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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

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Der Rosenkavalier - Richard Strauss und der Stummfilm

Als Richard Strauss im Sommer 1925 die Vorbereitung für die Verfilmung seiner Oper “Der Rosenkavalier” begleitete, sah er sich zu einem erklärenden Statement gezwungen. Obgleich er nach seinen moderneren Extravaganzen “Salomé” und “Elektra” mit dieser Oper einen Erholungsurlaub im klassischen Lustspiel absolvierte, umtrieb ihn doch der Eifer der differenzierten Darstellung seiner Figuren. Das recht einfache Liebesverwirrspiel zu Zeiten des Rokoko in Wiener Adelskreisen bot Potenzial zur Figurenkarikatur, für überzogene Theatralik und Clichés über Clichés. Strauss, ob schlechter Erfahrungen zahlreicher Bühnenaufführungen, schloss seine Hinweise an die Schauspieler und den Regisseur mit den Worten: “Also Wiener Komödie, nicht - Berliner Posse”.
Mit der Wiener Kommödie war Strauss jedoch bereits 14 Jahre zuvor bei der Premiere seiner Oper bei den Kritikern angeeckt. Der tugendhafte Germane, wie er sich selbst oft inszenierte, tat sich schwer mit der rasanten Dynamik der Künste seiner Zeit, als Kandinsky in der Malerei, Schönberg und Strawinsky in der Musik zu neuen Ufern strebten. “Der Rosenkavalier” war ein Blick zurück in die Zeit der unbeschwert süßen, zugänglichen und unterhaltsamen Opern von Mozart. Das Publikum in Dresden, dem Ort der Uraufführung war begeistert, doch von Kollegen und Feuilletonisten hagelte es Häme. Igor Strawinsky nannte den schwungvollen Zuckerguss “Sklerosenkavalier”, das zahlende Publikum machten die Oper jedoch zu einem Erfolg. Die klingenden Münzen waren auch für Strauss der einzige Grund, der ihn für eine Arbeit an dem Stummfilm von Robert Wiene begeistern konnte. Er fürchtete die Konkurrenz des Kinos zur Oper und zum Theater, ließ sich aber von seinem Librettisten Hugo von Hoffmannsthal zur Umarbeitung seiner Oper überreden. Der Film entstand als letzte große Produktion der österreichischen Pan-Film, die ob der großen Kosten und der günstigen Konkurrenz aus Übersee bankrott ging. “Der Rosenkavalier” sollte ihr glorioser Abgesang werden, mit aufwändigen Kostümen, Bauten und mehreren hundert Statisten.

