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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Specials

Avatar - Eine Effektschlacht und ihre Musik

Atlantic / 2009

CD

Bewertung:


    01. "You Don't Dream In Cryo...." (06:09)
    02. Jake Enters His Avatar World (05:24)
    03. Pure Spirits Of The Forest (08:49)
    04. The Bioluminescence Of The Night (03:37)
    05. Becoming One Of "The People", Becoming One With Neytiri (07:43)
    06. Climbing Up "Iknimaya - The Path To Heaven" (03:18)
    07. Jake's First Flight (04:50)
    08. Scorched Earth (03:32)
    09. Quaritch (05:01)
    10. The Destruction Of "Hometree" (06:47)
    11. Shutting Down Grace's Lab (02:47)
    12. Gathering All The Na'vi Clans For Battle (05:14)
    13. War (11:21)
    14. I See You (Theme From Avatar) (04:20)

    TT: 79 min

Ende 2009 befinden sich Science-Fiction-Fans im kollektiven Ausnahmezustand, was vor allem ein Mensch zu verantworten hat: James Cameron. Der Regieveteran bringt nach zwölfjähriger Auszeit einen neuen Film in die Kinos, fast dieselbe Zeit hat er tatsächlich auf die Arbeit an dem Konzept, dem Design und der Story des Streifens verbracht, so wird zumindest berichtet. “Avatar” heißt das vollständig in 3D gedrehte Spektakel, das - da kann man sich bei James Cameron sicher sein - die Messlatte für Spezialeffekte eine Etage höher legen wird. Es handelt von einem Spezialeinsatzteam, welches im Weltraum eine fremde Zivilisation befrieden und ihren Heimatplaneten Pandora für die Rohstoffausbeutung der Menschen vorbereiten soll. Da die Na’vi als ungemein empfindlich gelten und Menschen zudem nicht lebensfähig auf Pandora sind, wird ein GI des Teams als so genannter Avatar in die Welt eingeschleust. Er bekommt eine zweite Identität, einen zweiten Körper, der denen der Navi’i gleicht. Der GI, zuvor Rollstuhlfahrer, erfährt durch seine neue physische Hülle nicht nur ungeahnte Potenziale der Bewegung, sondern muss sich auch charakterlichen Herausforderungen stellen, die aus den Fähigkeiten resultieren. Letztlich dringt er dennoch recht unvorbereitet in die fragile Welt der Na’vi ein.

James Cameron ist bekannt dafür, dass er neben den optischen und materiellen Werten seiner Filme immer viel Engagement in eine schlüssige Handlung investiert. Actionfilme wie “Aliens” oder “Terminator” bieten nicht nur Aufregendes für Augen und Magengrube, sondern funktionieren auch bei eingeschaltetem Gehirn. Da sich Cameron für “Avatar” extrem viel Zeit für die Entwicklung der Geschichte genommen hat, sind die Erwartungen hoch. Dennoch wirkt einiges an dem Grundgerüst der Handlung vertraut. So nimmt Cameron das Motiv aus “Stargate” auf, dass eine fremde Zivilisation von einem einzelnen Menschen infiltriert wird und dieser sich durch die Nähe zu dessen Individuen auf deren Seite stellt. Fast parallel angelegt sind die Figuren auch in Hinsicht auf den befehlshabenden Militärcolonel, der sich wenig um die Erkenntnisse des Avatar-Spions kümmert und alle Konflikte mit brachialer militärischer Gewalt lösen möchte.
In der Ästhetik lassen sich wiederum, so viel wird nach einem zwanzig-minütigen Teaserclip klar, den Cameron drei Monate vor Kinostart in ausgewählte Lichtspielhäuser brachte, die jüngeren “Star Wars” Episoden und Ethno-Dramen wie “Rapa Nui” als Vorbilder erkennen. Die Gestalt der Na’vi, blaue und hoch geschossene Baumwesen in menschenähnlicher Gestalt, rekurriert auf mittlerweile klischeebehaftete Vorstellungen von “Eingeborenen” südländischer Inselparadiese. Lange Haare, Naturwerkzeuge, Einheit von Spezies und Umwelt - all dies kennt man als idealisierte Darstellung von Indianern, Aborigines oder Eingeborenen. Zugleich lässt der Teaserclip darauf schließen, dass Cameron die faszinierenden Möglichkeiten der digitalen Effekte bis zur Neige ausgeschöpft hat. Einem Feuerwerk gleich präsentiert “Avatar” spektakuläre Bilder, ein individueller Look scheint dabei nur teilweise zu gelingen. Die Regenwälder von Pandora, dunkel und dennoch vielerorts luminiszierend, gelingen Cameron durchaus ansehnlich, gerade die Verbindung mit dem dunklen Blau der Na’vi hat ästhetischen Wert. Zugleich zeigt sich der Regisseur aber auch gegenüber dem George-Lucas-Virus nicht resistent. Pandora ist bevölkert von unglaublichen Kreaturen, von Drachen, bunten Paarhufern und von Insekten, die in allen Farben leuchten und scheinbar ständig im Bild sind. Der digitale Overkill ist zumindest im Teaser offenkundig, zumal die Präsentation in 3D die Sehgewohnheiten noch etwas mehr strapaziert. Die Befürchtung, dass beides zusammen über die stattliche Länge von 150 Minuten dem Zuschauer einiges abverlangen ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Entscheidend wird daher sein, ob die bisher nur schematisch bekannte Geschichte Tiefe und Anziehungskraft offenbart und das Bilderspektakel zu tragen vermag.

