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John Williams: A Night At The Movies in New York City (Konzertbericht)
Auf den ersten Blick klang es attraktiv, wenngleich etwas verrückt. Eine Woche vor dem Konzert in New Yorks Avery Fisher Hall erhielt Original Score die Zusage für zwei Pressekarten. Vom Filmfestival in Ghent könnte es also direkt weitergehen über den großen Teich in die Stadt der Wolkenkratzer. In einer Traumwelt würden mit der Pressekarte wohl auch die Flug- und Übernachtungskosten gestellt, doch diese Welt ist nicht die reale. Also hieß es für die Redaktion, schweren Herzens Abstand von diesem Plan zu nehmen und Alternativpläne zu überlegen. Durch eine glückliche Fügung fanden wir einen Ersatz für das Event, den im Big Apple lebenden Filmmusikenthusiasten Shek Fun Tso. Unverhofft verbrachte er einen Abend mit den Musikern der NYPhil, mit Gil Shaham an der Violine und natürlich John Williams am Pult. Dieser Konzertbericht beruht auf seinen Eindrücken.
Williams ist seit über 50 Jahren als Komponist, Pianist, Arrangeur und Dirigent in Hollywood und auf den klassischen Bühnen Nordamerikas aktiv und hat insbesondere die Konzertszene in Boston nachhaltig geprägt. Nun steht er kurz vor seinem 80. Geburtstag und die Frage nach seiner Konstitution dürfte vielen seiner Anhänger unter den Nägeln brennen. Sein kürzlich erschienener Score zu „The Adventures of Tintin: The Secret Of The Unicorn“ konnte sie davon überzeugen, dass der Altmeister noch immer kompositorisch an alte Zeiten anknüpfen kann, wenngleich in diesem Fall keine glanzvollen Innovationen in Williams’ Werk zu erwarten waren. Fast zeitgleich kommt mit „War Horse“ ein weiterer neuer Score heraus, zudem vollendete er in den letzten Jahren mehrere Konzertwerke, unter anderem das fabelhafte „On Willows and Birches“, ein Konzert für Harfe und Orchester, und ein Oboenkonzert.
An Arbeitseifer scheint es Williams auch im Rentenalter nicht zu fehlen – und der Konzertabend in der New Yorker Avery Fisher Hall konnte auch letzte Zweifel an seiner gesundheitlichen Verfassung ausräumen. Das circa zweistündige Konzert absolvierte er voller Energie, Einsatz und Hingabe, ohne die kleinsten Anzeichen von Erschöpfung oder körperlicher Einschränkung beim Dirigieren rasanter Stücke. Mehrfach sprach er das Publikum direkt an und präsentierte sich als charmanter Redner mit Hang zu Pointen. In dieser Verfassung können wir noch etliche Jahre voller Engagement für die Musik von John Williams erwarten – auf der Bühne und am Notenblatt.
Er eröffnete das Konzert mit dem „Hooray for Hollywood“ von Richard A. Whiting, begleitet von einer Filmmontage von Hollywoodklassikern auf der Leinwand. Nach dieser Einleitung und dem kurzen Marsch aus „The Adventures Of Robin Hood“ von Erich Wolfgang Korngold ergriff Williams selbst das Wort und sprach über seine Vorbilder Alex North und Bernard Herrmann. Häufig wird unterschätzt, wie stark sich Williams gerade von Herrmann beeinflusst sieht, doch dessen Präsenz in der neueren Filmmusik ist gewaltig. Williams erzählte charmant, wie gut er North wie Herrmann kannte und wie er Herrmanns Statur Hitchcocks vorzog. Auch Norths Obsession für furiose Tempi würdigte er mit einem Lächeln und ergriff anschließend den Taktstock für die „Scene D’Amour“ aus Vertigo und „Forest Meeting/Love Theme“ und „March“ aus „Spartacus“. Den Herrmann bot er mit perfekt austarierten Streichern und großer musikalischer Spannung dar, während er bei North die emotionale Kraft und die Energie betonte. Eindrucksvoll waren vor allem die schlagwerk-betonten Passagen aus „Spartacus“, die Williams mit Verve dirigierte.
Im zweiten Teil der ersten Hälfte bot er dann zwei Suiten aus eigenen Musiken an, die „Excerpts“ aus „Close Encounters Of The Third Kind“ und das häufiggespielte „Adventures On Earth“ aus „E.T.“. Obgleich gerade bei „E.T.“ das letzte Quentchen Hingabe, besonders in den Streichern, fehlte, zeugten beide klangvollen Darbietungen davon, wie exzellent Teile von Williams Oevre im Konzertsaal funktionieren. Im Zuschauerraum befanden sich offenkundig eine große Zahl eingefleischter Williams-Aficionados, die besonders das wunderbare Finale von „E.T.“ mit frenetischem Applaus bedachten.
