Specials
Indiana Jones: The Soundtrack Collection
Concord / 2008
Bewertung:

In erstaunlicher Regelmäßigkeit kommen sogenannte „Special Editions“ oder „Ultimate Editions“ von Filmscores auf den Markt. Dabei teilen sich diese Veröffentlichungen auf in liebevoll gestaltete, filmmusikhistorisch ungemein wertvolle und mit profunder Dokumentation ausgestattete Editionen und für das Abschöpfen eines Marktpotenzial produzierte Erweiterungen von aktuellen Kassenschlagern. In die erste Kategorie fallen beispielsweise die vorzüglichen Rhino-Veröffentlichungen zu „Ben Hur“ oder „Gone With The Wind“ und viele Scheiben von FSM oder SAE. Letztere Methode wurde jüngst durch die zweifelhafte 2-CD-Veröffentlichung von „The Dark Knight“ bedient, mit der „Ultimate Edition“ von „Star Wars: Episode 1“ konnten Fans aber auch schon ein lohnenswertes Beispiel dafür in den Händen halten.
Nun also „Indiana Jones: The Complete Soundtrack Collection“. Handelt es sich dabei um einen liebevoll restaurierten Schatz von filmmusikhistorischem Wert oder um ein auf schnelles Geld getrimmtes Anhängsel zur Marketingwelle von „The Kingdom Of The Crystal Skull“? Genau wie die Musiken auf der Scheide zwischen modernen Highlights und Klassikern von mittlerweile ikonenhaftem Charakter stehen, lässt sich die Box zwischen profitabel und künstlerisch wertvoll einordnen. Ohne das Zugpferd des neuesten Teils der Abenteuerreihe hätten Fans diese Edition wohl kaum erlebt, die Musiken erweisen sich aber als retrospektiv so beispielhaft und gehaltvoll, dass von Geldschneiderei keine Rede sein kann. Gerade für „Temple Of Doom“ und „The Last Crusade“ ist zudem so viel Musikmaterial erstmalig veröffentlicht, dass ein Blick aufs Detail lohnt.
1981: Raiders Of The Lost Ark
Mit dem „Jäger des verlorenen Schatzes“ eröffente Steven Spielberg 1981 seine wohl berühmteste Filmreihe. Eine zur Ikone gewordene Hauptfigur, ein vielfach kopiertes Abenteuerfilmkonzept und nicht zuletzt ein Hauptthema von John Williams, dass vielleicht sogar noch bekannter und eingängiger ist als sein „Star Wars“. Die weitere Filmmusik kann, obgleich natürlich nicht in der Breite dem Massenpublikum in Erinnerung, dem Thema einiges an eindrucksvollen musikalischen Momenten hinzufügen. An Strawinsky gemahnende Suspenestücke, verspielte Showpieces und vor allem das minimalistisch-beseelte Ark-Thema heben den Score hervor.
Die Musik erschien seinerzeit als Langspielplatte mit rund 41 Minuten Laufzeit. Erst 1995 hatte der Score seine CD-Premiere auf der vorzüglich produzierten CD von Silva Screen. Mit einer Laufzeit von 73 Minuten der originalen Einspielung, einem ausführlichen Booklet und sattem klaren Klang gab es an der Veröffentlichung nichts zu kritisieren. So ist denn ob dieser Ausgangslage die CD der vorliegenden Concord-Box die am wenigsten spannende. Lediglich drei Einminüter ergänzen den Score, wofür der Eröffnungstitel („Raiders March“) weichen musste. Dies entspricht nun der Filmsequenz, die beginnend mit „In The Jungle“ das Hauppthema erst langsam Preis gibt. Im weiteren Verlauf ergeben sich nur kleine Änderungen, wie zum Beispiel die an die Filmversion angepasste „Desert Chase“, die nun 40 Sekunden kürzer ist. Insgesamt ergibt sich aber eine vergleichbar lange, leicht optimierte Version der Silva-Edition, die zwar alleine keine zusätzliche Investition wert ist, aber gerne mitgenommen wird.
1985: Indiana Jones And The Temple Of Doom
Der zweite Teil der Reihe gehört zu jenen Filmen, bei denen eine Edition der vollständigen Musik schon lange zu den „Most Wanted“ der Filmmusikfans gehörten. Die bisherige CD enthielt den handelsüblichen LP-Cut von wiederum vierzig Minuten, eine längere Veröffentlichung blieb bisher ein Wunschdenken. Nicht zuletzt dürfte „Temple Of Doom“ jener Teil der Reihe sein, welcher in seinem unveröffentlichten Material das größte Potenzial barg.