» Direkt nach dem Kinostart von “Avatar” können Sie im Original-Score Filmblog eine Rezension von Camerons Film nachlesen.

Ebenfalls mit Spannung wurde der Score zu “Avatar” von James Horner erwartet. Zwar kann der Amerikaner nicht darauf verweisen, bereits seit zwölf Jahren die Musik zu konzipieren und komponieren, aber die kolportierten ein oder zwei Jahre Arbeit an “Avatar” lassen trotzdem genug Raum für Hoffnungen auf eine elaborierte, vielschichtige und sorgfältig orchestrierte Musik. Horner, wie immer im Dauerfeuer von Kritik und Verteidigung ob seines mal mehr mal weniger repetetiven Outputs, bekräftigte denn auch in Interviews den konzeptionellen Aufwand, den er für “Avatar” betrieben hat. Eingehend beschäftigte er sich mit choraler und ethnischer Musik, um für die Welt der Na’vi eine individuelle Stimme zu finden. Zudem entstand wohl in Zusammenarbeit mit Cameron und seinen sprachwissenschaftlichen Beratern eine Na’vi-Sprache, die er für die Chor- und Vokalpassagen verwenden wollte. Die Hoffnung wurde zusätzlich durch das Wissen um die orchestratorische Potenz Horners gemehrt, welches durch eine Handvoll Reissues von Musiken aus seinem ersten Jahrzehnt als Filmkomponist nochmal deutlich vor Augen bestärkt wurde. Doch auch ältere Veröffentlichungen wie die Varèse-Club-CD zu “Projekt X” ließen den Schluss zu, dass ein ethno-vokales Orchestersetting von Horner zumindest interessant gestaltet werden kann.
Nun liegt der Score zu “Avatar” in Gänze vor, der erste Eindruck ist wie bei dem Film ein gemischter. Horner setzt wie erwartet einen vollständigen Orchesterapparat ein, die große Streichersektion sowie Percussions und Blech kommen dabei häufig und prägnant zum Einsatz. Zusätzlich vertraut er auf ethnische Flöten und Schlaginstrumente sowie auf weitere Unterstützung von klassischen Percussions, sodass “Avatar” ein enorm markanter, rhythmisch getriebener Score ist. Darin ähnelt er durchaus einzelnen Passagen aus “Apocalypto”, dem jedoch das wuchtige Sinfonieorchester abging. Im Reigen der ethnischen Flöten findet sich äußerst prominent die Shakuhachi, was nicht per se schlecht sein muss. Durch die konsequente Übernutzung für jede Art von kulturellem Setting hat Horner das Instrument aber so strapaziert, dass von seinem Klang keinerlei Spezifität mehr ausgeht. Afrika, Mexiko, Pandora - die japanisch-chinesische Rohrflöte scheint für Horner überall zu passen. Das dritte prägende Element des Scores ist seine vokale Dominanz. Einzelne Vokalisen, mal ethnisch und mal klassisch, kleine Ensembles und große, wuchtige Chorsätze finden sich quasi in jeder Minute der Musik. Horner nutzt dies als emotionalen Fingerabdruck seiner Musik, denn die Stimmen, so betont er, sollen den individuellen Link seiner Musik zur Welt der Na’vi darstellen. Leider fällt Horner dabei in dieselbe Falle, in die schon viele Komponisten getappt sind: Sie setzen außerirdisch mit exotisch und damit mit ethnisch gleich. Die musikalische Vorstellungskraft der Kinobesucher reicht in ihren Augen nur soweit, dass jedes extraterrestrische Setting mit terrestrischer Konvention in der Musik ausreichend untermalt ist. Zwar kann selbstredend kein Komponist der Welt die Musik anderer Welten simulieren, aber der ernst gemeinte Versuch, sich den Hörkonvention der Konsumenten zu entziehen und konsequent neben den ausgetretenen Pfaden zu gehen, ist sicher nicht zu viel verlangt. Die ausgetretenen Pfade führen Horner im Falle von “Avatar” zurück zu afrikanisch inspirierter Chormusik und nah- und fernöstlichen Solovokalisen. Die Stimme der Na’vi ist somit nicht weit entfernt von “Four Feathers”, “Mighty Joe Young” oder Goldsmiths “The Ghost and The Darkness” oder “Congo”. Zusätzlich setzt Horner den großen Chor noch auf klassische Weise ein, also in der Tradition von “Carmina Burana” - oder von “Duel Of The Fates” oder “Neodämmerung”, um zwei filmmusikalische Beispiel zu benennen. All dies ist sicher ehrenwert und vielerorts klanglich ansprechend, dennoch ist es eine fahrlässig vertane Chance. Wenn ein begabter Tonsetzer wie James Horner ein luxuriöses Budget an Zeit und Material gestellt bekommt, scheinbar selbst motiviert ist und sich dann dennoch nicht von den oberflächlichen Konventionen lösen kann, ist das schade. So bleibt nur zu mutmaßen, welche originellen, modernen und faszinierenden Chorsätze zu “Avatar” hätten komponiert werden können - dasselbe künstlerische Risiko vorausgesetzt, dass Bernard Herrmann in “The Day The Earth Stood Still”, Jerry Goldsmith in “Logan’s Run” oder Don Davis in “Matrix” eingegangen sind.

