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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

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Kölner Nächte - Zwei Konzerte in der Philharmonie

Der November in der Rheinmetropole Köln ist trüb und grau. Die Spitzen des Doms verschwinden in Nebelschwaden, während 150 Meter tiefer der Wind über die betonlastigen Freianlagen um das Wahrzeichen bläst. Selbst das grandiose Südquerhausfenster von Gerhard Richter schafft es nicht, dem Licht Farbe zu geben.  Erleuchtung muss der Gast der Millionenstadt folglich hinter den Fassaden finden – für Filmmusikbegeisterte gab es dazu im November 2010 gleich zwei Gelegenheiten: In der Philharmonie präsentierte Dirigent Frank Strobel Meisterregisseure und ihre Komponisten. John Williams und Steven Spielberg sowie Bernard Herrmann und Alfred Hitchcock standen auf dem Plan.

Die Kölner Philharmonie spiegelt die kontrastreiche Atmosphäre der Stadt in diesen Tagen perfekt wieder. Außen ein klobiger Kasten mit dem Charme einer Parkhausrückseite (kaum zu glauben, dass damit noch in den achtziger Jahren Architekturwettbewerbe gewonnen wurden), entfaltet sich im Inneren ein wohliger und klangvoller Saal in bester Tradition der scharounschen Philharmonie in Berlin. Das perfekte Ambiente also für zwei ambitionierte Abende. Den Auftakt bildete eine Auswahl von John Williams Scores, bei der Strobel und sein Team auch weniger oder sogar nie zuvor Gehörtes mit einbanden. So standen Konzertklassiker wie „Adventures On Earth“ (in der fünfzehnminütigen Version des alten Albums) aus E.T. und dem „Raiders March“ aus den Indiana Jones Filmen neben spannenden Stücken aus „War of The Worlds“, „Munich“ und „Empire Of The Sun“. Geadelt wurde diese Auswahl durch das Mitwirken des legendären London Symphony Orchestras, jenes Klangkörpers also, der epochale Williamspartituren wie „Star Wars“ oder „Indiana Jones …“ ersteingespielt hatten.
Der Abend wurde eröffnet mit einer Zusammenstellung aus Themen von „Jurassic Park“, welche das Main Theme und eine Fusion aus Island und Main Theme, in etwa vergleichbar mit dem Abspann zum zweiten Teil „The Lost World“, umfasste. Bereits hier zeigte sich die herrliche Spielkultur der Londoner, dessen Streichersektion präzise und samtig die Melodie beim Titelthema. Minimale Unsicherheiten gab es lediglich im Trompetenquartett, die aber den fabulös knackigen und transparenten Klang der Bläser nicht trüben konnten. Strobel wählte für das Main Theme das optimale, der Originaleinspielung nahekommende Tempo, während Island Theme ein wenig beschleunigt wurde. Im Gegensatz zu manchen von Williams eigenen Konzertinterpretationen tat die moderate Tempoanhebung dem Stück gut, der Auftakt glückte voll und ganz.
Gleiches lässt sich auch der Auswahl aus „Jaws“ attestieren (Titelthema, Out to Sea, The Shark Cage Fugue). Feinsinnig lässt Strobel schon vor dem Beginn des legendären Zweinotenmotivs das Murmeln der Kontrabässe und Bläser vibrieren, die Attacken geraten zupackend und kräftig. Die konzertante und dennoch frappierend szenische Fuge begeisterte die Zuhörer ebenso wie der Abschluss der ersten Programmhälfte, den vier Stücke aus „Indiana Jones and The Kingdom of The Crystal Skull“ bildeten. Das Mutt-Thema und „A Whirl Through Academe“ waren Entertainment pur, herrlich interpretiert und – worin sich nicht alle Fans einig sind – ebenso herrlich komponiert. „The Crystall Spell“ faszinierte mit dem Oboeneinsatz und den Klangschichtungen, obgleich hier das Arrangement des Themas zum Finale des Films effektvoller gewesen wäre. Der „Raiders March“ setzte schließlich einen Schlusspunkt mit Ausrufezeichen unter die erste Hälfte. Es war faszinierend zu beobachten, wie dieses Thema jeden Zuschauer mitriss und für lang anhaltenden Applaus sorgte.
Ruhepol der ersten Hälfte waren drei Stücke aus „Schindler’s List“, die das ergreifende Hauptthema und das Nebenthema „Jewish Town“ präsentierten. Im krassen Gegensatz zu dem wirbelnden Orchesterspaß den nachfolgenden „Indiana Jones“ steht die spartanische und melancholische Partitur, der Strobel und der Soloviolinist des LSO, Carmine Lauri, Leben einhauchten. Lauri interpretierte seinen Part dabei zerbrechlich und zart, der leichte Trotz und die Sturheit, die Itzhak Perlmans Einspielung für den Film auszeichneten, wichen dem introvertierten Klagen der Geige. Orchester, Solist und Dirigent trafen auch bei diesem Programmpunkt den perfekten Ton, eine bedächtige Stille vor dem Applaus war das Resultat.

