauer veröffentlicht worden. Als literarische Filmgeschichte zieht sie nicht nur in den Bann, sondern stimmt auch nachdenklich. Emile Hirsch spielt überzeugend, wenn auch mitunter ein wenig zu hell und filmtauglich den freiwilligen Vagabunden, der seine Sehnsüchte nicht zähmen kann.

Regie/Drehbuch: Sean Penn
Nach dem Roman von Jon Krakauer
Produktion: David Blocker, Frank Hildebrand, John J. Kelly, Art Linson, Sean Penn, William Pohlad
Musik: Michael Brook, Kaki King, Eddie Vedder
Kamera: Eric Gautier
Darsteller: Emile Hirsch, Vince Vaughn, William Hurt, Marcia Gay Harden, Catherine Keener, Brian Dierker, Kristen Stewart, Hal Halbrock
Verleih: Tobis
148 Min.

Joe Schmidt / 25.06.08

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