Der Filmblog
Anatolisches Wunder: Almanya - Willkommen in Deutschland
Eigentlich waren sie ja etwas Peinliches, die sogenannten Gastarbeiter der 60er Jahre. Die Deutschen wollten diese Arbeiten nicht tun und holten sich Fremdarbeiter aus ärmeren Ländern, aus der Türkei oder Jugoslawien. Heute hat die Anwesenheit dieser Migranten in der soundsovielten Generation längst etwas Selbstverständliches angenommen. Das triste Thema lädt dennoch nicht gerade zu einem Unterhaltungsfilm ein.
Dass Yasemin Samdereli es schafft, diesem Thema eine geradezu operettenhatte Leichtigkeit abzutrotzen, mag daran liegen, dass die damals eingeladenen Gastarbeiter wirklich längst Geschichte geworden sind und die Enkel sich diese Ur-Geschichte nur noch wirklich wie ein Garn aus Opas Kindheitstagen anhören können. Eben das ist die hübsche Idee des Films.
Bei einer Familienfeier verkündet Großvater Hüseyin (Vedat Erincin), dass er ein Haus in Anatolien gekauft habe. Und das nachdem gerade die Großmutter Fatma (Lilay Huser) bekannt gegeben hat, dass der Antrag auf deutsche Pässe endlich genehmigt worden sei. Jetzt gilt es nur noch, die restliche Familie von der Notwendigkeit, einmal nach soundsoviel Jahren wieder in die Heimat zu fahren, zu überzeugen. Doch das ist gar nicht so leicht. Denn sie leben, bis ins Glied der Enkel, hinein, mit allen Fasern ihrer Existenz inzwischen eben in Deutschland. Vor allem Canan (Aylin Tezel) ist gerade schwanger geworden und möchte wirklich lieber zuhause bleiben. Trotzdem soll es unbedingt darum gehen, in den Herbstferien den neuen Sommersitz der Familie im fernen Anatolien kennenzulernen.
Auf der Fahrt stellt der Jüngste, Cenk (Rafael Koussouris), neugierige Fragen über die Herkunft der Familie, ihre Identität, und Canan (Aylin Tezel), die 22 jährige Cousine, beantwortet sie, indem sie ihm eine kindsgemäß märchenhafte Geschichte offeriert. Sie kommt so leichtfüßig daher, dass der Zuschauer beständig zwischen Tränen der Freude und der Sentimentalität entscheiden muss.
Zwischen Bergziegen lernen sich Hüseyin und Fatma kennen. Eines Tages kidnappt er sie förmlich, indem er hinter einem Baum wie eine Gazelle hervorspringt. Sie erliegt seinem Charme. Erst später wird sich herausstellen, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger war. Sie gründen eine Familie. Weil es ihm schwerfällt, eine Familie zu ernähren, lässt er sich als Gastarbeiter anwerben. Fatma sagt Winke Winke, und seine Kinder vergessen ihn sogar für eine Weile ganz, weil er so lange weg ist. Er schickt Geld nach Deutschland. Die gute D-Mark. Dann bekommt er eines Tages die Erlaubnis zur Familienzusammenführung. Er holt sie alle nach Deutschland. Hier kackt man in große Schüsseln, auf die man sich setzen muss, und die Männer haben keine Schneuzer mehr. Und alle trinken Coca-Cola. Und was es nicht sonst noch an tausend Unterschieden zwischen Deutschen und Türken gibt. Der Film schwelgt auf höchst unterhaltsame Weise im ironischen Durchmustern der Klischees.
Canan hat die Geschichte fast zu Ende erzählt, als die Familie im türkischen Kleinbus im Anatolien auch am Ziel angelangt scheint. Da erliegt Opa plötzlich im Bus einer Herzschwäche. Die Hitze und das Alter. Es ist aber, als ob er sein Werk bereits getan hätte. Die Kinder begraben ihn mit höchlichstem Respekt auf dem Grundstück, obwohl er nach türkischem Recht als gerade zum Deutschen Gewordener gar keine Anrechte mehr auf ein Begräbnis in türkischer Erde hat. Für einen Moment lang scheinen auch die endlosen Streitereien der Kinder aufzuhören. Selbst auf Canans Fehltritt mit dem Engländer fällt jetzt der Schimmer des Verzeihens.
Und glühend sinkt die Sonne über dem Meer Anatoliens, wenn die Kinder und Kindeskinder Huseyins spüren, dass sie ihre Wurzeln kennengelernt und begriffen haben. War das Opas letzter Wille? Schließlich kann jetzt auch der kleine Cenk die Rede vor der Bundeskanzlerin halten, die den Einemillionsten Gastarbeiter offiziell ehren will. Er und Opa hatten beim Friseur doch noch gemeinsam geübt.
Deutschland 2011
Regie: Yasemin Samdereli
Drehbuch: Nesrin Samdereli
Yasemin Samdereli
Produktion: Ursula Woerner
Andreas Richter
Annie Brunner
Musik: Gerd Baumann
Kamera: The Chau Ngo
Darsteller: Vedat Erincin
Fahri Ögün Yardim
Lilay Huser
Demet Gül
Rafael Koussouris
Aylin Tezel
Denis Moschitto
Petra Schmidt-Schaller
Aycan Vardar
Ercan Karacayli
Kaan Aydogdu
Siir Elogdu
Siir Eloglu
Aliya Artuc u. a.
Verleih: Concorde
97 Min.
Joe Schmidt / 25.02.11
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