Specials
Am Puls der Filmmusik: Ein Bericht über die World Soundtrack Awards in Ghent
Ghent, Lobby des Marriot Hotels, Freitag, 21. Oktober 2011. Ich beginne mich zu fragen, wo ich die letzten zehn Jahre meines Filmmusiklebens verbracht habe. Unter einem Stein? In einer Höhle? Ich fühle mich wie ein Eremit, der allen Freuden und Kontakten entsagt hatte und nach Jahren wieder den Weg in die Zivilisation, die Hochkultur, gefunden hat. Ghent ist, das beginne ich in diesen Minuten zu begreifen, neben ein oder zwei anderen Orten der Nabel der Filmmusikwelt, ein Platz an dem Komponisten, Regisseure, Sounddesigner, Musiker, Journalisten, PR-ler und Fans zusammentreffen und eine wunderbare Zeit haben. Doch first things first …
Anfang 2011 erreichten die ersten Pressemitteilungen über die 11. Auflage der World Soundtrack Awards den Redaktionsbriefkasten von Original Score. Wie jedes Jahr nahm ich mir vor, den Termin im Auge zu behalten und endlich einmal nach Flandern zu fahren. Irgendetwas stand in den Jahren davor immer im Weg. Glücklicherweise entschied ich mich, umgehend eine Rückmeldung die Presseagentur Media Office in Berlin zu geben. Der Haken war also ausgeworfen und keine Entschuldigung wurde von nun an akzeptiert. Als erste Namen von prominenten Gästen die Runde machten, waren Ausreden auch nicht mehr notwendig. Howard Shore sollte zu Gast sein, Musik im Konzert vorstellen und für Interviews bereitstehen – wenig später sagten auch Elliot Goldenthal, Hans Zimmer, Abel Korzeniowski, Alex Heffes, Giorgio Moroder, und Walter Murch ihr Kommen zu. Shore musste letztlich kurzfristig absagen, weil er in Neuseeland bei der „Hobbit“-Produktion gebraucht wurde, doch auch ohne ihn versprach das Festival aufregend und spannend zu werden.
Monate später waren Übernachtung und Fahrt arrangiert und Media Office hat bereits Interviewtermine festgesetzt, zu denen ich mich in die Lobby des Festivalhotels begeben sollte. Hans Zimmer steht als erster auf der Liste, den ich gemeinsam mit Kollegen der Cinema Musica treffen sollte. Das Marriot Hotel liegt verträumt an einer Gracht mit Blick auf die drei Türme Ghents und die mittelalterlich-hanseatischen Gebäude der Altstadt. Als ich den Weg vom Bed&Breakfast zum Hotel zum ersten Mal gehe, kommt mir hier nichts vor wie ein pulsierender kultureller Hotspot, als den sich die Stadt später herausstellt. Entzückende Panoramen, beeindruckende Architektur und ein geschäftiges touristisches Treiben auf den Kopfsteinpflasterstraßen erweckten den Eindruck eines idealen Reiseziels für ein Wochenende mit besonderem Flair. Auch das Marriot Hotel liegt hinter einer pittoresken Backstein-Giebelfassade, die jedoch über die eigentliche Dimension hinweg täuscht– im Innenhof befindet sich ein modernes, großes und elegantes Hotel. Durch Oberlichter fällt helles Licht in die Lobby, an der Bar sitzen offenkundig geschäftige Journalisten und die großen Loungesessel könnten so manchem filmmusikalischen Promi einen schönen Platz bieten.
Auf dem Weg zum Festivalbüro an der Rückseite der Lobby sehe ich aus dem Augenwinkel, wie Abel Korzeniowski im gläsernen Fahrstuhl in die oberen Etagen hinauffährt und wenige Sekunden später stoße ich fast mit Regisseur Norman Jewison zusammen. Das also ist das Ghent-Gefühl, von dem ich oft gelesen und gehört habe, welches einem aber unbegreiflich bleibt bis zu jenem Moment, an dem man selbst dort ist und Teil des großen Events werden kann. Viele Gesichter, die man in den ersten Momenten nur flüchtig wahrnimmt, entdeckt man später wieder – Aha-Effekt inklusive. So entpuppte sich der indisch anmutende Herr mit dem eindrucksvollen Bart als einer der Musiker, die Zimmer für sein Konzertprogramm mitbrachte, und der freundliche junge Mann mit den raspelkurzen Haaren und dem breiten Grinsen als Klassikradio-Moderator Florian Schmidt. Am Tag darauf saß plötzlich David Arnold an der Bar und diskutierte angeregt mit Kollegen – er war ohne besondere Einladung nach Ghent gekommen und knüpfte Kontakte, traf sich mit Freunden und genoss den Gala-Abend. Betriebsausflug lässt grüßen.
