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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Specials

Frida - Ein Leben zwischen Leiden und Leidenschaft

Deutsche G / 2002

CD

Bewertung:


    1. Benediction and Dream (02:31)
    2. The Floating Bed (01:29)
    3. El Conejo -- Los Cojolites (02:29)
    4. Paloma Negra -- Chavela Vargas (03:17)
    5. Self-Portrait With Hair Down (01:09)
    6. Alcoba Azul (The Blue Room) (01:36)
    7. Carabina 30/30 -- El Poder Del Norte (02:43)
    8. Solo Tu (01:22)
    9. El Gusto (02:18)
    10. The Journey (02:56)
    11. El Antifaz (02:28)
    12. The Suicide of Dorothy Hale (00:48)
    13. La Cavalera (01:40)
    14. La Bruja -- Salma Hayek & Los Vega (01:57)
    15. Portrait of Lupe (02:13)
    16. La Llorona -- Chavela Vargas (02:22)
    17. Estrella Oscura (01:48)
    18. Still Life (01:31)
    19. Viva La Vida (Long Live Life) (02:16)
    20. The Departure (02:13)
    21. Coyoacán and Variations (02:34)
    22. La Llorona (02:20)
    23. Burning Red (01:08)
    24. Burn It Blue -- Caetano Veloso & Lila Downs (05:28)

    TT: 53 min

Teil 1: Das Leben Frida Kahlos - Eine Biographie

Für die Malerei wie für jede Kunstgattung ist die menschliche Eigenheit der Kategorisierung wie eine Plage. Unabhängig vom gefilterten Wahrnehmen des Kunstwerks als Beispiel einer bestimmten Stilrichtung, stellen, mal mehr und mal weniger, die Kreativen den individuellen und unmittelbar persönlichen Charakter eines jeden Bildes oder Musikstückes in den Vordergrund. Der amerikanische Maler Jackson Pollock ging sogar soweit, jegliche Abstraktionsebene seiner ausdrucksstarken Bilder mit einem simplen “I’m just painting” abzutun und so die Kunstkritiker und Kenner auflaufen zu lassen.
Solch schroffen Äußerungen waren Frida Kahlo fremd. Dennoch wehrte die mexikanische Malerin fast ihr ganzes Leben lang gegen das Vorurteil, ihre Bilder seien zutiefst surrealistisch. Sie hatte in ihren Bildern nie mit der Realität gespielt, nie mit dem Absurden hantiert und reale Zusammenhänge für den Effekt umgedeutet. Der Großteil ihrer Bilder sind Selbstportraits, die sie schonungslos in allen Lebenslagen und Umständen zeigen, Darstellungen von Freunden und Bekannten, von Reisen und von Gedanken und Wünschen. Die Malerei war für Frida kein Werkzeug, sondern Identität, ihre Bilder nicht schön, sondern echt. Die scheinbare Surrealität ist nichts als eine Realität, die Realität der Frida Kahlo und ihres kurzen, leidvollen und leidenschaftsvollen Lebens.

Ein Leben, das im Jahre 1907 in dem idyllischen Vorort von Mexico-Stadt Coyoacán beginnt. Ihr Vater, Willhelm Kahlo, war ein deutscher Einwanderer, ihre Mutter, Matilde Calderon, eine Mexikanerin indianischer Abstammung aus dem Süden Mexicos. Magdalena Carmen Frida Kahlo y Calderon wurde in eine Epoche des politischen Umbruchs geboren, doch der wohlbehütete Haushalt ihres Vaters ließen sie und ihre Schwester Cristina in normalen Umständen aufwachsen. Für Frida, die schon als Kind als lebhaft, intelligent und freigeistig galt, erschloss sich die Bedeutung der Revolution im Jahre 1911 und die anschließende Ära des Zapatismus erst im Zuge ihrer ersten politischen Gehversuche in der Schulzeit.
1922 ermöglichte ihr Vater Frida den Besuch einer höheren Schule in Mexico-Stadt. Für die junge Frau bedeutete dies neben dem langen Schulweg vor allem eine glückliche Zeit der Hochstimmung. Sie lernte neue Freunde kennen, bekam wie viele der Kinder dieser Zeit einen unstillbaren Wissensdurst gepaart mit politischem Idealismus und probte die Freiheiten der Jugend. “Wir glaubten und hofften. Wir glaubten daran, stark genug zu sein, zu verändern, was auf dieser Welt verändert werden musste”, schrieb sie später in ihr Tagebuch. Sie bekannte sich seit dieser Zeit zum Kommunismus, der durch die Revolution und die politischen Wirren starken Zulauf erhielt. Doch sie unterschied immer zwischen ihrem politischen Idealbild und den Zuständen unter dem Stalinismus in Russland. Dem verbannten ehemaligen Politiker Leo Trotzki gab sie später politisches Asyl.

