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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

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European Film Composers In Concert: Konzertkritik

Eine kleine Tradition setzt sich fort: Am Abend des 30. November 2007 versammelte der belgische Komponist und Dirigent Dirk Brossé eine namhafte Riege europäischer Filmkomponisten und das Radio Sinfonieorchester Ghent in Berlin, um die Europäische Filmpreisverleihung einzuleiten. Bereits zwei Jahre zuvor fand ein solches Konzert stand, damals unter Anwesenheit von Stephen Warbeck, Maurice Jarre, Alberto Iglesias, Bruno Coulais und Gabriel Yared. Die Namen bei der Neuauflage lasen sich ebenso eindrucksvoll: David Arnold, Jean-Claude Petit, Craig Armstrong und Wim Mertens kamen und Musik von Wojciech Kilar, Nicola Piovai, Peer Raben und Geogre Delerue standen zusätzlich auf dem Programm.

Es ist ungewöhnlich, dass sich ein Filmmusikkonzert nur aus den Werken von Komponisten unseres Kontinenten zusammensetzt, klammert es doch ex definitio die großen und bekannten Melodien wie “Star Wars”, “Herr der Ringe” oder “The Magnificent Seven” aus, die normalerweise die Konzertsääle füllen. Der harte Kern der Filmmusikenthusiasten reicht meist kaum, um ein lokales Event komplett auszulasten. Doch die Auswahl der European Film Acadamy und die Anwesenheit der Komponisten hatte ihren Reiz, zumal die Beschränkung zum Teil dadurch aufgehoben wurde, dass Europäer selbstverständlich auch amerikanische Filme vertonen. So bekamen die Gäste neben unbekannten Streifen auch Musiken aus “James Bond” oder “World Trade Center” zu hören.

Das Konzert 2005 konnte vor allem durch Stücke von Zbigniew Preisner, Bruno Coulais und Alberto Iglesias glänzen und auch dieses Mal gab es Highlights neben Ansprechendem, Bekanntes neben gänzlich Fremdem und vor allem eine muntere, variantenreiche Auswahl mit hohem Unterhaltunsgwert. Den Reigen eröffnete der belgische Komponist Wim Mertens, der sowohl für das Theater, den Film und den Konzertsaal schreibt. Seine beiden Musiken zu “Der Lebensversicherer” und “The Belly Of An Architect” zeigten ihn als modernen, versierten Tonsetzer, der eine Vorliebe für minimalistische Strukturen und kräftigen Orchesterklang hat. Die Streicher wirbelten repetetiv, Wim begleitete am Klavier und die Bläserfraktion setzte häufig in die überbordende, stark soghafte Klangkulisse ein. Stilistische Anhaltspunkte kann man vor allem bei Michael Nyman finden, nicht zufällig untermalte Mertens hier auch einen Film von Peter Greenaway. Skuriller Höhepunkt seiner Stücke war sein apathischer Sprechgesang, den er homogen in den minimalistischen Orchesterklang einwob.
Der Franzose Jean-Claude Petit dirigerte selbst drei seiner Filmmusiken und präsentierte sich als traditioneller, der ausladenden Epik der Romantik verschriebener Komponist mit einigem an orchestratorischem Geschick. “Jean de Florette”, “Cyrano de Bergerac” und “Lady Chatterley” hüllten das Auditorium in süffige Arrangements mit Reminiszenzen an Edward Elgar, César Franck oder Antonin Dvorak. Der “Cyrano” steigerte sich sogar zu einem kräftigen Höhepunkt mit prokoffiefscher Dramatik, die die klaren und kraftvollen Streicherlinien aus der Eröffnung von “Romeo und Julia” in Erinnung riefen. Hier bekamen Orchester und Komponist zu Recht einen der größten Beifallsstürme des Abends.
Aus gänzlich anderem Holz geschnitzt zeigte sich Craig Armstrongs Musik. Alle drei Filme verfügten über eher schlicht gestaltete Orchestersätze, die stark auf Stimmungsmalerei ausgerichtet waren. Sie konnten aber dennoch teilweise überzeugen, da die musikalischen Mittel sehr gekonnt ausgewählt waren und die emotionale Wirkung im Vordergrund stand. Hier zeigte sich, dass der hinter dem Orchester mitlaufende Videoprojektor eine enormen Einfluss auf die Rezeption der Musik hat, denn gerade bei Armstrong war offenkundig, wie grandios seine Musik im Zusammenspiel mit den emotionalen, zeitlupenhaften Montagen aus “The Quiet American” und “World Trade Center” funktionierte. Ich hätte mir gewünscht, dass das Konzert gänzlich ohne diesen Bezug ausgekommen wäre, doch dazu gibt es sicherlich die verschiedensten Ansichten.

