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Captain From Castile - Ein Meisterwerk unter der Lupe
SAE / 2003
Bewertung:

“With Vigor” schrieb Alfred Newman mit sichtlich begeistertem Federstrich auf seine Partitur der Overtüre zu “Captain From Castile”. Vigor - das heißt so viel wie Elan, Kraft und Vitalität und steht stellvertretend für die Ausstrahlung, die Newman seinem Score zu dem Historienepos zugedacht hatte. Zugleich ist dies jedoch ebenso Ausdruck von Newmans persönlicher Disposition, denn der Hinweis in der Partitur gilt dem Dirigenten, also ihm selbst. Newman, der Zeit seines Lebens ein begeisterter Dirigent war und diese Aufgabe dem eigentlichen Komponieren sogar vorzog, versprach sich von “Captain From Castile” jene Spielfreude des Orchesters, jenes feine Ausloten von Klangfarben und subtile Spiel mit den Tempi, das er bereits für “The Song Of Bernadette” zelebriert hatte. Sein Orchestrator Edward B. Powell war sich im Anschluss an die Aufnahmesessions sicher, dass Newman den Film hauptsächlich wegen der Möglichkeiten beim Dirigieren für sich ausgewählt hat - Märsche, Liebeszenen, große Action, Helden und Bösewichte und zwei exotische Locations hatte der “Captain” zu bieten. Newman favorisierte den Film gegenüber der Historienproduktion “Forever Amber”, die zeitgleich bei Fox produziert wurde und schlussendlich von David Raksin kongenial vertont wurde.
Der Film
“Captain From Castile” basiert auf einem Roman von Samuel Shellaberger aus dem Jahr 1944. Umgehend nach seiner Veröffentlichung kaufte 20th Century Fox die Filmrechte an dem Stoff und plante eine groß angelegte Verfilmung. Doch während der Kriegsjahre war die wirtschaftliche Basis für Filmproduktionen solider als 1946, als die Produktion schlussendlich begann. Zuschauerschwund durch das Fernsehen setzte den Studios zu und so musste das Drehbuch mehrfach adaptiert und umgeschrieben werden, damit einem Erfolg nichts im Wege stand.
Dies führte dazu, dass der Roman letztlich in künstlerisch unbefriedigender Form adaptiert wurde. Die Geschichte eines spanischen Edelmanns zu Beginn des 16. Jahrhunderts weckte vor allem bei der Kirche große Ängste. Pedro de Vargas kämpfte gegen die Spanische Inquisition, die als eigenständige Institution noch weit grausamer und konsequenter war als die Päpstliche. Schlussendlich kapituliert er und heuert auf einem Schiff unter Hernan Cortez nach Mittelamerika an. Hauptattraktion des Buches und des Films ist im zweiten Teil die Eroberung Mexikos, der brutale Marsch der “Conquistadores” gegen den aztekischen Häuptling Montezuma. Einziger Lichtblick für Pedro de Vargas ist die Beziehung zu dem Bauernmädchen Catana, das mit ihm aus Spanien flieht. Unter dem Druck des Erfolges entschärften die Drehbuchautoren (es waren einige) die spanische Inquisition in der Art, dass sie als separatistische Unterorganisation der Kirche nicht für den wahren Glauben eintritt. Der Marsch gegen die Indianer findet im Film nicht unter Absolution der Kirche statt, auch werden letzenendes die Azteken als kriegerische Barbaren und die kolonialen Eroberer als Heilsbringer portraitiert. Diese Darstellung widerspricht aus heutiger Sicht jeglichen historischen Erkenntnissen und dürfte daher vielmehr als Dokument aus der Entstehungszeit des Filmes gelten. So ist “Captain From Castile” trotz seiner Vorzeigebesetzung (Tyrone Power als Pedro und als Leinwanddebüt Jean Peters als Catana) und der aufwändigen Produktion aus heutiger Sicht antiquiert und vor allem wegen der Musik bemerkenswert.
