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Souvenirs de Voyage
On Wenlock Edge the wood’s in trouble
His forest fleece the Wrekin heaves;
The gale, it plies the saplings double,
And thick on Severn snow the leaves.
So beginnt das Gedicht „On Wenlock Edge the wood’s in trouble“ von Alfred E. Houseman, welches dieser im 19. Jahrhundert verfasste. Wenlock Edge ist eine Böschung, die mit ihrer Höhe von 330 Metern so groß ist, dass man sie aus dem Weltall sehen kann – angeblich. Für Bernard Herrmann, welcher dieses Jahr seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte, war dieses Gedicht Anlass, ein Klarinettenquintett zu schreiben, welches er „Souvenirs du Voyage“ taufte, das aber weniger durch eigene Reisen inspiriert war, sondern eher durch die Impressionen, die das besagte Gedicht von A.E. Houseman in ihm hervorrief und welches Teil des „Shropshire Lad“-Zirkels des Dichters ist. 1967, nachdem bereits Ralph Vaughan Williams diese Zeilen musikalisch vertont hatte, schickte sich Herrmann an, eine eigene Version zu konzipieren – instrumental, ohne Stimme, als Klarinettenquintett.
‘Twould blow like this through holt and hanger
When Uricon the city stood:
‘Tis the old wind in the old anger,
But then it threshed another wood.
Für den Komponisten war dies eine Zeit, in der er wieder aufzublühen schien. Entdeckt von jungen Filmemachern sollte Herrmann in den folgenden Jahren wieder zunehmend Aufträge für Filmmusiken erhalten, nachdem sich zahlreiche alte Weggefährten vom jüdischen Intellektuellen distanziert hatten – in den meisten Fällen aufgrund der schwierigen, aufbrausenden und oft verletzenden sowie verletzlichen Persönlichkeit des Mannes, der sich für die Musik zu „Psycho“ verantwortlich zeichnete. Auch im Privatleben hatte Herrmann seinen zweiten Frühling gefunden, denn im November 1967 heiratete er seine neue Liebe Norma Shepherd. Diesem Konzertwerk voraus ging das Streichquartett „Echoes“, eine Musik, mit der Herrmann den Schmerz betäuben wollte, den er 1965 und 1966 noch zu durchleiden hatte, denn abgesehen von dem kommenden Hitchcock-Projekt „Torn Curtain“ war der Komponist kaum noch gefragt, er litt darunter, dass sein Herzensprojekt, die Oper „Wuthering Heights“ kaum Beachtung erfuhr und hatte sich 1964 zudem von seiner zweiten Ehefrau scheiden lassen. Aufgrund dieser Erfahrungen begab sich Herrmann auf eine Seereise – Erinnerungen, Emotionen und Impressionen flossen in „Souvenirs de Voyage“ ein.
Then, ‘twas before my time, the Roman
At yonder heaving hill would stare:
The blood that warms an English yeoman,
The thoughts that hurt him, they were there.
In herber Harmonik beginnt die Klarinette ein zärtliches, unterkühltes Liebesthema, dessen Klangfarben an den neun Jahre zuvor entstandenen „Vertigo“ erinnern. In dieser Tristan und Isolde-Stimmung setzen die Streicher ein, bäumen sich auf, legen einen Kontrapunkt unter das Holzblasinstrument. Vielleicht ist es die Szene an der Brücke von San Francisco, die vor dem geistigen Auge des Zuhörers wiederbelebt wird, die Fantasie einer begehrenswerten und doch unerreichbaren weiblichen Schönheit, wie sie Herrmann etwa auf seiner Schiffsreise vor Beginn der Komposition kennen lernte. Die Musik bäumt sich auf, in zahlreichen Crescendi entfaltet sich eine tiefe Leidenschaft, die in den nachfolgenden Minuten des ersten Satzes – des „Andantes“ – ihre Erfüllung finden soll, ehe harsche Dissonanzen in den Streichern diese wieder ersterben lassen. Es ist der Liebestod in der Musik, der die Violinen, die Viola, das Cello und den Kontrabass in langen Bögen herniedersinken lässt. Einen zärtlichen valse triste für Violine setzt dem Andante schließlich ein Ende, es ist der Walzer einer ausklingenden Party, auf der sich nur noch ein Paar auf der Tanzfläche bewegt – leise zu den melancholischen Noten der müden Musiker tanzend.
There, like the wind through woods in riot,
Through him the gale of life blew high;
The tree of man was never quiet:
Then ‘twas the Roman, now ‘tis I.
Der zweite Satz als Berceuse, als Wiegenlied, teils bewusst schal und kraftlos. Musik in dunklen Farben, kaum beweglich, trist und voller Melancholie. Man wähnt die Bäume, welche im Gedicht die wichtigsten Rollen spielen, im dichtesten Nebel. Farblos ist die Umgebung. Leise, leise bewegen sie sich im Wind in der toten Landschaft. Herrmanns Musik ist unendlich traurig, doch nicht wehmütig. Steven C. Smith nannte es in seinem Buch „A Heart at Fire’s Center“ das musikalische Brechen der Wellen gegen die Steine an der Küste, wenn die nachfolgenden Rhythmen erklingen und den Satz zu Ende bringen.
The gale, it plies the saplings double,
It blows so hard, ‘twill soon be gone:
To-day the Roman and his trouble
Are ashes under Uricon.
Die vorhergehenden Stimmungen lösen sich in einem zärtlichen, lyrischen, fast sentimental-kitschigen Liebesthema auf. Es wirkt wie ein Befreiungsschlag, wenn die Sonne durch die ehemals dichten Wolken sticht und die in Nebel gehüllten Bäume in einem goldenen Glanz anstrahlt. Ein Schwanengesang – auch für Herrmann, denn „Souvenirs de Voyage“ sollte sein letztes Konzertwerk bleiben, eine angedachte Orgelsinfonie von 1975 blieb unvollendet. Das Streichquartett „Echoes“ war für den Komponisten wie eine Therapie, das Klarinettenquintett setzt verschiedene Thematiken fort. Die Erinnerungen an eine Reise wie die schwelende Aufarbeitung von vielen Themen, die Herrmann anschließend noch bewegten – die Lösung von der Furcht der Ablehnung durch neue Aufträge, die Einsamkeit, die sich wie ein dichter Nebel durch Norma Shepherd verzog und eine goldene Sonne in das Leben des Mannes brachte, der die Poesie liebte und Housemans Gedicht in drei impressionistische Bilder umsetzte voll verschiedener Stimmungen mit Sehnsüchten, Träumen und Wünschen, malerische Impressionen der Natur hervorrufend.
Stephan Eicke / 24.02.11