[ Sie sind zur Zeit nicht eingeloggt. ] [ Registrieren oder Einloggen im Kontrollzentrum ]

Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Der Filmblog

Abgestürzte Künste: Berlin Calling

Bild zu Abgestürzte Künste: Berlin Calling

Nutzer-Kommentare

Zu diesem Beitrag existieren noch keine Kommentare.

Das Genre des Musikkünstlerfilms ist um ein Steinchen bereichert. Jetzt ist der DJ der Künstler, der die geheime Waffe der Kunst beherrscht und die Massen in Bann schlägt. Er wird umjubelt und vielleicht auch schnell wieder verstoßen, wenn er den Alltagsgesetzen des Business nicht gehorcht. Jedenfalls ist er immer im Mittelpunkt und weiß das auch. Mozart hat ausgedient, wie es scheint, jetzt ist es der DJ Ickarus. Sinnträchtig wird im Film eine brüchige Figur der griechischen Mythologie bedient, um die Sturz- und Absturzgefahr des zeitgenössischen Technokünstlers glaubwürdig zu machen. DJ Hannes Karow ist naiv genugt, Ikarus mit “ck” zu schreiben und ein prolliges Icke hinter dem Ikarus, also ein Icke-Ickarus noch spüren zu lassen. Die Idee ist sanft ironisch und eine der angenehmen Seiten des Films. Im Kern ist natürlich jeder Künstler, der die Grenzen und Abgründe des Menschseins auslotet, absturzgefährdet und rettet sich tatsächlich am besten durch ein übersteigertes Selbstbewusstsein, wenn er überleben will. Aber einen Film über ihn wollen wir nur sehen, wenn er auch eine menschliche Seite zeigt, liebt, Sex hat, Schwächen zeigt oder unter Krankheiten leidet.
DJ Karow-Ickarus (Paul Kalkbrenner) scheint dabei eigentlich schon alles zu haben, was er braucht, die Anerkennung, seinen Club, wilden Sex mit schönen Frauen, Freunde, vor allem die Aussicht auf die nächste Platte. Aber er rutscht in den Drogendschungel, in dem er sich ohnehin gut auskennt, zu tief hinab. Er nimmt Pillen, die echte Giftstoffe enthalten, und kippt spürbar aus jeder noch für andere nachvollziehbaren Rolle. Er beginnt zu fliegen. Sitzt plötzlich in einem Cafe und schmiert sich die Hände mit Quark ein. Er kommt in eine Entzugs- und Nervenheilanstalt - als Künstler unter alltäglich Irrsinnigen. Er, der Grenzüberschreiter, der anderen den Weg aus dem Alltag bahnt, hat selbst die Grenzen überschritten. Zu denen, die nur einfach ein schräges Hirn haben, gehört er jetzt so wenig wie zur Welt der Labels, des Musik-Business und des kontrollierten Kunst-Wahns. Es scheint zunächst, dass er sich in der Falle auch verfängt. Er kann für Stunden Ausgang haben aus der Heilanstalt, kann sogar seine Technik am Ort weiterbenutzen. Aber ist umgeben von Leuten, die ihr T-Shirt nicht im Schrank finden, nicht mehr den Alltag kennen. Seine einzige Gesprächspartnerin ist eine Psychiaterin, die ihn möglicherweise auch eher als interessantes Fallbeispiel für ihr neues Buch über Drogenkonsum nutzt. In jedem Falle aus ihren Patienten beruhigte Existenzen machen will. Während sie die Gespräche mit dem für sie äußerst exzentrischen Künstler führt, füttert sie Goldfische. Aber Künstler sind keine Goldfische.