Die Musik
Alfred Newman fokussierte sich für große Teile der Vertonung auf die spanische Lokalität, denn zum einen spielt der Film zur Härlfte in Spanien und zum anderen wird auch die zweite Filmhälfte durch spanische Charaktere dominiert. Newman stellte dabei umfangreiche Recherchen über zeitgenössische spanische Musik an, kam aber zu dem Schluss, dass diese innerhalb Spaniens zu stark fragmentiert war und zudem den dramaturgischen Ansprüchen des Films nicht gerecht werden konnte. Statt authentischer Renaissance wählte er folgerichtig einen mit typischen iberischen Stilismen angereicherten neoklassizistischen Ansatz. Damit steht er in der Tradition jener Spanieneuphorie, die die klassische Musik ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erfasste ("Carmen" von Georges Bizet oder das “Capriccio Espanol” von Nikolai Rimsky-Korsakow entstanden so). Stilistisch näher ist er aber an originär spanischer Klassik des 20. Jahrhunderts von beispielsweise Manuel de Falla oder Joaquin Rodrigo. Beide blieben während des “Ausbruchs” der Avantgarde klassischen tonalen Kompositionstechniken treu und schufen ein pointiertes, neoklassizistisches und durch rhythmische Strenge und folkloristisch überformter Melodik und Orchestration angereichertes Klangidiom. Am nähesten kommt Newman dabei dem berühmten “Concierto de Aranjuez” von Rodrigo und insbesondere dessen Cançoneta für Violine und Streichorchester (1923).
Für “Captain From Castile” erweist sich dieser Ansatz als wahrer Glücksfall, denn so gelingt Newman ein eindrucksvoller Bilderbogen, der den dramaturgischen Anforderungen ebenso gerecht wird wie einem passenden kulturhistorischen Ortsbezug für die Handlung. Die Musik ist für großes Orchester komponiert und effektvoll auf die volle Pracht des gesamten Klangkörpers ausgelegt. Dennoch weiß Newman bestimmte Anteile des Sinfonieorchesters besonders zu betonen. Zum ersten lässt er das Blech vor allem als Doppelspiel zwischen Trompeten und Hörnern auftreten, wobei vor allem der helle und schneidende Klang der Trompeten zum spanischen Idiom gezählt werden darf. Zum zweiten fröhnt Newman einmal mehr seiner Liebe zum in Größe und Klangfarbe differenzierten Streicherapparat, den er vor allem für das Thema von Catana und das Liebesthema zwischen Catana und Pedro einsetzt. Hier werden die Bezüge zu der “Cançoneta” von Rodrigo am deutlichsten, denn der zarte und pastorale Einsatz einer Solovioline, aus dem langsam und schimmernd ein fragiler, ungemein differenzierter Streichersatz erwächst, findet sich bereits in dem Konzertwerk von 1923. Die Streicher setzt Newman aber auch, wieder dem spanischen Vorbild folgend, zur rhythmischen Strukturierung der Tuttipassagen und damit vor allem der Actionmomente ein. Auf Kastagnetten oder andere Percussions verzichtet der Amerikaner, setzt aber an mehreren Stellen eine Konzertgitarre als Klangfarbe ein. Diese Passagen steuerte der Gitarrist Vicente Gomez bei, sie bleiben im Großen und Ganzen vom eigentlichen sinfonischen Score getrennt. Sie wirken aber keineswegs wie ein Fremdkörper, was die höchst effiziente Arbeit Newmans im Adaptieren dieses folkloristischen Idioms unterstreicht.
Im zweiten Teil des Films kommt mit den Azteken Montezumas eine zweite kulturelle und damit musikalische Identität ins Spiel. Auch hierfür recherchierte Newman ausgiebig, der Einsatz authentischer Musik aus dem indianischen Lateinamerika verbietet aber bereits der Film und die dürftige Quellenlage in Bezug auf diese Musik. Was Newman in seinen Score interegrierte ist der überwiegend rhythmische Ursprung der Musik und die pentatonische Skala. Im Booklet der SAE-Doppel-CD ist Alfred Newman folgendermaßen zitiert: “Es ist interessant festzustellen, dass die Azteken wie die Chinesen über Jahrhunderte pentatonische Skalen benutzt haben. Über Informationen, die Musik-Archäologen zusammengetragen haben, wissen wir dass vor dem Einmarsch der Spanier als Instrumente vor allem hölzerne Flöten, Trommeln, Pfeifen und Rasseln verwendet wurden. Im Prinzip haben die musik-liebenden Azteken alles benutzt, was Rhythmus produziert.” Newman rettete möglichst viel davon in seinen Orchestersatz, der uns mit seinen harmonisch undefinierbaren Richtungen, düsteren Klangfarben und enormer Rhythmusbezogenheit begegnet. Auch dies wirkt im Kontext des Films und Newmans musikhistorischer Recherchen sehr stimmig.
Die Themen
Um diesem komplexen und hochdurchdachten musikalischen Konzept eine schwungvolle und leicht zugängliche Note zu geben, der dem Swashbuckling-Feeling des Filmes gerecht wird, kleidete Newman die Geschichte in eine Reihe klangvoller und einprägsamer Themen. Diese sind auf das Feinste verwoben oder stellenweise gar kombiniert. So ist sowohl der passende erste Eindruck beim Sehen des Films gewährleistet als auch das eingehende Hören der Musik auf Tonträger, die die cleveren Bezüge noch offensichtlicher macht.