Peer Rabens Musik zu “2046” von Wong Kar Wai, für die er Teile früherer Scores neu arrangierte, brachten auf wunderbare Weise den exzellenten Streicherapparat des Radiosinfonieorchesters Ghent zum klingen. Herrlich runde, tiefgründige und schillernde Arrangements erwiesen sich als absolut konzerttauglich, schade dass der Anfang des Jahres gestorbene Raaben die Aufführung nicht mehr erleben konnte. Nicht ganz so eindrücklich gelang die Performance von Nicola Piovanis Stücken aus “La Notte di San Lorenzo” und “La Vita E Bella”. Die symphatischen, melodischen Musiken erwiesen sich als recht einfach gearbeitet, es kamen bei der intensiven Hörsituation keinerleie neue Ebenen zum Vorschein.
Gleiches gilt interessanterweise für die Musik von Wojciech Kilar, der mit “The Ninth Gate” und “Pan Tadeusz” vertreten war. Sicherlich der sehr platten Vorlage geschuldet, erweist sich die Musik im ersteren Falle zwar als hochdramatisch und kompetent orchestriert, aber auch zu eindimensional für echten Konzertgenuss. Alle Gruppen des Orchesters schufteten und eine Sopranistin kolorierte den Höhepunkt mit einer Vokalise, doch die faszinierende Vielschichtigkeit des Petit wurde hier nicht geboten. Seine Musik zum polnischen Epos “Pan Tadeusz” ist eine kräftige Polonaise, deren klassische Strenge durch eine Überorchestrierung durchbrochen wurde. Hier stellte sich mehr Faszination ein, doch insgesamt war dem Publikum dieses kurze Stück auch etwas zu skurill, um in Begeisterung auszubrechen.

David Arnold stellte zwei Musiken vor, die zeitlich nicht weiter auseinander liegen konnten. Zuerst kam “Stargate” zu Gehör, die leicht erweiterte Overtüre brachte den Konzertsaal auch ordentlich zum Beben. Sie zeigte Arnold als talentierten und einfallsreichen Tonsetzer, dessen Orchesterbeherrschung noch etwas grob und ungelenk ist. Nichtsdestotrotz machte das pompöse Stück Spaß, etwas das sich bei “Casino Royale” nicht so recht einstellen wollte. Dies war aber ganz klar der Auswahl der Stücke geschuldet, denn gegeben wurde eine elegische Version des neuen Hauptthemas. Dass dies die spannenden Actionmomente des Scores komplett aussparte, ist klar und so spielten Dirk Brossé und das Orchester noch eine sehr originalgetreue Performance des Monty Norman Themas hinterher. Das ist einfallslos, die Performance der Eröffnungsequenz aus “Tomorrow Never Dies” vor einiger Zeit in Leipzig unter Mauceri hat gezeigt, dass in Bond weit mehr Potenzial steckt.

Die Musik von George Delerue fungierte als Untermalung für das einleitende Video, das unverblümt Imagekampagne für Ghent, das flämische Belgien und das ganze Land war. Dies wirkte im Angesicht der aktuellen politischen Situation im Nachbarland doch sehr befremdlich. Zum Ende hörten wir erneut Delerue für eine Montage der Preisträger des Europäischen Filmpreises in den letzten zwanzig Jahren und eine Geburtstagsbotschaft. Die Musik des Franzosen passte mit der mitreißenden und eingänigen Melodik hervorragend zur Eröffnung und Abschluss eines spannenden Konzertes, dass etwas andere Schwerpunkte setzte als sein Vorgänger und dennoch mehr als hörenswert war. Leider war der Admiralspalast nicht ausverkauft, es wäre dem Konzert zu wünschen gewesen.

Programm:

Orchester: The Flemish Radio Orchester Ghent
Dirigent: Dirk Brossé
Solistin: Ilse Eerens (Sopran)

Georges Delerue
- La nuit américaine

Wim Mertens
- Der Lebensversicherer
- The Belly Of An Architect

Jean-Claude Petit
- Jean de Florette
- Lady Chatterley
- Cyrano de Bergerac

Craig Armstrong
- Quiet American
- World Trade Center
- Love, Actually

Peer Raben
- 2046

Wojciech Kilar
- The Ninth Gate
- Pan Tadeusz

David Arnold
- Stargate
- Casino Royale

Nicola Piovani
- La Notte di San Lorenzo
- La Vita è Bella

Georges Delerue
- Vivement dimanche

Jan Titel / 09.12.07