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Die Nibelungen - Klassiker des deutschen Films von Fritz Lang und Gottfried Huppertz
Viele Filmmusikbegeisterte haben einen Traum. Einen von der Sorte, der nie in Erfüllung gehen wird und der dennoch zu schön wäre, wenn er real wäre. Was wäre wenn Richard Wagner, der Urvater der romantischen Oper, knapp einhundert Jahre später gelebt und für den Film komponiert hätte? Welch epochale Musik wäre das Wagneridiom im filmischen Kontext? Wie tiefgreifend hätte er das Genre mit seinem Sinn für Dramaturgie, Klangwirkung und monumentalem Gestus geprägt? All diese Fragen sind rein akademisch, hat Wagner den Musikliebhabern doch vor allem seine Opern hinterlassen. Ein Jahrhunderte umspannendes Projekt hat nun für diese Lücke eine musikalische Antwort parat: Die Stummfilmmusik zu Fritz Langs Klassiker “Die Nibelungen” aus dem Jahr 1924, komponiert von Gottfried Huppertz. Über 80 Jahre nach der Premiere strahlte der epochale Zweiteiler frisch restauriert erneut von der Leinwand und präsentiert sich als würdiger Wagnervertreter - und mehr.
Lang inszenierte das mit einer Gesamtlaufzeit von fünf Stunden auch in der schieren Größe monumentale Stummfilmwerk in den Jahren 1922 bis 1924. Die Filmindustrie in Babelsberg steckte in den Kinderschuhen, aber auch ihre beste Zeit von 1925 bis 1933 war nicht mehr weit. Fritz Lang sammelte für seinen Zweiteiler ein Rekordbudget ein und setzte die archaische Geschichte in faszinierenden Bildern um. Anstatt auf klares Schwarz-Weiß zu setzen, ließ er den Film nach dem Entwickeln orange einfärben. Die charakteristische erdige Tönung gehört sicherlich zu den bemerkenswertesten künstlerischen Entscheidungen Langs. Aber auch der Aufwand mit Massenszenen - besonders eindrucksvoll hier die vielen Hunnen-Pferde, gefilmt im märkischen Sand - und Setbauten verweist auf vieles, was die Traumfrabrik Hollywood erst zehn Jahre später erschuf. Filmisch ist “Die Nibelungen” damit sicherlich ein Meilenstein der Filmgeschichte, auch wenn die dramaturgisch grob überlieferte Geschichte auch durch die filmische Umsetzung wenige Finessen gewinnt. Was sie aber von den Opernfassungen unterscheidet, ist die durchaus genutzte Möglichkeit, mit Nahaufnahmen die Mimik der Darsteller zu nutzen und damit den Figuren etwas näher zu kommen. Der fast manisch feste Blick Kriemhilds zum fatalistischen Finale bleibt in Erinnerung, ebenso die wohl darstellerisch stärkste Darbietung von Hanna Ralph als Brunhild. Die männlichen Rollen fallen hingegen ab, Siegfried darf als jugendlich-übermütiger Haudrauf vor allem durch Körpereinsatz glänzen, während Hagen und Gunther steif wie Abziehbilder auftreten. Lediglich der Hunnenkönig Etzel, gespielt von Rudolf Klein-Rogge, macht einige interessante Metamorphosen durch. Wie dem als barbarisch eingeführten Attila im Anblick seines neugeborenen Kindes die Gesichtszüge infantil entgleisen, fängt Lang überzeugend ein.
Bemerkenswert aus heutiger Sicht sind auch die animatronischen und filmischen Effekte, mit denen Fritz Lang die mystischen Anteile der Sage umsetzte. Die riesige Puppe des Drachen, gegen den Siegfried kämpft, sitzt zwar plump wie ein Stein in einem Studio, bewegt aber äußerst überzeugend Hals, Schwanz und andere Gliedmaßen. Im Höhepunkt des Kampfes speit er Feuer und Rauch und durch klug gesetzte Schnitte erzielt Lang tatsächlich ein packendes Gefühl, selbst für mit heutigen Effektwassern gewaschene Zuschauer. Ähnlich verblüffend sind auch verschiedene Blendeffekte gelungen, beispielsweise die Versteinerung der Zwerge oder die Tarnkappen-Szenen in Isenland. Lang wusste genau, was er konnte und was nicht und hat im Rahmen der damaligen Möglichkeiten Unglaubliches geleistet. Auch dafür muss man “Die Nibelungen” ernsthaft würdigen.