Nach der Pause nutzte Williams die Gelegenheit, sich erneut vor seinen Kollegen zu verneigen und dirigierte einen eigens arrangierten „Tribute to the Film Composer“. In schneller Folge und mit synchronisiertem Video spielte das New York Philharmonic bekannte Themen aus „Casablanca”, „Star Wars“, „Dr. Zhivago“, „Titanic“, „Pyscho“, „Jaws“, „Pink Panther“, „Bridge on the River Kwai“, „Patton“, „Rocky“, „The Magnificent Seven“, „The Natural“, „Cinema Paradiso“, „The Godfather“, „E.T.“ und „Gone With The Wind“. Obgleich man den musikalischen Gehalt solch komprimierter Potpourri anzweifeln kann, brachte die rasante Zusammenstellung bekannter Melodien das Publikum immer wieder zu ehrlichen emotionalen Reaktionen, zu Applaus, Jubel und Gelächter. Auch Williams genoss dieses Stück sichtlich und bat das Orchester anschließend zum ersten Vorhang.
Für die nächsten 25 Minuten kühlte Williams die Stimmung deutlich ab und bat Violinist Gil Shaham auf die Bühne. Dieser übernahm den Solo-Part in „Por Una Cabeza“, dem Tango aus „Scent of a Woman“, drei Stücken aus „Schindler’s List“ und einer Suite aus „Fiddler On The Roof.“ Besonders der Tango von Carlos Gardel und die lyrisch-herben Selektionen aus „Schindler’s List“ überzeugten mit perfekt balancierter Dynamik und purer Musikalität von Gil Shaham. Die Ausschnitte aus Williams „Anatevka“-Adaption brachten hingegen das Grinsen auf die Gesichter von Solist, Musiker und Dirigent zurück. Hier konnten alle ihre Virtuosität unter Beweis stellen, besonders Shaham glänzte mit einem vertrackten wie eindrucksvollen Solo.
Nun nahm Williams das zweite Mal das Mikrophon in die Hand und dankte seinem guten Freund Gil für seinen Auftritt. Gut gelaunt erzählt er, wie er den Violinisten nach seinen musikalischen Vorlieben gefragt hatte und ob dieser ein Stück favorisieren würde für den Konzertabend. „Sabrina“ lautete Shahams Antwort. Williams nahm dies zum Anlass, über Audrey Hepburn zu schwärmen, die 1954 in Billy Wilders „Sabrina“ an der Seite von Humphrey Bogart und William Holden spielte. Die Eleganz und Schönheit Hepburns scheinen einen tiefen Eindruck bei Williams hinterlassen zu haben und ihn möglicherweise für seine Musik zum Remake mit Julia Ormond inspiriert. Das New York Philharmonic und Gil Shaham spielten daraufhin, ohne dass es im Programmheft angekündigt wurde, ein Stück aus Williams’ Score von 1995, eine Rarität auf den Konzertbühnen der Welt.
Ein Williams-Konzert wäre natürlich kein Williams-Konzert ohne mindestens einen seiner populären Gassenhauer. Dieses Mal hatte er sich den „Main Title“ aus „Star Wars“ ausgesucht und traf damit den Nerv der Zuschauer, die nach dem ersten, unmissverständlichen Akkord kräftig applaudieren. Williams persönlich mit einem Klangkörper wie dem NYPhil bei einer Performance seiner Sternenoper – es geht kaum spektakulärer für einen Williams-Fan. Das weiß natürlich auch der Maestro und gibt als Zugaben „The Training Of A Jedi“ und „The Imperial March“ aus „The Empire Strikes Back“ zum Besten. Dass er noch den „Raider’s March“ einschiebt, ist Luxus für Themenfanatiker. Stehende Ovationen lassen einen Abend in der Avery Fisher Hall gebührend ausklingen, der die Zuschaue für den Moment begeistert hat und zugleich ein hoffnungsvolles Signal für die Zukunft ist. Von diesem Williams kann man zwar nicht mehr die Revolution der Filmmusik erwarten, aber eine Fortsetzung seiner einzigartigen Karriere in Film und Konzertsaal für viele Jahre scheint gesichert.
Vor Ort: Shek Fun Tso
Photo Copyright (2): Chris Lee / NYPhil
Jan Zwilling / 03.11.11