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Der Filmblog

Adam und Eva plus 1: Drei

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Es wird Zeit, die Geschichte von Adam und Eva neu zu erzählen, und zwar schnell. Denn Tom Tykwers neuer Film „Drei“ entwirft einen neuen Mythos - das Wort zugegebenermaßen unspektakulär und gewiss nicht religiös gemeint – von einem Menschen, der nicht nur ein Alter Ego braucht, das andere Geschlecht, sondern gewissermaßen auch ein Alter Allotrion, ein Fremdgeh-Alter, das das verbrauchte Alter Ego im Konflikt mit seinem Ursprungsego - sagen wir verkürzt - etwas aufzumöbeln vermag.

Das ist nun an sich gewiss keine revolutionäre Idee. Aber weil Tykwer mit Biologiestammzellforschung, Ethikdiskussion, Generationenkonflikt, Beziehungsproblematiken, dem philosophischen Thema Tod und nicht zuletzt einer kräftigen Portion komödiantischem Humor in seinem Film aufwarten kann, gerät uns das Stückchen nicht zur Schmalgeistschmonzette für Jungvierziger und alternde Sexrebellen, sondern regt gottseidank auch zum Nachdenken an über neue Konzepte des Miteinanderlebens.

Aber etwas runtergefahren: Hanna (Sophie Rois) und Simon (Sebastian Schipper) führen eine Dauerbeziehung seit nunmehr zwanzig Jahren, die einigermaßen abgeschlappt ist. Eigentlich ist das schon fast die Form der Ehe, gegen die die 68er angingen, indem sie ihr Bett-Hopping gegen das klassische monogame Konzept der Ehe propagierten. Hanna und Simon ertrinken gleichermaßen im Alltagsfoxtrott ihrer Berufe, er finanziert engagiert erfolglosen Künstlern den Bau ihrer Ideen, sie moderiert mittelinteressiert Fernsehsendungen im Kultursektor. Die Eingangsszene entwirft mythisiert den Schöpfungszustand des Lebens vor ihrem Beginn, den alles erlahmenden Tod. Simon liegt über Hanna, und sie diskutieren, wer von ihnen beiden eher sterben wird. Dann sagt sie, ich dachte, du schläfst mal wieder mit mir. Da sagt er, indem er den Vorwurf einfach an sie zurückgibt: ich dachte, du schläfst mal wieder mit mir. Die beiden leben einfach nur noch dem Schein nach miteinander.

Ein Glück, dass der Beruf sie aber noch unter Leute bringt. Sie lernen einen imposanten Hübschling kennen, Adam (David Striesow), der praktisch alles tut, was sie beide nicht richtig hinkriegen. Er treibt nicht nur alle möglichen Sportarten, singt im Chor, ist beruflich als Stammzellenforscher engagiert und sehr erfolgreich. Er ist vor allem eines, sexuell aktive Projektionsfigur und auch hierin überaus glücklich wirkend. Die Projektionsfigur ist zweifellos dramaturgisch allzu positiv angelegt, was dem Aufbau des Films schadet, denn der Figur fehlen Schrammen und Charakterkratzer. Sie sind bei Adam offensichtlich allesamt heruntergekürzt auf Genrekompatibilität in Richtung Komödie.

Adam ist bisexuell aus Leidenschaft und Überzeugung. Er bezwingt mit seinem Charme erst Hanna, die in einer drolligen Szene bei ihrem ersten Rendezvous schon nach wenigen Minuten vor ihm aus dem Badezimmerfenster flüchten will, weil sie genau weiß, dass die Falle zuschnappen wird. Und tatsächlich flüchtet sie übers Dach in die falsche Richtung, die Feuerleiter wäre auf der anderen Dachseite gewesen. Dann verbringen die beiden doch recht schnell ihre erste Nacht miteinander. Und das, während Simon gerade ins Krankenhaus eingeliefert wird mit Hodenkrebs. Während Hanna an der Männlichkeit eines fremden Mannes herumnascht, wird Simon eine Hodensackhälfte amputiert. Doch schon wenige Tage später nach der Operation geht Simon schwimmen und lernt in der Kabine ausgerechnet denselben magischen Verführer kennen, dem seine Frau gerade erlegen war und der ihm nun im Nu seine eigene verdrängte Seite der Sexualität, die homoerotische, näherbringt. Befrei dich von deinem deterministischen Biologieverständnis, rät Adam, der Führer zu offenen neuen partnerschaftlichen Glückserfahrungen hin, ihm, und Simon muss bei dem Satz lachen. Überhaupt ist der Film voll von Anspielungen auf christliche Motive, Adam der Schöpfungsherr zum Beispiel, oder eben die Zahl Drei als trinitarische Urzahl, die in Schicksalskonstellationen wiederkehrt. All das ist hier pervertiert im Kleid der Postmoderne, die die Motive nach Gusto durchwäscht.