Rückgrat der Partitur ist das Thema für Pedro de Vargas, das zugleich als Main Theme fungiert. Es ist gleich im Anschluss an eine wuchtige einleitende Fanfare im “Main Title” zu hören und ist eine heroische, packende und edle Melodie. Effektvoll umgesetzt wird es von Trompeten und Hörnern, rhythmisch unterlegt von vielen Percussions und auf und ab treibenden Streichern. Vorzüglich gelingt Newman auch der Kontrast zwischen dem hervorpreschenden Hörnern, die die Melodiestimme führen, und den rhythmisch-knackigen Trompeten, die fanfarenartig das Thema begleiten. Newman setzt die Melodie für Pedro häufig in seinem Score ein, um heldenhafte Handlungen seines Hauptcharakters zu untermalen. Zu besonders furiosen Ehren kommt es in der “De Vargas Family Escape”, ein Stück, dass aber vor allem durch die enge Verquickung einer handvoll Motive stellvertretend für die exquisite und kleinteilige Themenarbeit ist.
Den zweiten großen Block nehmen das Thema für Catana und das Liebesthema für sie und Pedro ein. “Pedro und Catana” ist eine von Newmans eingängigsten Motiven, das sich schön im finalen Titel der ersten CD “News Of The Expedition” identifizieren lässt. Es ist ein aus merklich volkstümlicher Melodik hervorgegangenes, warmes und einprägsames Stück. Streicher und Holzbläser dominieren das Arrangement. Newman macht hier in Anlehnung an Rodrigos “Cançoneta” von der ganzen Klangpalette des Streicherapparates Gebrauch, besonders augenfällig sind die vielfachen Teilungen der Geigen und die Tremoli, mit denen das Knistern und Vibrieren der beiden Verliebten hervorragend versinnbildlicht wird. Im “Pledge Of Love”, der schon in Mexiko stattfindet, verbindet Newman dann das Liebesthema mit dem Thema für Catana. Letzteres Motiv dürfte neben dem Conquest-Marsch das bekannteste Stück aus dem Score sein, da Charles Gerhardt beides gemeinsam als Suite aufnahm. “Catana” ist ein zuerst spröde und zerbrechlich wirkendes Gebilde aus zarten Streichern, welches die strenge Form der Zarabande rhythmisch und melodisch reflektiert. Der Streichersatz ist gemeinsam mit der Visionsszene aus “The Song Of Bernadette” die absolute Spitze der newmanschen Klangfarbenmalerei mit Geigen und Bratschen - und damit eine der wohl eindrucksvollsten Streicherarrangements der Filmmusikgeschichte.
Gänzlich anderer Couleur sind die Themen für die Gegenspieler von Pedro und Catana angelegt. Sowohl die Inquisition als auch Diego de Silva erhalten eigene musikalische Marken. Die Inquisitionsmusik, nachhörbar im gleichnamigen Titel 8 der ersten CD, ist als düstere, langsame und schwerer Marsch angelegt. Celli und Bässe wiederholen eine einfache Figur, während vor allem die Hörner in tiefen Lagen einzelne Akkorde einwerfen. Diese musikalischen Marken zerlegt Newman häufig und kombiniert sie mit weiteren Themen. So fungiert sie als Kontrapunkt für das Diego de Silva Thema, in “The Inquisition” aber vor allem als fatalistischer Hintergrund für das Motiv für die Opfer der Inquisition. Diese elegante und würdevolle Streichermelodie ergänzt sich mit dem düsteren Grundton vortrefflich. Die Musik für Diego de Silva ist wiederum greller und aggressiver. Newman bezeichnet die markanten und martialischen Blechbläserphrasen als “marcia sinistre”. Man hört die zugehörige melodische Phrase zu Beginn der “Main Titles” vor dem Pedro-Thema und im Gegenspiel mit dem Heldenthema in “Duel with de Silva and Escape”. Letzter Titel ist ein weiterer Beleg dafür, wie kleinteilig und aufwändig Newman seine Motive verzahnt und verbindet.