Die Schulzeit war in zweierlei Hinsicht bedeutsam für ihr gesamtes weiteres Leben. Sie lernte den großen mexikanischen Maler Diego Rivera kennen, der in dem Schulgebäude ein Wandgemälde malte. Den übermutigen Schülern war das eher ein Anlass für närrische Streiche, doch Frida sollte später den Maler gut kennen lernen und heiraten.
1925 ereignete sich ein tragischer Unfall, der Bus mit dem Frida Kahlo und ihr damaliger Freund, ihre erste große Liebe, von der Schule nach Hause fuhren, stieß auf einem Bahnübergang mit einem Zug zusammen. Ein Bild der Verwüstung, Schrott und Blut, die Fahrgäste wurden herausgeschleudert, Splitter flogen. Frida überlebte den Unfall wie durch ein Wunder, ein Metallrohr hatte sie wie ein Degen in den Rücken gestoßen und trat an der Scham wieder aus, ihre Wirbelsäule wies mehrere Frakturen auf, elf Brüche im rechten Fuss und drei Beckenbrücke machten jede Bewegung unmöglich. Sie verbrachte fast ein Jahr im Krankenhaus und die Nachwirkungen waren ihr ganzes Leben über präsent. Depressionen, Selbstmordgedanken und Hoffen wechselten einander ab, die Familie war ebenso schockiert und machtlos wie ihre Freunde.

Zu dieser Zeit der Untätigkeit begann die junge Frida zu malen. Ihre Familie hatte über ihr Bett einen Spiegel hängen lassen, ihre Malversuche hatten nur sie als Ausgangspunkt. Ihr erstes Portrait zeigte sie mit einem Samtkleid gerade und aufrecht sitzend, eine Haltung, die ihr noch Jahre Schmerzen bereitete. Fast 20 Jahre später, nach einer weiteren Operation an der Wirbelsäule, entstand das eindrucksvolle Bild “Die gebrochene Säule” (Bild rechts), es zeigte die entblößte Frida mit dem zerborstenen Abbild einer ionischen Tempelsäule anstelle der Wirbelsäule. Etliche Nägel sind in ihrem Körper gesteckt und sie trägt ein Stützkorsett. Das Bild steht fast exemplarisch für den unverfälschten, direkten Blick auf ihr Leben, die karge Landschaft im Hintergrund ist unmittelbarer Ausdruck der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit, die sie gefühlt hat.

Fortan war ihr Leben vor allem durch das Leiden bestimmt, aber auch durch die Leidenschaft. Nach dem Genesen von dem Unfall beginnt ein neues Leben, Frida lernt Diego Rivera und dessen Frau Lupe Marin kennen. Die beiden Menschen haben eine Affäre und Diego trennt sich von Lupe, um Frida zu heiraten. Die Hochzeit erregt Aufsehen. Rivera, der korpulente, berühmte und exzentrische Maler, der bedeutendste Künstler Mexikos zu der Zeit, und die zierliche junge Frida Kahlo stehen in den Schlagzeilen. In ihrer politischen Überzeugung und dem freizügigen Lebensstil vereint, leben die beiden in wilder Ehe. Sie reisen viel, trinken und singen in den Bars von Mexico-Stadt den Mariachi und ihre Liebe scheint durch viele Seitensprünge nur gefestigt zu werden. In dieser Zeit zeigt sich, wie stark Kahlo den Traditionen der Mexikaner verhaftet ist, sie trägt mit Vorliebe indianische Halsketten und erntet vielfachen Applaus für Gesangs- und Tanzeinlagen in den Bars. Gemeinsam mit Diego engagiert sie sich für den Kommunismus und nimmt an Demonstrationen teil.