Die nun vorliegende expandierte Fassung des Scores lässt ihn in einem größeren Zusammenhang erkennen. Die bisherige CD glänzt vor allem als eine Reihe von Highlights, vom „Slave Children Crusade“ bis hin zur furiosen „Mine Car Chase“. Concord präsentiert nun gut 80 Minuten des Scores weitestgehend in einer originalen Filmreihenfolge. So offenbart sich Williams’ „Temple Of Doom“ als abwechslungsreiche, mit brillanten Themen und Orchestration gespickte Reise von Shangai über Indien bis ins Reich der Thugs. Neue Highlights gibt es an jeder Station zu entdecken. Den Anfang macht die von Big-Band-Chanson inspirierte Nachtclubsequenz, in der Williams seine jazzigen Wurzeln höchst amüsant und gleichzeitig spannend aufblitzen lässt. Mit der Flugzeugreise offenbart sich Indianas Abenteuerseite, auch hier gibt es zusätzliche Musik. Im indischen Dorf glänzt vor allem Williams Andeutungen des Children’s March und die Einbindug indischer Folklore, hierzu findet sich auf CD fünf ein zusätzlicher Titel. Atemberaubend ist aber die vollständige Musik der Sequenz in den Katakomben des Tempels, welche angefangen mit „Approaching The Stone“ die Auszüge der alten CD in das kraftvolle Actionpanorama einbettet. Auffällig ist auch hier, dass Williams keine Sekunde in der Qualität abfällt und bisher unveröffentlichtes wie „Short Round Helps“ gleichberechtigt neben genialen Showpieces wie „The Mine Car Chase“ bestehen kann.
Auffällig ist hier zum ersten Male wirklich, dass einige Titel aus der Sequenz herausgenommen wurden und auf CD5 zu finden sind. Es handelt sich um drei Dreiminüter, die musikalisch völlig logisch in der originalen Reihenfolge vorhanden sein müssten. Dass sie hier auf der Bonus-Disc ihren Platz gefunden haben, ist wohl dem begrenzten Platz auf einer CD geschuldet. Aus „Temple Of Doom“ erhält man also gut 85 Minuten Musik – jede Note ist es wert. Dass immer noch kleinere Sequenzen fehlen ist nur in absoluten Ausnahmefällen ärgerlich.
1989: Indiana Jones and The Last Crusade
Acht Jahre nach dem Beginn mit „Raiders“ führte Spielberg seine Reihe zu einem vorläufigen Ende. „The Last Crusade“ führt wieder zurück zu den Anfängen, lässt Ekel und Kulte beiseite und besinnt sich auf Humor und den klassischen Gegner des Archäologen: Nazis. Großer Pluspunkt des Films ist die lakonische Rolle des Vaters von Indiana, gespielt von Sean Connery. Musikalisch war Williams wieder an Bord und kleidete die Suche nach dem heiligen Gral in wunderbare Töne – doch im Gegensatz zu den ersten beiden Teilen fällt die Musik minimal ab. Etwas akademisch wirken manche Actionpiecen und gerade der Noten gewordene Instrumentationsspaß von „Doom“ fand sich nicht ganz wieder. Dennoch ist auch „The Last Crusade“ eine hochklassige Musik, die eine Erweiterung verkraften kann.
Die erste CD lief bereits eine knappe Stunde, so bleibt nicht so viel Raum für neues wie beim Vorgänger. Nennenwert ist vor allem die um fast vier Minuten expandierte Filmfassung von „Indy’s Very First Adventure“. Im zweiten Teil um einige Wendungen und Kniffe erweitert ist es auch in dieser Form einer der großen Pluspunkt der Musik. Weitere neue Tracks beschränken sich auf die Brückenstücke zwischen bekannten Showpieces. So leiten drei schöne Titel jetzt zwischen Venedig und dem „Scherzo for Motorcycle and Orchestra“ über. In der Panzerjagd kurz vor Schluss bekommt der Fan nochmal dreieinhalb Minuten mehr Action, das komplette Finale ist aber bereits auf der alten CD verfügbar. Ausnahme ist der auf CD5 versteckte Titel „Wrong Choice, Right Choice“, der als der Höhepunkt der zusätzlichen Titel für diesen Film gelten darf.
Noch stärker als bei „Temple Of Doom“ ist hier die Zerpflückung der Musik zwischen der filmgebundenen CD und den Bonustracks auf CD5. Fünf Titel mit einer Viertelstunde Musik gibt es obendrauf, womit „The Last Crusade“ über 90 Minuten läuft. Es ist zwar verständlich, dass diese Aufteilung die Wirtschaftlichkeit des Sets erst möglich machte, der Weisheit letzter Schuss aus Sicht der Scores ist es nicht.