Doch blicken wir etwas in die Details der Musik, denn abseits der grundlegenden Schwierigkeiten, die sich sicher teilweise mit ähnlichen Schwächen des Filmes erklären lassen, gelingen Horner packende und beeindruckend dynamische Passagen. Der Einstieg in den Film und die CD gehört leider nicht unbedingt dazu, denn hier präsentiert sich “Avatar” als unausgegorene Collage aus massiven Percussionattacken, Solostimmen mit Bassfundament, viel Shakuhachi und vereinzelten, groben Streicherlinien. Die sinfonische Ausarbeitung erinnert eher an Hans Zimmer, einfache und effektive Melodiebögen sind kraftvoll und einfach strukturiert orchestriert. In “Pure Spirits OfThe Forest” und “The Bioluminescence Of Light” ergibt sich durch hohe Streicher, Holzbläser und viel “klingendem” Schlagwerk wie Glocken und Triangel eine etwas ätherische Atmosphäre. Dabei deutet sich auch zunehmend eine Art Hauptmotiv an, aber die Dramaturgie der Titel gelingt Horner nicht wie in früheren Zeiten. Etwas dekorative Panflöten, Tinwhistle und Shakuhachi hier, tiefe Basslinien dort, mal pizzicato in den Streichern, mal wuchtige und stampfende Rhythmen mit großer Trommel - verschiedene Stimmungen wirken wie überblendet und wenig integriert, ein roter Faden fehlt leider völlig. Dramatischer wird es lediglich, wenn es lauter wird, an packenden Orchestrationseinfällen hat Horner in den ersten 20 Minuten der Musik wenig zu bieten.
Mit “Becoming On Of The People” deutet sich immerhin das Hauptthema der Musik immer offener an. Man muss der Melodie zu Gute halten, dass sie weder auf den ersten, noch auf den zweiten Blick an bereits bekanntes von Horner erinnert und recht schön ausschwingen kann, wenn es die Streicher im Tutti intonieren. Kritisch ist aber hier wieder die Orchestration zu bemerken. Während der Titel mit fast pop-artigen Rhythmen, die teilweise synthetisch erzeugt wurden, und einem typischen New-Age-Chor eher an Adiemus als an Science-Fiction erinnert, arbeitet Horner bei der Formung des Themas mit aus “Braveheart” hinlänglich bekannten Mitteln. Soloflöte, sanfte Streicher, die sich langsam zum vollen Statement steigern. Klanglich kommt er dabei “The Missing” verdächtig nahe. In dieser Passage und ebenso im nachfolgenden “Climbin Up Niknimaya” zeigt sich aber immer deutlicher, dass dramatische Steigerungen lediglich durch crescendi erfolgen. Horner findet keinen Weg, die Instrumentation so variabel zu handhaben, dass nicht nur bloße Lautstärkeangaben die Dramaturgie der Musik bestimmen. Als störend erweist sich auch zunehmend, dass immer wieder Percussionattacken die Tracks zerreißen. Abseits des Films wirkt dies weiterhin sehr bruchstückhaft.
Die angesprochenen Highlight erscheinen zur Album- respektive Filmmitte mit größer angelegten Actionsequenzen. In Teilen von “Scorched Earth” und “Quaritch” findet Horner erstmalig in der Musik die Balance zwischen Orchester, Percussions und Chor. Die Streicher arbeiten in Hochgeschwindigkeit, düstere Blechcluster strukturieren die Musik ebenso wie rhythmische Percussions. Verdichtet wirken die Arrangements hier teilweise, sodass der Score einiges an Fahrt aufnimmt. Die finale Minute von “Quaritch” bietet Actionscoring vom Feinsten, denn hier bindet Horner den Chor kreativ und effektiv über sehr rhythmische, abgehackte Einsätze ein. Gemeinsam mit den ebenfalls vorzüglich rhythmisierten Blechbläsern und Schlagwerk deutet Horner hier an, welches Potenzial in dieser Science-Fiction-Vertonung steckt, wenn sie konsequent so ambitioniert vertont würde. Bei der “Destruction Of Hometree” schwenkt der Komponist zwar wieder in Richtung konventioneller Actionvertonung, ist aber entgültig wachgerüttelt und bietet routinierte Dramatik mit wirbelnden Streichern, Bläserkaskaden und packend steigerndem Chor. Der epische Anstrich ist klanggewaltig, lediglich der individuelle Ton der Actionmusik geht etwas verloren. Dieser pompöse Ton rettet sich auch in “Gathering All The Na’vi Clans For Battle” hinüber, der eine Brücke zwischen konventioneller Action à la Horner und den kreativen Ansätzen in “Quaritch” bietet. Nur gelegentlich werden hier Parallelen zu Werken von Zimmer und Konsorten offensichtlich. Der abschließende „War“ bietet orchestrales und vokales Dauerfeuer und zählt damit auf jeden Fall zu den Highlights der CD. Hier setzt Horner den Chor ähnlich rhythmisch ein wie in “Quaritch”, behält aber seine eigene Stimme durch nun besser eingebundene Melodien. Zwar gibt es auch hier so manch hölzerne Phrase zu hören, etwa in den primitiven Tutti bei knapp zwei Minuten Laufzeit, doch über fast die gesamten 11 Minuten überwiegt der dynamische und packende Gesamteindruck.

