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90 Minuten mit einem Mann in einer Kiste: Filmfest Hamburg Tag 3

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Ein fester Programm(schwer)-punkt beim Hamburger Filmfest ist die sogenannte „Vitrinas“-Sektion, in der aktuelle Produktionen des lateinamerikanischen Kinos gezeigt werden. Daneben gibt es jedes Jahr aber auch noch eine länderspezifische Retrospektive, die sich diesmal Argentinien widmet. In dieser Reihe konnte man einen absurd-witzigen „Klassiker“ der kleinen Filmnation sehen – „El dependiente“ (zu deutsch etwa: Der Abhängige) aus dem Jahre 1969. Der Film erzählt von einem Ladenangestellten, der dereinst das Geschäft erben soll. Das ergibt einen emotionalen Zwiespalt, denn der Protagonist ist dem Besitzer für die langjährige Beschäftigung sehr dankbar und eigentlich auch freundschaftlich verbunden. Aber irgendwie wäre es auch schön das Geschäft übernhemen zu können, vor allem da er sich mit der Senorita Plasini verloben möchte. Diese emotionale Zerrissenheit hat der Regisseur hervorragend in formale Absurditäten übertragen, die den Film trotz einer gewissen „intelektuellen“ Art zugänglich und sehr unterhaltsam machen.

Überhaupt waren die wirklich nennenswerten Filme, die ich heute sehen durfte eher humorvoll inszeniert. In diese Kategorie fällt auch der polnische Film „Rewers“, der von der polnischen Filmindustrie für die Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ bei den Oscars eingereicht wurde, es aber nicht unter die ersten 5 Nominierten geschafft hat. Ein an sich ernstes Thema (Repressalien durch die polnische Staatssicherheit) wird hier sehr schwarzhumorig umgesetzt. Polen in den 50er Jahren:  Sabina ist 30 und noch immer nicht unter der Haube, was Mutter und Großmutter, schon ganz wuschig macht und zu diversen, zum Scheitern verurteilten Verkupplungs-Versuchen führt. Als Sabina eines Nachts überfallen wird und der edle Retter Bronislaw daherkommt, ist es um sie geschehen: Sabina ist endlich verliebt. Relativ schnell stellt sich aber heraus, dass er von der Staatssicherheit ist und an sie rankommen wollte, um ihren Chef bei einem Verlag auszuspionieren. Die entsetzte Sabina, die auch vorher dem Widerstand gegen die Staatsgewalt zumindest im Geiste nicht abgeneigt war, vergiftet ihn, was noch mal ordentlich Trubel im Haushalt verursacht, denn eines Tages schleppt der Bruder ein paar Politbüro-Bonzen auf einige zu viele Drinks zu Hause an. Erfreulich an dem Film ist, dass er den charmant-witzigen Tonfall die ganze Zeit aufrecht erhält, ohne damit seiner ernsten Geschichte oder der Glaubwürdigkeit der Geschichte zu schaden. Einzig ein bisschen aus der Reihe fallen ein paar „Vorblenden“ in die Gegenwart, die dem Film eigentlich keine weitere Dimension hinzufügen.

Höhepunkt des Tages war allerdings ein perfekt durchkonstruierter Thriller, der im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen auf dem Festival auch eine reguläre Kinoauswertung im November diesen Jahres erfahren wird: „Buried“, vom Spanier Rodrigo Cortès mit dem Amerikaner Ryan Reynolds für den internationalen Markt produziert, erzählt erst einmal keine neue Geschichte. Lastwagenfahrer Paul Conroy wacht auf und findet sich im Dunklen wieder. Als er mit seinem Feuerzeug ein bisschen Licht macht, stellt er fest, dass er lebendig in einen Sarg gesperrt und vergraben wurde. Neben dem Feuerzeug hat er nur ein Handy griffbereit, dessen Empfang schlecht bis nicht vorhanden ist und der Akku nährt sich auch dem Ende. Und in ca. 90 Minuten könnte auch der Sauerstoff alle sein. Wo andere Filme dieses Sujets immer mal den Blick aus dem Sarg wagen, bleibt Cortès bis zum Ende hin konsequent und verlässt niemals den engen Raum. Es wird auch kein Licht für den Zuschauer gemacht – wenn Paul Conroy nichts sieht, sieht auch der Zuschauer nicht. So entsteht bei dem Zuschauer das Gefühl, mit eingesperrt zu sein. Ein großartig umgesetzter Thriller mit einem unglaublichen Ende, das hier natürlich nicht verraten werden soll.

18. Filmfest Hamburg vom 30.09. bis 09.10.2010

Jan Boltze / 04.10.10

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