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Großes Concert in Leipzig mit John Mauceri: Konzertkritik
Ungefähr zwei mal im Jahr erhalten Filmmusikfans hier zu Lande die Möglichkeit, ein Filmmusikkonzert mit unterschiedlicher konzeptioneller Ausrichtung und Qualität anzuhören. Neben Stummfilmkonzerten, die von der Europäischen Filmphilharmonie inszeniert werden, erfreuen sich vor allem die Konzerte von Klassikradio großer Beliebtheit. Das jährlich stattfindende Große Concert mit dem Gewandhausorchester Leipzig und John Mauceri gehört zu jenen Veranstaltungen, die sich ein umfassendes Programm im Sinne einer subtextuellen Verbindung zwischen allen Stücken geben. Macht es ein Filmmusikkonzert besser, wenn es sich in dieser Art “aus einem Guss” präsentiert? Was überhaupt macht ein gelungenes Konzert überhaupt aus? Ist eine Ansammlung von hörgängigen Highlights für die raren Auftritte von Filmmusik auf der großen Bühne passender oder sollten möglichst viele außergewöhnliche Stücke das Programm schmücken?
John Mauceri, der in Leipzig nun schon seit vielen Jahren eine äußerst erfolgreiche Reihe mit Filmmusikkonzerten gibt, hat auf solche Fragen eine für sich und das Publikum funktionierende Antwort gefunden. Ein wenig Klassik, ein paar weit bekannte Aushängeschilder der Filmmusik und dazwischen immer wieder kleine obskure, selten gespielte oder regelrecht moderne Perlen. Umfassend beschreiben lässt sich dieser weitschweifende Mix selten, dennoch gibt der Amerikaner dem Konzert einen programmatischen Titel und nimmt darauf in seiner Moderation Bezug. In diesem Jahr (Konzerte am 15. und 16. Mai 2008) hieß es vielsagend: “Zeit und Raum” - viel Platz zum Versinnbildlichen von Musik war damit gegeben.
Auf dem Programm stand eine kurze Reise durch die Klassik, begonnen bei Richard Wagners “Rheingold” (Ausschnitte) über Maurice Ravel (Boléro) bis zu György Ligetis “Atmosphères”, bekannt aus Kubricks “2001”. Dies war vor allem eine kurze Geschichte der Reduktion von musikalischen Mitteln, was sich vor allem in der zeitlichen Dimension programmatisch begründet fand. Die Overtüre von “Rheingold” bot in knapp fünf Minuten genau einen Akkord, das Es-Dur wurde von Wagner faszinierend aufgebrochen und in feinsten instrumentalen Schichten zusammengesetzt. Die harmonische Entwicklung blieb stehen, eine Dimension der Musik ging verloren - als Versinnbildlichung von “Zeit” im musikalischen Sinne nicht ungeeignet. In eine ähnliche Kerbe schlägt Maurice Ravel mit seinem “Boléro”, in dem eine einzelne Melodie und eine einzelne rhythmische Figur über 16 Minuten nur über den Einsatz von einer sich stetig dramatisierenden Instrumentation steigern. Variation findet keine statt, weshalb es im Uraufführungsjahr 1928 einen handfesten Skandal gab: Musik ohne Musik, purer Orchesterstoff sei das Werk. Im historischen und dramaturgischen Sinne eine zweite Stufe nach dem eröffnenden Wagner, doch Mauceri gab den Ravel als Rausschmeißer vor der Pause, was ob der begeisternden Wirkung dieses perfekt gespielten und in grandioser Dramatik dargebotenen Stückes verständlich war. Hier zeigt sich, dass die Rezeption der Musik doch stärker im Moment stattfindet, als dass sie dem roten Faden von “Zeit und Raum” folgt.
Zwischen zwei populären Vertretern der klassischen Bühne brachte Mauceri Philip Glass und Györgyi Ligeti unter. Glass als Vertreter der Minimalismus, einer konsequenten Evolution des Reduktionsgedankens, mit der Musik aus “The Hours” und den Ungarn Ligeti mit seinem bekanntesten Werk “Atmosphères”. Eine Filmmusik und ein durch den Film bekannt gewordenes Stück schlichen sich in Mauceris klassischen Block, dennoch passte es programmatisch sehr gut. Die Reduktion, die bei Wagner begann und bei Glass fortgeführt wurde, gipfelte in kompletter Dekonstruktion jeglicher strukturierende Gemeinssamkeiten bei Ligeti. Alle Orchestermitglieder spielten von einander melodisch, harmonisch, rhythmisch und kontextuell komplett lösgelöste Einzelnoten und konnten dennoch eine faszinierende Modulation des Klanges über Farbe und Lautstärke erreichen. Jeglicher zeitlicher Zusammenhalt wurde gelöst, doch ein gemeinsamer Klangraum blieb dem Werk erhalten - weshalb es sinnbildlich für eine schleierhafte, sich den Blicken entziehende, undefinierbare atmosphärische Konstellation eingesetzt wurde. Im Konzert war dies ein echtes Erlebnis, wobei sich an dieser Stelle wieder das exzellente Gewandhausorchester mit dem anspruchsvollen Stoff schmücken konnte. Der Glass verwässerte dagegen “Zeit und Raum” tendenziell, da die Aufführung von Ausschnitten aus “The Hours” dem CD-Erlebnis kaum nennenswertes hinzufügte und die Metaebene der Musik ebenso minimal erschien wie die stilistischen Mittel.