Rivera (bild unten, mit Frida 1940) nahm viele Aufträge in den USA an, Frida folgte seinen Reisen. Doch immer wieder meldeten sich die Nachwirkungen des Unfalls. Frida erlebte mehrere Fehlgeburten, wurde regelmäßig an der Wirbelsäule operiert und verbringt viel Zeit mit dem Tragen eines Ganzkörperkorsetts. Sie bekam Rückfälle, die Ehe wurde geschieden und dennoch bewahrte sie sich in ihren Lebensmut. Sie pflegte in New York eine enge Beziehung zu dem Amerikaner Nicholas Muray (von ihm stammt die Photographie am Anfang des Artikels), dem sie in dieser Phase viele ihrer Bilder widmet.
In den 30er Jahren hat sie mehrere Ausstellungen in Amerika und Europa, ihre Bilder wurden zum Teil gut aufgenommen, aber wegen ihrer Offenheit tabuisiert. Zu Muray schrieb sie: “Die Surrealisten erwarten mich in Paris. Sie halten mich für eine Surrealistin. Obwohl ich doch gar keine bin.” Diego Rivera, an den Frida noch immer denkt und zu dem sie später auch wieder zurückfindet, scheint in der Zeit der einzige, der die wirkliche Tragweite von Kahlos Bildern erfasst. Schon früh stellt er ihre Malereien weit über seine Leistungen.

“Freudig erwarte ich den Abgang ... und ich hoffe nie wieder zurückzukehren.” Die letzten Worte in ihrem Tagebuch. Sie starb am 13. Juli 1954 in dem blauen Haus in Coyoacán, ihrem Zuhause für ihr gesamtes Leben. Die offizielle Todesursache ist Lungenembolie, doch Frida Kahlo hat dem Kampf gegen das Leiden fast dreißig Jahre nach dem Unfall verloren. Für die Nachwelt übrig sind die umfangreichen Tagebucheintragungen und die Fülle der Bilder, die über das faszinierende Leben von Frida Kahlo eindrucksvoller berichten, als jedes geschriebene Wort.

Teil 2: Zwei kleine Buchempfehlungen

Fünfzig Jahre nach ihrem Tod ist Frida Kahlo in der Kunstwelt in aller Welt präsent. Viele Bildbände geben einen Überblick über ihr Schaffen, sogar eine ständige Ausstellung über ihr Leben und Werk wurde im Blauen Haus von Coyoacán eingerichtet. Für Interessierte lohnt sich aber als Einstieg ein dünner Band aus dem Verlag Taschen, der in einer Mischung die Bilder der Frida Kahlo präsentiert und in vielen Texten über die Hintergründe informiert. Die Autorin Andrea Kettenmann erkannte den engen Zusammenhang zwischen Leben und Werk und bietet mit dem für Bildbände erstaunlich hohen Textanteil eine gut recherchierte und ansprechende Einführung.
Wer mehr wissen will, sollte zu der Erscheinung „Frida Kahlo – Malerin wieder das Leiden“ von Rauda Jamis greifen. Sie wurde 1985 im Goldmann-Verlag veröffentlicht und enthält neben der ausführlichen Biographie eine kleine Auswahl von Schwarz-Weiss-Reproduktionen von Kahlos Bildern. Das Buch, selbst hauptsächliche Quelle für diesen Text, folgt einem streng chronologischen Aufbau und zeichnet Fridas Leben in einem informativen Text nach, der Tagebucheinträge, Gesprächsauszüge, Zeitungsausschnitte und viele Zitate von Diego Rivera bis Trotzki einbindet. Die gesamte Lebensgeschichte wurde leicht fiktionalisiert, sodass die Fakten auf sehr ansprechende Weise nahe gebracht werden. Der frische lebende Stil und die farbenreiche Darlegung von Fridas Umfeld, von politischen Rahmenbedingungen und der Gesellschaft halten sehr ansprechend die Balance zwischen faktenreicher Erzählung und schön zu lesendem Stimmungsbild. Eine ausdrückliche Empfehlung.