Abschließend nur wenige Worte zu dem Abspannlied “I See You”, das Horner dem Soulsternchen Leona Lewis (rechts im Bild neben Horner und Cameron) auf den Leib geschrieben hat. Lässt schon der Score mehr als einmal große Zugeständnisse an den Massengeschmack erahnen (Stichwort New Age), setzt der Song diesem die Krone auf. Es erscheint in keinster Weise natürlich, dass “Avatar” überhaupt einen Song braucht, außer um den Soundtrack gut zu verkaufen. Zudem ist “I See You” - basierend auf dem Hauptthema - derart triefend und schmierig, so hohl und affektiert, dass Céline Dions “My Heart Will Go One” wie beste Songwriter-Tradition wirkt. Der Mantel des Schweigens ist das Beste, was man dem Abschlussstück also anbieten kann.

Was bleibt am Ende für eine Erkenntnis für den prestigeträchtigsten Score nach 30 Jahren Hollywoodkarriere James Horners? Zu erst einmal die Feststellung, dass man nach derart langer Vorbereitungs- und Konzeptionsphase deutlich höhere Erwartungen an die Herangehensweise und den Stil der Vertonung haben durfte. Ein visionäres Science-Fiction-Meisterwerk, wie es “Avatar” sein möchte, mit klischeehaften ethnischen und vokalen Elementen zu belegen, zeugt nicht von sonderlicher Kreativität. Inwieweit Horner selbst dafür verantwortlich ist oder er Vorgaben von James Cameron nachgekommen ist, vermag man von außen nicht einzuschätzen. Die zweite Erkenntnis ist, dass auch abseits von dieser grundlegenden Schwäche das Ergebnis von einem Jahr Arbeit ein durchwachsenes ist. Grob geschnitzte, einfach orchestrierte und dramaturgisch holprige Passagen bestimmen maßgeblich die erste Hälfte des Scores, Einfallsreichtum sieht auch im Detail anders aus. Retten kann die Musik da nur die Action der zweiten Filmhälfte. Hier ist Horner scheinbar in seinem Element und bietet neben vereinzelten wirklich überzeugenden Passagen vor allem epische, routinierte Action mit pompösem Chor und mitreißender Rhythmik. Dies wird im Filmkontext mehr als genügen, ob der Score die Bilder allerdings besser macht, steht in Frage. Weder Daumen hoch als Daumen runter, heißt also das Fazit. Vielleicht muss man damit 27 Jahre nach “Star Trek II” und 26 nach “Brainstorm” einfach zufrieden sein.

Jan Zwilling / 11.12.09