Aus der Setlist für die zweite Hälfte ragten die Auszüge aus „Close Encounters of The Third Kind“ und „E.T.“ heraus. In beiden circa 15-minütigen Suiten zeigte sich zum wiederholten Male, dass Williams’ Filmmusiken im Konzertsaal blendend funktionieren. Beide Partituren besitzen ein charismatisches Thema, welches jeden Zuhörer emotional zu binden vermochte, sind aber vielschichtig und abwechslungsreich genug orchestriert, um die Aufmerksamkeit für die volle Dauer der Stücke auf sich zu ziehen. Betörend gelang dem LSO das Finale von „Close Encounters“, in dem Strobel dem stabglockengeschwängertem Klangsturm perfekt dosiert die zarten, finalen Noten entgegensetzte. Ein würdiger Abschluss für jedes Konzert, so auch für dieses, sind die letzten Takte von „E.T.“ – sie sind und bleiben wohl eines der gelungensten Enden der Filmmusikgeschichte.
Klangprächtig interpretierten die Londoner zum Beginn des zweiten Teils den „Flight To Neverland“ aus „Hook“, im Vergleich zu beiden zuvor genannten Musiken fällt der Peter-Pan-Score aber auch im Konzertsaal leicht ab. Etwas zu glatt und harmlos konzipierte Williams die Variationen und Arrangements des Themas, wenngleich auch dieses Stück Spaß machte und Bravorufe aus dem weiten Rund der Philharmonie provozierte. Gleiches gilt für „Jim’s New Life“ aus „Empire Of The Sun“ – spannender wurde es mit zwei Ausschnitten aus „War Of The Worlds“. Zuerst flohen Tom Cruise und seine Tochter zu wuchtigen Blech- und Percussiontableaus aus ihrer Heimatstadt, dann setzte der herbe „Epilogue“ dem Treiben der Außerirdischen ein Ende. Beide Stücke wurden vom London Symphony Orchestra originalgetreu und mitreißend intoniert, besonders die Pauker und Trommler haben wohl sehr in Williams’ Sinne ordentlich ‚auf die Pauke gehauen’.
Einzige nicht hundertprozentig geglückte Aufführung war das Titelthema aus „The Terminal“. Das unterhaltsame Klarinettenstück konnte zwar auch beträchtlichen Applaus einheimsen, gerade im Vergleich mit der Filmaufnahme setzte Strobel das Tempo etwas zu langsam an. Zudem spielte der Klarinettist Chris Richards die Noten zu akzentuiert, fast stakkato, wodurch der elegante Fluss der – zugegebenermaßen anspruchsvollen – Melodielinie verloren ging. Es kann eben nicht alles perfekt sein an einem solchen Abend.
Als Zugabe wählten die Veranstalter des Abends das Hauptthema aus „Munich“ und den abgedrehten Marsch aus „1941“. Die Krönung des Abends blieb jedoch einem alten Bekannten vorbehalten. In einer kurzen Ansprache erklärte Frank Strobel, dass wenige Tage vor dem Konzert der langjährige Solotrompeter des LSO, Maurice Murphy, gestorben sei. Murphy war die erste Trompete in allen mit dem Londoner Orchester eingespielten Williamsscores, von „Star Wars“ über „Dracula“ bis zu seinen drei Musiken für „Harry Potter“. In einem Einspielfilm gedachte Williams dem langjährigen Freund – Murphy hatte 1977 mit „Star Wars“ seine erste Session mit dem LSO. In Abstimmung mit dem Orchester dirigierte Strobel die „Main Title Suite“ aus ebenjenem Film, die ein wahres Fest für Trompeter darstellt. Ein Dutzend Male habe ich das Stück bereits im Konzertsaal erlebt, doch nie in dieser Perfektion. Strobel und das London Symphony Orchestra spielten schlicht und ergreifend das Original. Jede Note saß, jedes Tempo stimmte perfekt, jede Nuance war optimal ausgeleuchtet. So muss Live-Filmmusik sein.