Teil 3: Frida - der Film. Eine Kritik (Text von Kris Tapley, übersetzt von Jan Titel)

Die Rolle der Frida Kahlo in einer Kinoverfilmung ist eine der begehrtesten Frauenrollen der letzten Jahre gewesen, zuletzt erregte sie sogar die Aufmerksamkeit von Jennifer Lopez. Mit Salma Hayek, die letztendlich in Julie Taymors abstrakter Interpretation von Kahlos Leben die Hauptrolle übernahm, kann sich die Kinogemeinde über einen exquisiten und überwältigenden Blick auf die Beziehung von zwei leidenschaftlichen Künstlern freuen.
Der Film heisst „Frida“, doch er hätte genauso gut „Frida und Diego“ heißen können. Alfred Molina spielt den berühmten Maler Diego Rivera, der für 25 Jahre der Ehemann von Frida Kahlo war. Früh in ihrem Leben wurde Frida von einem tragischen Busunglück betroffen, der sie den Rest ihres Lebens in einem ständigen Zustand des Schmerzes leben ließ. In Rivera fand sie Zuflucht an der Seite der hühnenhaften Gestalt und zugleich auch Schmerz in seinem typischen Frauenverschleiß und dem Mangel an Loyalität. Die Kunst überdauerte letztendlich alles und was Frida Kahlo uns auf ihren Bildern zurücklässt, ist ein ständiges Zeugnis von Einsamkeit und Schmerz, das selbst die weniger informierten Augen sofort erkennen und respektieren.

Es ist die Ausstattung und Bildsprache von Kahlos Werken, die Julie Taymor zur Vermittlung ihrer Geschichte benutzt. Als abstrakte Künstlerin (zum Beispiel der 2000er Film „Titus“) kam sie vom Theater und Musical („The Lion King“ am Broadway) mit zwei stark stilisierten und impressionistischen Filmen ins Kino, die sie als Regisseurin mit inhaltlicher Substanz etablieren. Indem sie die künstlerischen Ausdrucksweisen Frida Kahlos zum Leben erweckt und auf die große Leinwand bringt, sei es durch vordergründige Animationen oder subtile Dialoge, beweist Taymor, dass sie die Protagonisten ihres Films nicht nur versteht, sondern auch mit ihr sympathisiert. Und genau dieses Gespür von Wahrheit, dass es dem Publikum erlaubt, „Frida“ als eine persönliche Ausstellung zu erleben.