2008: Indiana Jones and The Kingdom Of The Crystal Skull
Der neueste Eintrag in der Reihe erscheint unverändert in dem Box-Set. Concord hatte bereits die Original-CD herausgebracht, die in Punkto Laufzeit und Auswahl kaum Wünsche offen ließ. Freilich fehlen gegenüber der kompletten Filmfassung noch immer gut 20 Minuten Musik, doch wirklich essentiell ist davon kaum etwas. Denkbar wären ein oder zwei Titel, wie zum Beispiel die verlängter „Jungle Chase“ als Bonustitel auf CD5. Platz genug wäre gewesen, doch als Negativum soll das an dieser Stelle nicht gelten. Reizvoller wäre schon eher eine originale Filmreihenfolge.
Betrachtet man die Musik im direkten Zusammenhang mit den drei alten Teilen der Box, so erweist sich „Crystal Skull“ einmal mehr als durchaus ebenbürtig. Jede Indiana-Jones-Musik von John Williams setzt andere Akzente und die jüngste weiß vor allem durch die gekonnte Mischung aus Tradition („Adventures Of Mutt“) und dezent Modernem (“The Spell Of The Skull“ oder „City Of Gold“) zu überzeugen. Die Instrumentation beherrscht der Altmeister noch immer mit traumwandlerischer Sicherheit und auch die Gabe des perfekten Themas hat ihn nicht verlassen – Irina’s Theme ist wieder ein Beispiel. Alles in Allem ist „The Kingdom Of The Crystal Skull“ in der Gesellschaft seiner drei Vorgänger gut aufgehoben und Qualitätsunterschiede bewegen sich im Halbe-Sterne-Bereich – und bei der subjektiven Wahrnehmung.
Schatz oder Schund - Was taugt die Box?
Musikalisch ist also alles im Lot mit „Indiana Jones: The Complete Soundtrack Collection“. Das Gesamtwerk für den Archäologen von John Williams erweist sich, vor allem was seine genreprägenden Einträge aus den achtziger Jahren angeht, als unbedingter Anwärter auf einen Eintrag in die Filmmusikgeschichtsbücher. Das musikalische Material hält den Vergleich zu wahrhaft historischen Veröffentlichungen stand. Die CD-Box hingegen lässt eher zwiespältige Gefühle aufkommen.
Concord Records ist eher dem auf Gewinn orientierten Sektor der Musikwirtschaft zuzuordnen, die Box ist ein Anhängsel zur Marketingwelle von „Indiana Jones and The Kingdom Of The Crystal Skull“. Sie darauf zu reduzieren, wäre sicherlich unfair, denn immerhin machen sich die Concordianer verdient mit des weitaus vollständigeren Fassungen von „Temple Of Doom“ und „The Last Crusade“. Die CDs sind sorgfältig editiert, vor allem die Filmsequenzierung ist als gelungen anzusehen. Positiv auch, dass mit CD5 noch einige zusätzliche Titel den Platz im Set gefunden haben. Doch damit hat sich das Lob bereits erschöpft. Es ist leider unmöglich, die Musiken inklusive der Zusatztitel in Filmreihenfolge zu hören, es bleibt nur das eigene Zusammenstellen mittels CD-Brenner. Das ist schade, aber ein wenig Luxus hat sich der Fan angesichts perfekt produzierter Sets von SAE oder FSM angewöhnt.
Der zweite Kritikpunkt betrifft die Dokumentation. Ähnlich wie bei der „Ultimate Edition“ von „Star Wars Episode I“ muss der Hörer auf tiefgreifende Begleittexte, Track-für-Track-Analysen und Hintergrundinformationen verzichten. Das Audio-Interview auf CD5 ist zwar eine nette Dreingabe, war aber schon auf den DVDs zu finden. Bei der Dokumentation ist die Silva-CD von „Raiders“ also klar im Vorteil. Ansprechend bebildert ist zwar nett, aber ist man auch anders gewohnt. Hier zeigt sich wieder, dass die Zielgruppe nicht der Score-Freak, sondern der durchschnittliche Film- und Musikfan ist, der CDs von Indiana Jones noch nicht hat und ein schickes Souvenir zu den Filmen sucht. Dass dabei auch für den Insider eine Menge an zusätzlicher Musik abfällt, gehört zu den positiven Erscheinungen solcher Releases. Letztenendes ist es vor allem die Musik die zählt und hier kann Concord eindeutig punkten. Booklet hin oder her, John Williams Scores sind Filmmusikgeschichte und in dieser Form jedem zu empfehlen.
Jan Titel / 12.12.08