Zu einer ernsthaften Würdigung zählt aber auch, ideologische Implikationen des Stoffes kritisch zu hinterfragen. Der durch die deutsche Geschichte sensibilisierte Zuschauer zuckt unweigerlich zusammen, wenn nach dem Filmtitel eine Texttafel mit den Worten “Dem Deutschen Volke zu Eigen” eingeblendet wird - Frakturschrift inklusive. Auch die Stilisierungen der “deutschen” Tugenden wirft Fragen auf. So wird Dietrich von Bern auf dem Höhepunkt des Gemetzels in Attilas Palast, das Kriemhild aus Rache an Hagen angezettelt hat, gefragt, warum die Nibelungen den Mörder Siegfrieds nicht einfach ausliefern und die Fehde damit beenden. “Ihr kennt die deutsche Seele nicht”, antwortet er und meint damit bedingungslose Treue, Tapferkeit und Standhaftigkeit. Der Film reflektiert dies nicht kritisch, sondern wahrt die Position des “Überlieferers” - nicht zufällig wurde der Zweiteiler zu einem der Lieblingsfilme Adolf Hitlers. Dennoch kann man Lang und seiner Drehbuchautorin Thea von Harbou dies kaum anlasten. Einerseits entsprach der völkische Unterton dem Zeitgeist, zum anderen sind durch die Überlieferungen des Liedes interpretatorische Grenzen gesetzt, insofern man keine dezidierte Antithese dazu formulieren möchte. Wer spitzfindig die Hintergedanken der Köpfe hinter dem Projekt identifizieren möchte, der kann sich zu guter Letzt am paralysierenden Finale laben. Alle haben verloren, alle sind ewig gezeichnet, keiner hat überlebt. Eine Glorifizierung der deutschen Tugend ist dies nicht.
Ein übermächtiges Erbe hatte auch der Komponist Gottfried Huppertz anzutreten, den Lang für die Filmmusik seines Mammutprojektes auswählte. Huppertz, ein begnadeter Liedschreiber und Arrangeur, der sich auch als Schauspieler versuchte, kam auf anekdotisch netten Umwegen zu dem Projekt. Er war ein langjähriger Freund von Rudolf Klein-Rogge, der zum einen in “Die Nibelungen” als Etzel mitwirkte und zum anderen einst mit Thea von Harbou verheiratet war. In zweiter Ehe war von Harbou dann mit Fritz Lang liiert, Huppertz verbrachte mit allen dreien viel Zeit im Berlin der Zwanziger Jahre. In ersten Filmen Langs trat Huppertz als Nebenrollendarsteller auf, für “Die Nibelungen” fragte ihn Lang aber nach einem epischen sinfonischen Filmscore. Huppertz zögerte, willigte anschließend aber ein und komponierte fast fünf Stunden Musik für großes Orchester. Leider wurde sein Score für verschiedene Aufführungen, etwa in Frankreich und den Vereinigten Staaten durch Exzerpte aus Wagners Opern ersetzt - das genaue Gegenteil von dem, was Fritz Lang bewirken wollte.
Huppertz’ Filmmusik hat nun auch recht wenig mit dem übermächtigen Ring von Richard Wagner gemein. Sie enthält wenig Deklamatorisches, setzt die große Geste nur sparsam ein und verdichtet die musikalischen Mittel geschickt, um der schnelleren dramaturgischen Taktung des Films gegenüber der Oper gerecht zu werden. Ein näherer Verwandter sind die Tondichtungen Richard Strauss’, dessen “Don Juan” oder “Ein Heldenleben” kultivieren wie Huppertz’ Nibelungenmusik das Reine, Heldenhafte und das Tugendhafte. Übersetzt in die Musik bedeutet dies vor allem Parallelen in der Charakterisierung Siegfrieds zu Beginn des Zweiteilers. Die diffenzierten Streicher, das forsch ausbrausende Thema mit kurzen dramaturgischn Bögen und der Hang zu Versinnbildlichungen der Natur rücken Huppertz Noten in die Nähe des Altmeisters. Gegenüber Wagner grenzt sich sein Score zudem durch die motivische Verarbeitung ab. Anstatt gute 100 Motive diffizil zu konstruieren und zu verweben, beschränkt sich Huppertz auf ein knappes Dutzend musikalischer Erkennungszeichen und setzt diese eher minimalistisch nebeneinander. Mit Ausnahme des Siegfriedmotives ähneln sich alle Themen: sie sind kurz und mit geringem Tonumfang, pendeln meist um einen Pivotton und nehmen das fatale Ende aller Figuren vorweg. Die Ähnlichkeit, auch in der Ausarbeitung der Motive, führt dazu, dass im Nachhinein wenige melodische Phrasen in Erinnerung bleiben, für den Moment, für die filmische Sekunde gelingen Huppertz aber fantastische Charakterisierungen.