Im zweiten Teil des Abends konnten dann die Filmkomponisten zeigen, was in ihnen steckt. Der Bezug zum Programm reduzierte sich zusehends auf eine Gleichsetzung mit Science-Fiction-Themen, weshalb Silvestris “Back To The Future”, Goldsmith “Planet Of The Apes” oder Williams “Close Encounters” gereicht wurden. Beginnend mit “Zurück in die Zukunft” gab sich das Orchester sichtlich Mühe, dem rhythmisch etwas ungelenken und orchestratorisch recht einfältigen Hauptthema von Alan Silvestri Dynamik zu verleihen. Es zeigte sich aber leider allzu offensichtlich die fehlende Reife und Souveränität des Frühwerkes, sodass lediglich der thematische Einfall zu gefallen wusste. Ganz anders bei Jerry Goldsmith, dessen wuchtig-archaischer und mit seinen aufgelösten musikalischen Formen unglaublich spannender “Planet der Affen” auch im Konzertsaal ein Highlight war. Ihm konnte man vielleicht noch am ehesten eine Verbindung zur ersten Konzerthälfte attestieren, doch im Grunde genommen war mit dem ersten Trommelschlag der Gedanke im Hier und Jetzt als in “Zeit und Raum”. Der ehrliche Beifall des Publikums, ebenfalls wurde übrigens der Ligeti im ersten Abschnitt wohlwollend aufgenommen, zeigte eindrücklich, dass das Risiko, außergewöhnliche, teilweise atonale und schwierige Musiken zu nicht aktuell präsenten Filmen in ein Konzert aufzunehmen, sich auszahlte und die Zuschauer solche Musik “vertragen”. Schluss also mit dem ewigen Wiederkauen von aktuellen Highlights und den obligatorischen “Lawrence Of Arabia”, “Star Wars” und “Gone With The Wind”, es geht auch anders!
Verdient gemacht hat sich Mauceri auch um europäische Premieren von Danny Elfman, von denen hier “Spider-Man” und ein Ausschnitt der “Serenada Schizophrana” gespielt wurden. Unterstützung kam vom Kinderchor des Gewandhausorchesters, der sich wie schon bei früheren Gelegenheiten blendend in das Orchesterspiel einzubinden wusste. Der Spinnenmann wurde von Elfman in vergleichsweise modernes Gewand gekleidet, was im Konzert vor allem im Fehlen der Elektronik und im Verzicht auf die nachträgliche Lautstärkeregulierung der Percussions auffiel. So waren kurze Eingewöhnungssekunden zu überstehen, doch dann wusste auch dieser Elfman zu begeistern. Ironischerweise verirrte sich in das Arrangement der “Main Titles” von Patrick Russ ein Schnipsel aus dem Doc-Ock-Thema des zweiten Teils. Das zweite Elfman-Stück des Abends wiederum zeigte den Komponisten mit minimalistischen Ambitionen, gepaart mit typischem Kinderchor und rhythmischer Leichtigkeit.
Als Abschluss ließ Mauceri das Orchester noch einmal richtig funkeln und brachte mit “Close Encounters Of The Third Kind” von John Williams einen Rausschmeißer mit herausragenden Ohrenschmaus-Momenten. Das impressionistische Wogen des Orchestern, die Kombination von kraftvollem Blech und Lieblichkeit, das fulminante Paukenspiel und die wuchtige Apotheose schlossen ein Konzert würdig und elegant ab, bei dem von “Zeit und Raum” nicht mehr übrig blieb als der zarte rote Faden in der ersten Hälfte. Die Zugaben (Ausschnitte aus Prokofieffs Balett “Cinderella” und Ennio Morricones “Deborah’s Theme” aus “Once Upon A Time In America") änderten daran nichts. Trotzdem und vielleicht auch deswegen war es ein Konzert, an dass man sich lange erinnern wird und das als Vorbild für weitere dienen kann. Ausgeklügeltes Programm hin oder her - das war am Ende zweitrangig. Ob man ein solches braucht, mag jeder für sich entscheiden. Das nächste Konzert in Leipzig, das allerdings sollte man nicht verpassen
Jan Titel / 08.06.08