Köln, knapp drei Wochen später. Nach dem großen Erfolg des ersten Konzertes – ausverkaufter Saal, standing ovations und ein sichtlich begeisterter Dirigent – nahm Strobel zum zweiten Mal Anlauf in Sachen Meisterregisseure und ihre Komponisten. Das ‚duo infernale’ Hitchcock/Herrmann stand auf dem Programm. Nichts Süffiges und Weitschweifendes, mit dem das LSO im ersten Konzert auftrumpfen konnte, bot sich dem Zuhörer an diesem Abend, dafür aber ein intensiverer Blick auf insgesamt sechs Filmscores. Als Klangkörper stand Strobel nun das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks und das Vokalensemble Kölner Dom zur Verfügung. Mit dem hr-Sinfonieorchester realisierte der Dirigent bereits die Mammutaufführung von Fritz Langs „Die Nibelungen“ mit der Musik von Gottfried Huppertz früher im Jahr. Beste Voraussetzungen also auch dieses Mal für einen spannenden Filmmusikabend.

Die aus meiner Sicht spannendsten Musiken hatte Strobel mit seinem Team gleich in die erste Hälfte des Konzertes gelegt. Eröffnet wurde mit insgesamt vier Stücken aus „Vertigo“, womit ein aufschlussreicher Querschnitt durch den hypnotischen Score gelang. Dirigent und Orchester setzten auch zugleich das erste Ausrufezeichen, denn interpretatorisch gelang ihnen eine minimal verlangsamte, aber im Ganzen wunderbare Aufführung der nicht ganz einfach zu spielenden Musik. Sie erfordert enorme Präzision in den Streichern, da es permanent minimalistisch verschobene Stimmen gibt und diese rhythmisch präzise getimed werden müssen. Unter der Anleitung von Strobel gelang ihnen das vorzüglich, besonders die langsameren Abschnitte zeigten zudem die große Disziplin des Dirigenten, der die langgezogenen Geigenseufzer optimal ausformen ließ. Sehr schön war auch zu bemerken, wie organisch die Percussions, hier vor allem die Kastagnetten, eingearbeitet wurden. So gab es schließlich nicht das geringste auszusetzen an der Gesamtperformance.
Für heitere Stimmung sorgte das folgende „Portrait Of Hitch“ mit Musik aus „The Trouble With Harry“, eine vom Komponisten persönlich angefertigte Zusammenstellung. Zu einer Reihe Fotos des Regisseurs auf der Leinwand konnten vor allem die Holzbläser glänzen. Klarinette und Bassklarinette, Flöten, Fagotte und Oboe legten eine unterhaltsame Spielfreude an den Tag, die oft sekundenkurzen Fanfaren der Hörner bildeten einen kraftvollen Kontrast. Hier kam die transparente Akustik des noch jungen Konzertsaals perfekt zur Geltung. Gleiches gilt auch für die folgenden Ausschnitte aus „North by Northwest“, wenn auch mit deutlich vergrößertem Klangvolumen. Herrmanns vielleicht spektakulärstes Einzelstück für Hitchs Filme, der „Main Title“ aus eben jenem Film, ist für Orchester und Dirigent so etwas wie eine Reifeprüfung, denn kaum ein zweites Stück legt so gnadenlos Faux-pas in Sachen Tempo und Präzision offen wie das vertrackte, perkussive Thema. Auch hier konnte man dem Team auf der Bühne nur applaudieren, das originale Tempo hielten die Frankfurter bei enormer Kraft im Blech und perlenden Streicherläufen durch, auch die Pauken ordneten sich perfekt ein. Das klang deutlich überzeugender als bei vielen Einspielungen des Themas auf CD, in denen die Wildheit und das nervöse Drängen des Stückes oft nicht adäquat umgesetzt sind. Die weitere Auswahl bestand aus der Autoverfolgungsjagd, dem Conversation-Titel und dem Finale auf dem Mount Rushmore.