Doch wie der Film bei dem Thema der Öffnung von Beziehungsbindungen, die sich im Nichts des Ungekannten neu entdecken wollen, jeden Moment in die jähe Katastrophe abkippen könnte, ist das gerade seine Stärke. Der Film führt eine Weile kunstsinnig beide Liebeleien virtuos parallelisiert vor, bis die beiden Liebesstränge sich notwendig aufeinander zubewegen. Bei einer Kunstausstellung laufen Hanna und Simon um ein Haar gemeinsam Adam direkt in die Arme und können sich beide nur in letzter Sekunde Richtung Toilette monövrieren, um der Peinlichkeit einer gemeinsamen Begegnung zu dritt zu entgehen. Als schließlich Hanna feststellt, dass sie nach Jahren zähen und verzweifelten Wartens endlich, endlich schwanger ist, verpatzt sie nicht nur ihre eigene Fernsehsendung, sondern rennt zu Adam in die Wohnung, um dort ihren eigenen fast-Ehemann und Lebenspartner bei Adam bei seinem neusten Erfahrungstrip in Sachen Homoerotik zu überraschen. Der Ohnmacht nahe, da sie noch soeben in Adam den intimen Vertrauten sah, sieht sie sich jetzt der eigenen Katastrophe und zugleich einem Neubeginn gegenüber.

Die Katastrophe der Untreue, die ja beide Partner gleichzeitig und gewissermaßen im selben Herztakt erleiden und vorantreiben, ist im Film umgebogen auf die Linie bisexueller Glückserfahrungen, bei der die überkommenen Kategorien Treue und Moral abgedankt haben. Während Simon auch noch seine ebenfalls krebskranke Mutter verliert, wird Hanna endlich Mutter und spürt auch auf diese Weise ihr Leben jenseits der Neurosen und Alltagsprobleme neu. Aus dem Muttersöhnchen ist endlich ein Mann, aus der Emanze eine Mama geworden. Der Schluss ist allzu versöhnlich und nur in Komödien erlaubt. Die Drei finden schließlich beglückt im moralfrei gewordenen und sauber gemachten Bett zueinander.

Sophie Rois‘ burschikoser Charme spannt die Szenen leichtfüßig zusammen. Sebastian Schipper gibt den räsonnierten Sohn der aufgeklärten Achtundsechzigermama überzeugend. Auch David Striesow als der Vitaminbonbon der Beziehungen, der selbst immerhin auch eine zerbröckelte Ehe verantworten muss, schenkt dem Dreiecks-Undrama Glaubwürdigkeit, obwohl der Film ohne dieses dramaturgisches Vehikel praktisch nicht atmen könnte.

Den größten Komödianten gibt der unsichtbare Regisseur als Mitspieler im Hintergrund ab. Um ein Haar wäre das intensiv gespielte Kammerspiel in ein Todesdramolett der Hoffnungslosigkeit weggerutscht.

Deutschland 2010
Regie: Tom Tykwer
Drehbuch: Tom Tykwer
Produktion: Tom Tykwer
Stefan Arndt
Kamera: Frank Griebe
Musik: Reinhold Heil
Tom Tykwer
Johnny Klimek
Darsteller: Sophie Rois
Senastian Schipper
David Striesow
Senta Dorothea Kirschner u. a.
X-Verleih
119 Minuten

Joe Schmidt / 22.01.11

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