Zwei thematische Blöcke haben erst im zweiten Teil des Films ihren großen Auftritt - die Musik der Azteken und ihrer Besetzer. Obwohl das Thema der Indianer im zweiten Titel “Search For The Runaway Slave” bereits kurz vorgestellt wird, kommt es in der neuen Welt erst voll zur Entfaltung. Es ist eine von ostentativen rhythmischen Grundschlägen begleitete Melodie für Holzbläser, die durch die pentatonische Skala für uns westliche Ohren befremdlich klingt. Da sie sich nicht in uns geläufige Harmonien einpasst, wirkt sie ziellos und fremdartig. Besonders deutlich wird der Kontrast in “Cempoala” auf der zweiten CD, als Newman den Eroberungsmarsch der Bestetzer einführt und in direkt mit der Aztekenmusik kombiniert. Der militaristische, brachiale und harmonisch einfache Marsch wirkt wie das absolute Gegenstück zu den hölzernen, monotonen Percussions und unheroisch auf und ab laufenden Holzbläserlinien der Indianer. In der melodischen Verarbeitung gelingt Newman hier ein weiteres Kabinettstück denn dieselbe Melodie verdoppelt sich in verschiedenen Flöten und wird in Tempo und Rhythmus gegeneinander verschoben, wodurch sich der Eindruck des Undefinierbaren noch verstärkt.
Der Eroberungsmarsch ist schließlich das letzte musikalische Element, das Newman zur vollen Entfaltung bringt. In “Cempoala” kommen Einzelteile des furiosen Orchesterstückes zum ersten Male zu Gehör, im weiteren Verlauf baut Newman daraus jenen berühmten Marsch, der den Film beschließt. Obwohl er zu Beginn nur kurze Fragmente der Melodie und Orchestration einsetzt, kann das aggressive und vereinnahmende Stück seinen Charakter kaum verbergen. Im finalen “Conquest” zelebriert Newman den Marsch mit Fanfaren, großen Schlagwerkbatterien und voll ausgespielten melodischen Linien - es dürfte eines der beeindruckensten, eingängigsten und packendsten Schlussakkorde der Filmgeschichte sein. Dass man nach dem Hören von gut eineinhalb Stunden Musik mit knapp einem Dutzend hervorragenden Themen hauptsächlich ein einzelnes, nämlich den Schlussmarsch, im Ohr hat, beweist die Ausnahmestellung dieses melodischen Einfalls. Jedes der anderen Themen hätte einer exzellenten Musik zu Ehren gereicht, der Conquest-Marsch ist jedoch vergleichbar singulär wie manches ohrgängige Thema von John Williams für „Star Wars“ oder „Indiana Jones“.
Die CD
Der Film stammt aus dem Jahr 1947 und demenstprechend sind die originalen Bänder von Alfred Newmans Score nicht mehr die jüngsten. Eine bereits 2001 erschienene Tsunami-Edition des Scores ließ Befürchtungen laut werden, dass die Erstaufnahme des Jahrhundertsscores kaum mehr hörbar war. Im Mai 2003 brachte jedoch Screen Archives Entertainment eine Doppel-CD mit rund 96 Minuten und damit so gut wie jedem Cue der Originalaufnahme auf den Markt und strafte den Hörer lügen. Das Klangbild, wie es nun digital konserviert wurde, ist frisch und dynamisch, mit jener Feinzeichnung, die man sich für eine Musik dieses Kaliber wünscht. Sicher ist der Frequenzumfang und vor allem die Raumabbildung verglichen mit einer Neueinspielung leicht antiquiert, wodurch das Klangbild gewohnt spitz und höhenbetont sowie sehr trocken erscheint. Dies ist angesichts des Entstehungsjahres aber mehr als verzeihlich - vergleicht man die Aufnahmequalität mit einigen Funden aus den 50er Jahren ("Beneath The 12-Mile Reef” oder “On Dangerous Ground” von Bernard Herrmann), bietet die SAE-Edition von “Captain From Castile” quasi paradiesische Zustände, die einem in jedem Falle das Erlebnis dieser Musik in keiner Weise trüben. „With Vigor“ - das lässt sich anhand der beiden CDs auch heute noch nachfühlen.
Gewohnt vorzüglich ist die Aufmachung der Hülle und des Booklets. Für letzteres stellt SAE noch immer die unübertroffene Referenz dar, denn weder die vorbildlichen FSM-CDs oder Neuaufnahmen von Tribute Film Classics oder Varèse Sarabande können letzlich mit der Fülle an Hintergrundinformationen konkurrieren, die diese Edition bietet. Mehrere Texte zu Film und Musik, zur Entstehung und zu den Einzeltiteln - unübertroffen!
Fazit
Zusammenfassen kann man alle Erkenntnisse, die einem die Doppel-CD zu “Captain From Castile” anheim gibt, mit einem einfachen Wort: Pflichtkauf! Die noch zu normalen Preisen erhältliche SAE-Edition bietet ein klangprächtiges, großartig recherchiertes und melodisch und orchestratorisch eindrucksvolles Werk der Filmmusik, aufbereitet in bestmöglicher Form. Ein Highlight in Alfred Newmans Karriere und ein Highlight in jeder Filmmusiksammlung.
Jan Titel / 20.03.09