Für Salma Hayek ist die Hauptrolle in „Frida“ ihre bisher ehrgeizigste und zugleich eindeutig beste Darstellung. Ihre Kahlo ist eine Frau, der die Qual ins Gesicht geschrieben steht und die jeden Tag damit verbringt, in ihrem Leben zurückzuschauen, auf das was sie bewegt. Ihre Liebe. Ihre Familie. Ihre Bilder. Die Darstellung von Hayek ist subtil und in keiner Weise auffällig, aber sie schafft es dem Publikum ihre Rolle in einer Weise nahe zu bringen, wie es Nicholas Cage in „Leaving Las Vegas“ geschafft hat. Die Rollen sind zwar recht unterschiedlich, doch die Einladung der Schauspieler, in die Seele und das Herz der recht ungewöhnlichen Charaktere zu schauen, sind sich extrem ähnlich.
Alfred Molinas Diego Rivera ist einer der glaubwürdigsten und überzeugendsten Charaktere in diesem Kinojahr. Auch wenn sich jetzt zeigte, dass seine Leistung in der Nebenrolle wegen der Fülle an Alternativen für die Oscarnominierungen unberücksichtigt blieb, bin ich mir dennoch sicher, dass seine Rolle einer der besten Leistungen eines Schauspielers in diesem Jahr war. Zu dem Ensemble gesellen sich einige Nebenrollen an Persönlichkeiten aus der Zeit. Geoffrey Rush spielt Leon Trotzki und ebenso wie Edward Norton in seinem Kurzauftritt als Nelson Rockefeller nutzt er die kurze Zeit auf der Leinwand für einen bleibenden, bewegenden Eindruck. Riveras Engagement in New York, wo er ein Wandgemälde für Rockefeller malt, das letztendlich von dem Milliardär aus politischen Gründen abgelehnt und die Wand eingerissen wird, ist eine kurze und dennoch sehr wirkungsvolle Veranschaulichung von Riveras Konflikten mit Kompromissen, wenn sich seine Vision mit anderen kreuzt. Wir wissen zu dem Zeitpunkt (wenn nicht schon früher), warum Frida ihre Liebe in Rivera gefunden hat. Beider Leidenschaft in den Darstellungen der beiden Rollen ist so groß, und selbst Molina schien mit der Rolle nicht die geringsten Probleme zu haben.

Die technischen Aspekte des Films ordnen sich alle eindeutig und mit besonderer Hinhabe der Vision von Julie Taymor unter. Die Ausstattung und das Kostümdesign, die atemberaubende Kamera oder Elliot Goldenthals stilvoller Score fügen sich alle sehr angenehm in das Gesamtbild ein.

„Frida“ ist ein Film, der unter dem Radar der meisten Kinogänger in diesem Jahr durchschlüpfen wird. Trotz einiger wohlwollender Kritiken und den bekannten sechs Nominierungen für die Oscars (inklusive Salma Hayek als beste Hauptrolle) werden wohl viele anderen Filmen den Vorzug geben. Die zwei Stunden, die ich mit „Frida“ verbracht habe, bleiben dennoch zwei der faszinierendsten, die ich in diesem Jahr in einem Kino erlebt habe. Es ist eindeutig ein Film von Prestige für viele Beteiligte und definitiv einer der vollkommensten Biographiefilme, die ich gesehen habe. Taymor bewahrt Abstand zu ihren Charakteren und erlaubt uns dennoch den Blick in ihr inneres wie Michael Mann es zuletzt mit Muhammed Ali geschafft hat. Es ist diese Intimität, die uns die Leidenschaft und Einsamkeit in Fridas Leben verstehen lässt. Und es ist diese Vertrautheit, die Julie Taymor als einen exquisiten Geschichtenerzähler etabliert.

Teil 4: Rezension der Filmmmusik von Elliot Goldenthal

Vom Leben der Frida Kahlo blieben vor allem die Bilder als Kunstform bis in die heutige Zeit erhalten. Doch mit ihrer Seele hing die Mexikanerin fast ebenso an der Musik. Zusammen mit ihrem Ehemann Diego Rivera sang sie häufig in den vielen Cantinas von Mexiko-Stadt. So ist es fast eine Selbstverständlichkeit, dass die Musik ebenso wie das Optische ein wichtiger emotionaler Bezugspunkt des Films wurde.

