Der Filmblog
Alles ist Schicksal: Slumdog Millionaire
Ein verarmter Junge aus den Slums von Mumbai nimmt auf dem Fernsehsessel einer Fernsehshow Platz, um ein paar Fragen zu beantworten. Er kann die Fragen beantworten – und wird zum Millionär. Eine simple Geschichte, nein, keine Geschichte, die realistisch sein will, sondern eigentlich ein Traum. Nur in Träumen passiert es, dass Bettler Millionäre werden. Nur in den Märchen, ja.
Der Film erzählt dieses geträumte Märchen. Wir können uns vorstellen: es passiert nur im Kopf des Slumjungen, der plötzlich in diese Fernsehshow geladen wird. In Wirklichkeit wohl irgendwo herumdieben, herumschwindeln und in einer nicht nennenswerten Ecke der großen Stadt Mumbai dahinvegetieren und irgendwann auch als ein Niemand sterben muss. Aber der Film erzählt die Mär vom aufrichtigen Jungen, den das Leben eines Tages plötzlich belohnt. Nur sein Bruder ist der eher lügnerisch und kriminell veranlagte. Er selbst liebt die Wahrheit. Und Latika.
Und weil er sosehr die Wahrheit liebt, hat ihn der Erzähler des Films zum Protagonisten gemacht. Alle Schätze dieser Welt sind sein, er wird im Licht der Öffentlichkeit stehen. Am Schluss jedenfalls. Am Ende dieses Traums, an dessen Anfang die Hölle stand, die sein Leben prägte.
Doch erzählen wir: Jamal Malik (Dev Patel) schafft es mehr durch Zufall, in eine Fernsehshow à la Günter Jauch zu gelangen ‘Wer wird Millionär?’. Er muss Fragen beantworten, Wissensfragen, Bildungsfragen. Zum Beispiel, wer ist der Mann auf der 100 Dollar-Schein. Oder welche Attribute hat der Gott Rama. Der ungebildete Slumdog, der gerade einmal lesen kann, kann alle diese Fragen nacheinander beantworten. Eigentlich weiß er weniger als nichts, hat sein bisheriges Leben als Tellerwäscher, Touristenführer oder Telefonfritze verbracht. Jetzt plötzlich nimmt er alle diese Hürden mit einem Mal. Das scheint Schicksal.
Auch Latika scheint sein Schicksal. Als in seiner Kindheit muslimische Krieger in den Slum einfielen, wurde die Mutter der beiden jungen Brüder Jamal und Salim getötet. Jamal (Ayush Mahesh Khedekar) und Salim (Asharuddin Mohammed Ismail) verkriechen sich in einem Häusereingang und nehmen ein kleines Mädchen zu sich, Latika (Rubiana Ali), das ebenso gerade seine Eltern verloren hat. Später, in der Fernsehshow, wird Jamal nach den Attributen des Gottes Rama gefragt werden, den er in jenem furchtbaren Moment seiner Kindheit in seiner ganzen brutalen Macht kennengelernt hatte. Seine Attribute waren Pfeil und Bogen. Das Ziel die eigene Mutter. Wie könnte er das vergessen? Am Schluss der Show soll Jamal den Namen des dritten Musketiers nennen, nach dem er schon zu Schultagen vergeblich gefragt wurde. Das dritte Musketier wurde im Spiel der Kinder das fremde Mädchen, das die beiden Brüder nach dem Muslim-Krieg bei sich im Hauseingang schlafen ließen. Aber den Namen des Musketiers kannten sie auch nicht. Bei der Fernsehshow wird nun der Name wieder gesucht. Jamal rät jetzt den richtigen Namen. Er wird innerhalb von einer Minute zum Millionär und zugleich zum glücklichsten Mann der Welt, da er damit seine Latika (Freida Pinto), das dritte Musketier, für sich endlich wiedergewinnt, von der er seit Jahren getrennt ist und die diese Minuten - wie er es sich erhoffte – tatsächlich auf dem Bildschirm mitverfolgt hat. Es ist Märchensprache, im Nennen des richtigen Namens das Wunderbare herbeirufen zu können. Liebe, Ruhm und Reichtum kommen zu ihm im selben Moment.
Alle Fragen, die er in der Show gestellt bekommt, rekapitulieren oder erinnern in Rückblenden Augenblicke aus dem Leben des Slumdogs, das nie auf Show und Business angelegt war. Wie, zum Beispiel, sollte er nicht auch noch den Namen des Sängers wissen, der das Lied komponierte, das die Slumdogs einem Banditen und Kinderkidnapper vorsingen mussten, der sich seine Opfer aus den Slums schnappte und ihnen die Augen ausbrannte, um sie auf Bahnhöfen als kleine blinde Sänger auftreten lassen zu können? Maman (Ankur Vikal) liebte dies Lied sosehr. Aber nach dem Namen des Komponisten des Liedes später ausgerechnet auf einer Fernsehshow vor unzähligen Fernsehzuschauern gefragt zu werden, ist wiederum Schicksal.