Ein gut gebauter Film um einen Techno-Künstler, der das reale Berliner Szeneleben um ‘Maria am Ostbahnhof’ in Bilder bringt, in der das Gesetz der nächsten Laune regiert. Einschließlich partytechnisch guteingebautem Sex auf der Toilette. Vollgestopft von Beruhigungstabletten der besorgten Psychiaterin phantasiert Martin einmal im Krankenbett, er würde gern im nächsten Leben als Eintagsfliege wiedergeboren werden. Und gibt dabei zu, dass er nichts von Buddhismus versteht. Martin Karow wird geschauspielert von einem realen Technokünstler der Szene, Paul Kalkbrenner, was dem Film Authentizität verleiht. Die Musik ist eigens von ihm für den Film komponiert und schenkt auch Nichtkennern Zugang zu einer sehr vielseitig gewordenen Szene. Einige Abschnitte des Films sind life gedreht.
Dass alles doch mitunter wie gestellt wirkt - , wie bei Künstlerfilmen nicht selten - , mag unter anderem daran liegen, dass die Figur so unerhört kunsttechnisch-lebenstauglich angelegt ist. DJ Karow fehlt jede Besessenheit, die die Grenzen sprengen würde. Auch er ist letztlich nur ein Unterhaltungskünstler, der sein Publikum braucht. Wenn die Labelchefin Alice (stilsicher kalt: Megan Gay) ihn nicht mehr unterstützen will, zerschlägt er nach dramaturgisch wohlerwogener Vorlage das Mobiliar des Büros. Läuft mit sentimentalen Gefühlen zu seiner Freundin und Managerin Mathilde (Rita Lengyel), die seine Eskapaden nicht mehr erträgt. Doch wenn die Musikproben für die Platte, die er scheinbar so nebenher auf dem Krankenbett geschrieben hat, überzeugen, gewinnt er sofort wieder den Anschluss an die Realität. Das ist zu glatt.
Corinna Harfouch als die Psychiaterin Professor Paul in der Klinik, die den eigentlichen Gegenpart abgeben könnte, wirkt als die halb wissenschaftlich interessierte, halb persönlich Affinität entwickelnde Vertreterin bürgerlicher Gesundheit und Vernunft zu blass. Auch die Begegnung mit dem alternden Vater, einem biederen Kirchenorganisten (Udo Kroschwald), der Martins besondere Liebe zu der Art von Musik nicht begreift, schenkt keinen echten Kontrast.
Wohin führt Martins Genesung? Dass er des Vaters Orgelspiel plötzlich bewundern lernt? Oder in neue Plattitüden?
Die Kunst ist eine Droge. Ihretwegen starben schon immer Menschen, in den Armutskammern oder in den Gefängnissen ihrer Phantasie. Manchmal auch an Krankheiten. Heute ist die Kunst im Technohimmel eine Droge unter Drogen geworden, wie es scheint. Sie ist drogierbar geworden. Wendet man vor der nächsten Platte nur die richtige Dosis an, ist der Erfolg fast schon garantiert. Wenn wir in der letzten Szene Martin und Mathilde auf dem Flughafen auf den nächsten Flieger warten sehen, die in den wohlerverdienten Urlaub nach dem Stress der Platte fahren wollen, spüren wir den ganzen pseudomythologischen Himmel, in den wir durch den Film gelockt werden. Ickarus hebt gar nicht ab, sondern startet am Ende nur in den nächsten Urlaub. Und der Zuschauer hat trotz aller Flugversuche des Films nicht den Boden unter den Füßen verloren. 

Deutschland 2008
Regie: Hannes Stöhr
Drehbuch: Hannes Stöhr
Darsteller: Paul Kalkbrenner
Rita Lengyel
Corinna Harfouch
Megan Gay
Araba Walton
Peter Schneider
Rolf-Peter Krahl
Henriette Müller
Udo Kroschwald
Max Mauff
Verleih: Movienet
109 Min.

Joe Schmidt / 09.11.08

Nutzer-Kommentar hinzufügen

Um Nutzer-Kommentare zu erstellen, müssen Sie eingeloggt sein. Klicken sie auf Kontrollzentrum, um sich einzuloggen oder einen Account zu erstellen.