Komponiert wurde der Score (im weitesten Sinne) von Elliot Goldenthal, dem Ehemann und langjährigen künstlerischen Partner von Julie Taymor. Zusammen schufen die beiden schon Theateraufführungen wie „Juan Darien“ oder auch den ersten Kinofilm von Taymor, „Titus“. Goldenthal zeigte dabei ebenso wie seine Frau einen Willen zum Experimentieren, mit Stilen ebenso wie mit dramaturgischen Konzepten. Besonders „Titus“ ist als wilder, aber gekonnter Mix auf Jazz, Sinfonik und Vokalmusik sehr zu empfehlen.
Für „Frida“ entfernte sich Goldenthal komplett von seinen bisherigen Arbeiten für das Kino, der düster-kraftvolle Klang àla „Alien³“ oder „Final Fantasy“ erschien hier auch mehr als unangebracht. Erstaunlich ist aber die Konsequenz mit der er nicht nur gängige Klangmuster der Filmmusik aufgab, sondern sich die Ausdruckweisen des Mariachi, der weit verbreiteten Volksmusik Mexikos zu eigen machte. Er komponierte für ein kleines Ensemble aus Gitarren, Klavier (Goldenthal persönlich) Accordeon, Percussions, Marimba, Flöten und Harfe. Gelegentlich, zum Beispiel in “The Journey” verwendet Goldenthal auch ein kleines Streichorchester, doch dieses Experementieren mit dem Mariachi hält sich in Grenzen. Goldenthal selbst schreibt im Booklet, dass er einige komplex-sinfonische Ansätze schnell wieder aufgegeben hat. Dazu kommt, dass Instrumentalstücke und Lieder eine unzertrennbare Einheit bilden.

Ausgangspunkt für die Lieder und die Grundstimmung des Scores waren einige Sourcestücke von der lateinamerikanischen Sängerin Chavela Vargas, zwei finden sich auch auf dem Soundtrack. Sie zeichnen den Gestus der Musik vor: einfach instrumentiert, harmonisch eingängig, singbare Melodien und vor allem viel Seele. Dass Goldenthal genau dies geschafft hat, ist erstaunlich. Seine Scorestücke sind pure mexikanische Unterhaltung und arbeiten im dramaturgischen Sinne ebenso wenig wie die vielen Lieder. Vielmehr geht von der Musik eine Grundstimmung, eine Atmosphäre aus die durchaus echt und authentisch wirkt.
Schon der Beginn des Films weist den Weg. Eine klagende Solostimme begleitet Frida Kahlo aus ihrem Haus, langsam kommen Gitarren und Rhythmusinstrumente hinzu, die im zweiten Titel zu einem flotten Gitarrenstück übergehen. Diese Verbindung der Instrumental- und Vokalparts (die Lieder wurden von der mexikanischen Sängerin Lila Downs gesungen) entwickelt sich zu einem tragenden Element des Films. Salma Hayek singt selbst im Film eins von Goldenthals Liedern, das stimmungsvolle „La Bruja“ und schafft damit ebenso die eindrucksvolle Synthese von Bildern, Handlung und Musik.

Herauszuheben ist noch die Gestaltung der Texte der neu geschriebenen Lieder, die von Julie Taymor durchgeführt wurde. Insbesondere im Abspannlied „Burn It Blue“ erweist sie den bestimmenden Elementen von Fridas Leben Referenz. Ihr langes Gefesseltsein an das Bett, der Wunsch davonzufliegen, die Farbe blau, alles erscheint wunderbar durchdacht. Wie auch beim Film, scheinen die Künstler bei der Musik ihre Inspirationsquelle nicht nur verstanden zu haben, zu scheinen mit ihr zu sympathisieren und das verschafft auch der Musik eine enge Vertrautheit und Wahrheit.

Die Bewertung scheint jetzt im Kontext der sinfonischen Konventionen der Filmmusik sehr schwierig. „Frida“ lässt sich nicht nach den normalen Maßstäben der Dramaturgie oder Komplexität messen, ist die Musik doch eher durchdachtes Kolorit als Hintergrund. Die Leistung von Goldenthal nötigt einem Respekt ab und daher bekommt das Album eine eindeutige Empfehlung, auch wenn die Musik nicht mit anderen Filmscores dieser Bewertung zu vergleichen ist.

Zu der Veröffentlichung der Musik lässt sich ebenfalls positives vermerken. Eine solide Spielzeit, wobei Goldenthals Anteil ungefähr eine halbe Stunde beträgt, und eine sehr ansprechende Präsententation im Booklet sorgen für einen guten Gesamteindruck. Weiterhin wird ein kurzer, aber informativer Inhalt auf CD-Rom geboten. 

Jan Titel / 31.01.07