Für die Auswahl von Stücken aus Psycho (insgesamt fast 10 an der zahl) haben sich die Veranstalter eine nette Einführung einfallen lassen. Nach der Pause spielten sie über die Leinwand eine Einführung von Hitch persönlich in die Locations des Films ab, welche bereits auf der DVD des Films zu finden war. Selbstironisch und unterhaltsam wurde man in die Stimmung versetzt, um ohne große Schnitte direkt in die Musik einzusteigen. Alle Schlüsselszenen erklangen vom Streicherapparat des Orchesters synchron zu eingespieltem Bild – über die visuelle Begleitung beider Konzerte abschließend noch ein paar Gedanken. Interpretatorisch war aber auch hier alles im Reinen, wenngleich die Streicher des LSO in entscheidenden Momenten wie der Duschszene vielleicht noch etwas druckvoller agiert hätten. Besonders hervorzuheben ist vor allem der Umstand, dass tiefer in die Musik gegangen wurde als sonst bei Konzerten üblich. So konnten sich die Besucher auch von exzellent gefertigter Suspensemusik ohne die bekannten Motive ein Bild machen und Herrmann als Meister der Schattierungen in dieser Schwarzweiß-Musik erleben.
Eine Welturaufführung stand mit „Marnie“ auf dem Programm, denn es erklang eine neue Suite von Christopher Husted. Er verband in dem fünfteiligen, knapp 20-minütigen Auszug viele Einzelstücke zu längeren Sequenzen, was dem schlank-romantischen Gestus der Musik in die Karten spielte. Streicher, Holz und Hörner agierten in diesem sehr konzertanten Abschnitt des Konzertes auf gleichbleibend hohem Niveau, über die komplette Laufzeit des Konzertes war nur ein einzelner kleiner Patzer im Blech zu bemerken. Davon betroffen war der fulminante Abschluss des Konzertes hingegen nicht: „The Man Who Knew To Much“ war eindrucksvoll und fehlerfrei, nach dem kraftvollen Prelude (in der etwas dumpfen Filmaufnahme hatte ich es gar nicht so prägnant in Erinnerung wie jetzt im Konzert gehört) zog das Orchester und der Chor die Zuschauer mit der „Storm Clouds Cantata“ auf ihre Seiten. Auch hier agierten die Musiker synchron zum Bild, was in dem Fall einen nicht unbeträchtlichen Reiz hatte. Während Herrmann auf der Leinwand dirigierte, stand Strobel im Konzertsaal und führte sein Ensemble absolut synchron durch das fabelhafte Arrangement des Stückes von Arthur Benjamin. Die Solistin tauchte gleichzeitig mit ihrem Pendant auf der Leinwand auf und auch der Kristallisationspunkt des Stückes, jener Beckenschlag kurz vor Ende, passte haargenau. Abgesehen von dieser Meisterleistung überzeugten alle Beteiligten auch musikalisch. Die Trompetenfanfaren herrlich knackig, das Vokalensemble (wegen der geringeren Stärke gegenüber dem Original elektronisch verstärkt) kraft- und klangvoll und der Dirigent sehr engagiert – so lässt sich das Ereignis zusammenfassen. Hut ab!

Das Abschlussstück war zugleich das beste Beispiel dafür, wie bei beiden Konzerten Bildmaterial und Aufführung zusammenwirkten. Angesichts der engen Verflechtung zwischen Bild und Musik passte es hervorragend, den entsprechenden Filmausschnitt live zu zeigen. In weiten Teilen der beiden Abende empfand ich die Einspielungen auf der Leinwand als deutlich weniger glücklich. Es gab von gar nichts („Schindlers Liste“) über einzelne Standbilder („Munich“, „War Of The Worlds“ oder „Marnie“) und Filmsequenzen („Indiana Jones“) bis hin zu völlig synchronen Bild- und Tonaufführungen alle Spielarten zu erleben, wobei ich eindeutig die konzertanteste Variante bevorzugen würde. Die Musik wirkte schlichtweg am eindrucksvollsten, wenn man keine zweite Reizebene durch bewegte Bilder hatte – besonders profitiert davon haben vor allem „Jurassic Park“ und „Marnie“ (ein einzelnes Standbild). Gerade bei bunten und schnellen Bilden wie zu „Hook“ oder auch kompletten Filmszenen wie bei „North by Northwest“ lenkte das Gesehene ab und ich hätte liebend gerne darauf verzichtet. Dass beim Herrmannkonzert an vier Stellen die Schreie der Hauptdarstellerinnen erklangen, war für manche Besucher womöglich ein netter Effekt, musikalisch aber ebenso überflüssig. Die Leinwand hätte man vielleicht eher dazu verwenden können, dem Zuschauer mitzuteilen, welches Stück er gerade hört. Besonders bei dem Williamskonzert mit mehr Einzeltiteln wäre dies sinnvoll gewesen.

Was bleibt als Fazit für den Kölnbesuch also zurück? Zum einen, dass die Besucher (leider beim Herrmannabend deutlich weniger als bei John Williams) zwei quasi perfekte Abende erleben konnten. Sicher hatte Williams das etwas abwechslungsreiche und zugänglichere Programm geboten, aber auch das Herrmann-Konzert wusste fast uneingeschränkt zu gefallen. Was Frank Strobel in diesem Bereich anfasst, wird scheinbar zu Gold. Und Gold kann man besonders im trüben November als Filmmusikfan immer gebrauchen.

Jan Zwilling / 01.12.10