Mit dem Abstand von gut 80 Jahren konnte das Berliner Publikum nun erneut eine Aufführung des rekonstruierten Stummfilms erleben. Im Konzerthaus erwachte der sorgsam aufgearbeitete und dennoch leider unvollständige Film zu der Musik, gespielt vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, zu neuem Leben und erwies sich als Quelle ungeahnter Heiterkeit. Mit dem modernen Blick ist Wienes “Rosenkavalier” wohl nicht als “Berliner Posse” einzuordnen, aber eine “Wiener Posse” ist er ohne Zweifel. Gleich in mehrfacher Hinsicht wird hier Theater gespielt. Der Adel vor sich selbst, die Schauspieler vor der Kamera und die Opernmusik ohne Worte. Die Figuren schmachten, tänzeln und grimassieren, Szenenbild und Choreographie inszenieren das Geschehen als karnevalesken Ringelrein und die Geschichte erweist sich als vorhersehbar und clichébeladen wie ein Stück Kindertheater. Kurios vor allem die Szenen, denen auf der Bühne Arien gewidmet waren - hier kristallisiert sich Emotion ohne Handlung über oft mehrere Minuten, was die Darsteller mit Einfallsreichtum überbrücken.
Strauss’ Oper ohne Worte ist in diesem Zusammenhang ein kleiner Glückfalls für Filmmusik-Klientel. Ein Komponist, im Umgang mit dem Orchester so versiert wie der Münchener, überarbeitete seine dramatisches Werk zu einem pausenlosen Filmscore von 100 Minuten Länge. Fast wünschte man sich, den Stummfilm hätte es zu Zeiten Richard Wagners gegeben. Strauss ließ sich trotz seiner Skepsis dem Medium gegenüber die sorgfältige Neufassung des “Rosenkavaliers” nicht nehmen, verwendete rund ein Drittel der Originalmusik und ergänzte mit einigen Neukompositionen, Transkriptionen von Arien und Gesangsstücken und kleineren Auftragswerken aus der Vergangenheit. Im Ergebnis ist die Filmmusik “Rosenkavalier” ein funkelnder, strahlender und augenzwinkender Bilderbogen des klassischen Musiktheaters, in dem sich Tänze, Märsche und andere kleine Piecen die Hand reichen. Strauss wird dennoch nicht zu Strauß, denn stilprägender als die Form ist wie bei seinen Tonpoemen die Füllung mit Orchestration. Er beweist seine Meisterschaft mit dem differenzierten Streicherapparat, lässt Berührungsängste bei fülligen und süffigen Themen links liegen und hält vor allem ein paar prächtige Blechbläserfanfaren bereit. Eine locker fließende Musik, die den Film mit seiner kleinen Schwarz-Weiß-Perspektive überragt und belebt. Der Komponist nannte seine Partitur später ein “sauberes Bastardl”, der die Travestie einer Oper ohne Gesang angemessen bekleidete.
Eine Filmmusik im modernen Sinne ist der “Rosenkavalier” aber letzenendes nicht, denn zu lose bleibt die Verbindung zwischen Bild und Ton. Auch wenn szenenweise sehr genau komponiert und orchestiert, die Anzahl der Passpunkte bleibt technisch bedingt gering. Die Musik musste live zum Film gespielt werden und millisekunden genaue Kommentare der Partitur zur Handlung waren unmöglich. Dennoch baute Strauss einige neckische Effekte ein, vor allem die Fanfaren für die Kriegsausritte des Marschalls ergeben oft wunderbar passende Gesten. Ein Tonfilm, mit den dramaturgischen Revolutionen von Max Steiner und Franz Waxman, hätte einer anderen Musik bedurft und für einen solchen wäre sie wohl nie entstanden. Am gerechtesten wird man dem Werk mit der Bezeichnung Ballettmusik für Stummfilm. Als solche ist sie auch am ehesten auf Tonträger zu empfehlen, denn selbst Freunde klassischer Filmmusik werden naturgemäß eher in das Reich des klassischen Ballettes oder der Tondichtung entführt, als einen weiteren Korngold oder Steiner zu erleben. Einzige Aufnahme der Filmmusik ist eine Doppel-CD mit dem Deutschen Symphonieorchester Berlin unter Marek Janowksi.

In Berlin, dem Wohnort Strauss’ für mehr als ein Jahrzehnt, begeisterte der opulente Reigen das Publikum auf höchst erstaunliche Weise. War schon während der Aufführung die Atmosphäre angenehm gelöst, baten die Zuhörer den Dirigenten Frank Strobel mit frenetischem Applaus zum sechsmaligen Vorhang. Das Rundfunk-Sinfonieorchester erspielte sich engagiert, knackig und mit wunderbarem Schmelz die Sympathien der Zuschauer. Es hat sich in den letzten 10 Jahren zu einem der renommiertesten Orchester des Landes entwickelt und darf sich zu Recht ein Klangkörper von internationalem Rang nennen. Frank Strobel, der einzig prominente Vorreiter der Filmmusik im Konzertsaal in Deutschland, dirigierte zupackend und engagiert wie eh und je. Mehr Auftritte dieser Art wären der Musikwelt zu wünschen. Denn Komödie hin, Posse her, ob Kunst oder Sklerose, letzendens gibt es nur ein Fazit für einen Konzertabend wie diesen: “Was für ein Spaß!”

Jan Zwilling / 29.10.08