Über den Verlauf der fünf Stunden ist die Filmmusik natürlich nicht frei von Wiederholungen, aber ebenso reichhaltig mit Highlights eingedeckt. Vom stürmischen Drachenkampf Siegfrieds ist es nur ein Steinwurf zu den wenigen ausladend repräsentativen Momenten des Scores, als Siegried am Hofe zu Worms eintritt. Faszinierend sind die öminösen Klangschichtungen für Isenland, die Huppertz mittels minimalistischen Steicher- und Blechfiguren und einem sich wiederholenden Klaviermotiv kreiert. Folkloristisch untermalt er die Hunnen, denen er mittels Fiddeln, synkopierten Rhythmen und irren crescendi wohl etwas “Zigeuner"-Touch einimfpen wollte. Doch gerade diese Passagen, etwa der wilde Tanz der hunnischen Söldner vor den Toren Roms, kontrastieren wunderbar mit dem immer monochromer werdenden Stimmungsbild des übrigen Scores. Huppertz nutzt hier gezielt die Wiederholungen von Kriemhilds Thema, um es immer entrückter, starrer und hoffnungsloser erklingen zu lassen. Die Musik zum zweiten Teil ist dadurch zäher als die des ersten Teils, passt sich in dieser aber dem Film an. Eine weitere Auffälligkeit sind einige Kunstpausen in der Musik, beispielsweise als Hagens Speer Siegfried trifft. Lange vor dem Tonfilm, der Filmpassagen ohne Musikuntermalung möglich machte, nutzte Huppertz die emotionale Kraft der Stille - wenn auch nur für einige Sekunden.
Der Filmscore ist wie der Stummfilm als Meilenstein der Kunstgattung Film anzusehen. Schon 1924 kultivierte der junge Komponist Huppertz, der leider 1937 viel zu früh verstarb, prägende Stilismen des frühen Tonfilms. Anknüpfungspunkte bieten etwa die strauss-inspirierten Klassiker von Alfred Newman oder Erich Wolfgang Korngold oder, gerade im Hinblick auf das intensive Finale von “Die Nibelungen”, die Schlachtmusiken von Max Steiner. Als Bindeglied zwischen Klassik und Filmmusik eignet sich Huppertz’ Score vortrefflich für tiefgreifende Hörerlebnisse. Auf Tonträger hat es die Musik allerdings bisher nicht geschafft. Ein Manko, dass schleunigst ausgebügelt werden sollte. Die Restaurierung des Films und die dadurch unausweichliche Veröffentlichung auf DVD und Bluray könnte ein willkommener Anlass dafür sein.
Am 27. April 2010, wenige Wochen nach der historischen Wiedergeburt von Fritz Langs „Metropolis“, hatte der Zweiteiler „Die Nibelungen“ erneut Premiere. Auch dieser Stummfilm wurde in mühevoller Kleinarbeit von der Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung restauriert, die Ausgangslage war aber ungleich besser. Fas zwei Dutzend Quellen standen den akribischen Restauratoren zur Verfügung, von originalen Negativen bis zu verschollen geglaubten Verleihkopien überall auf der Welt. Die Einfärbung der ausbelichteten, restaurierten Bilder wurde nach der originalen Viragierungsmethode in London durchgeführt. In diesem Zuge brachte die Europäische Filmphilharmonie mit ihrem Leiter Frank Strobel eine Neuedition von Huppertz Filmmusik heraus – Strobel war es auch, der das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks bei der glanzvollen Premiere in der Deutsche Oper dirigierte.
Sechs Stunden Programm mit einer Pause von einer Stunde – dem wagnergestählten Publikum machte dies nichts aus und es quittierte die Darbietung mit anhaltendem Beifall. Der Film konnte sich zu 95% in exzellenter Bildqualität präsentieren, die Darbietung des Orchesters war dem Anlass angemessen. Für Strobel ging nach seiner „Metropolis“-Vorführung zur Berlinale 2010 ein weiterer Traum in Erfüllung. Als Jugendlicher pilgerte er in den 80er Jahren in die Deutsche Oper, jetzt stand er am Dirigentenpult und präsentierte seinen Ring der Nibelungen – nicht Wagner, sondern Huppertz. Ein echter Glücksfall.
Jan Titel / 24.05.10