Alles ist Schicksal in dem Film, die erste Liebe unter Kindern und der Schwur ewiger Treue, der Gedanke zusammenzugehören, zu kämpfen, zu leiden und schließlich und vor allem der unwirklich schöne Schluß, das überschäumende Glück des Slumjungen, auf das alle Schicksalslinien zuführen und im geheimen wohl angelegt waren. Wahrscheinlich wird es Jamal in der bitterkalten Realität ja nie zum reichen Mann bringen. Und wahrscheinlich wird Latika ja eine Tänzerin und Hure in den Slumvierteln von Mombai bleiben und und er sie gar nicht wiedersehen. Und wahrscheinlich wird sein Bruder Salim (Madhur Mittal), der sich inzwischen dem Gannoven Javed (Mahesh Manjrekar) andient, immer erfolgreicher durchs Leben gehen als er selbst.
Und doch instrumentiert der Film gerade diese Hoffnung, dass das Andere möglich ist. Auch wenn der Showmaster (Anil Kapoor), eine diobolische Figur, die spürbar mit von Frage zu Frage stärker werdendem Hass die richtigen Antworten Jamals anhört, ihn vor der letzten Frage, die ihn endgültig zum Wahnsinnsmillionär macht, erst mal verhaften lässt, weil er meint, dass der Slumjunge ein Betrüger sein muss. Und wieder wird Jamal getreten und verhöhnt, wie sein ganzes Leben lang, diesmal von den Polizisten auf dem Revier. Doch weil der Kommissar nichts findet an dem Jungen, muss er ihn wieder freilassen. Und am nächsten Tag darf Jamal wieder auf dem Fernsehsessel vor seinem Millionenpublikum sitzen. Es ist in gewisser Weise der fiktivste Fernsehsessel der Welt. Die letzte Frage kann er nicht beantworten, denn den Namen des dritten Musketiers kennt er nun mal nicht. Doch indem er einfach rät, bringt er seinen gewaltigen Glücksgewinn zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Gefahr. Und der Showmaster inszeniert das Schicksalshafte hinter dem Quizspiel jedesmal nach einer gegebenen Antwort mit der gleichen Eindringlichkeit, wenn er der Technik schließlich den Befehl erteilt: ‘Computer, Antwort einloggen!’ Jamal gewinnt. Und Latika stürzt ebenso überglücklich durch die Straßen Mumbais zu Jamal in das Fernsehstudio. In demselben Tempo, in dem die Slumkinder ein Leben lang auf der Flucht vor ihren Verfolgern waren. Jetzt, um den Augenblick, wo sich die Träume erfüllen, nicht zu verpassen.
Der Triumph der Wahrheit und der Liebe über einer traurigen, bitteren Realität – kitsch as kitsch can, würden wir den Schluss als Europäer gern verhöhnen. Ein Film, der soviel Glückssirup ausgießt, kann am Ende nicht überzeugen. Und doch sind die vielen Szenen der Armut und des traurigen Irrsinns, in dem die Kinder aus den Elendsvierteln des ehemaligen Bombays leben, beklemmend authentisch eingefangen, nicht nur weil Laiendarsteller mitwirkten. Offenbar müssen wir begreifen, dass der Film die Hoffnung genauso glaubwürdig ausstreuen will wie die Erinnerung an das Elend, in dem die Menschen in diesen Vierteln der Welt leben müssen.
Großbritannien/ Indien 2008
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Simon Beaufoy
Vikas Swarup
Produktion: Paul Smith
Tessa Ross
Paul Ritchie
Christian Colson
Ivana Mackinnon
Musik: A. R. Rahman
Darsteller: Dev Patel
Madhur Mittal
Freida Pinto
Anil Kapoor
Ankur Vikal
Rajendramata Zutshi
Ayush Mahesh Khedekar
Asharuddin Mohammed Ismail
Rubiana Ali
Mahesh Manjrekar
Verleih: Prokino
120 Min.
Joe Schmidt / 17.05.09
Um Nutzer-Kommentare zu erstellen, müssen Sie eingeloggt sein. Klicken sie auf Kontrollzentrum, um sich einzuloggen oder einen Account zu erstellen.
Nutzer-Kommentare
Zu diesem Beitrag existieren noch keine Kommentare.