Schnitt. Nächster Akt. Mit zwei Reisebussen machen wir uns am frühen Samstagabend vom Festivalhotel aus auf zur „Kuipke“, einer großen Mehrzweckhalle am Rande des Stadtzentrums von Ghent, wo traditionell das Galakonzert und die Verleihung der World Soundtrack Awards stattfinden. Wir, das sind Journalisten, Betreuer, Musiker und Organisatoren des Festivals und der Awards. in den 35 Stunden davor habe ich Komponisten interviewt, die Pressekonferenz mit Fragen malträtiert, Kollegen von der Cinema Musica getroffen und sogar einigen Namen endlich ein Gesicht zuordnen können. Der Himmel für einen Filmmusikfan und Hobby-Journalisten und eine Fundgrube für Geschichten und Anekdoten. Einige der Dokumente, in Bild, Ton und geschriebenem Wort, werde ich noch veröffentlichen, den Rahmen dieses Artikels sprengt dieses Unterfangen aber deutlich. Im Bus sitze ich wieder neben Edith Kleibel, die als Grand Dame der Pressearbeit in Ghent alle Fäden in der Hand hält und einen großartigen Job gemacht hat. Darüber hinaus kann man sich kaum einen angenehmeren Sitznachbarn vorstellen.
Im „Kuipke“ werden wir an der Rückseite in eine spacige Lounge geleitet und können die restlichen 45 Minuten bis zum Konzertbeginn mit Small-Talk, Sekt und Häppchen verbringen. Ich komme mir fehl am Platze vor und beschließe, mit meiner Kamera bewaffnet auf Schnappschussjagd zu gehen. David Arnold taucht plötzlich wieder auf und ich frage ihn nach seinem Engagement für den nächsten Bond-Song. „Hopefully I’m involved, but nothing is settled“, nuschelt er mir in schwärzestem british english entgegen und strebt Alexandre Desplat zu. Der Franzose ist auch überall zu finden ... Einer der Koordinatoren der Pressearbeit vor Ort zieht mich spontan zur Seite und dirigiert Giorgio Moroder, Norman Jewison und einen mir unbekannten jungen Mann zum Photo. Klick, Klick, Klick. Noch lieber hätte ich es allerdings, wenn er Elliot Goldenthal und Julie Taymor anweisen würde, für mich zu posieren. Doch beide sehen nicht aus, als würden sie so etwas tun und ich spreche sie lieber nicht an. Eine Weile beobachte ich Abel Korzeniowski, wie er sich angeregt und aufgeregt mit verschiedenen Komponisten unterhält. Großartig, dass er den Einstieg in die Szene so durchschlagend geschafft hat. Kurz vor dem Klingeln erscheint auch noch Hans Zimmer im langen dunkelroten Samtmantel in der Lounge. Es ist nicht zu erkennen, ob er sich auf das Konzert freut. Zwei Stunden zuvor im Hotel winkte er noch halb verächtlich, halb amüsiert ab, als er gefragt wird, wie die Proben gelaufen sind.
Über einen langen roten Teppich (über den man auch schreitet, wenn man die 75€-VIP-Karten gekauft hat), gelangen wir schließlich in die Konzerthalle, einem umdekorierten Velodrom von beträchtlichen Ausmaßen. Zweifel ob der Akustik schießen mir durch den Kopf, wurden doch schon viele Filmmusikaufführungen durch unangemessene Locations ruiniert. Die Bedenken erweisen sich schließlich als unbegründet. Zwar füllt sich die Halle klangtechnisch nur durch Verstärker und Lautsprecher, die Balance und Dynamik des Orchesters trifft das technische Equiment aber sehr gut. Gerade das Finale des Abends wird es an seine Grenzen führen.
Rasch suche ich meinen Platz im vorderen Teil des Parketts und bin ein weiteres Mal baff: Ein Stuhl mit meinem Namen, das kann doch wohl nicht war sein. Direkt dahinter erspähe ich den Namen David Julyan auf einem Platz. Der ehemalige Stammkomponist von Chris Nolan ist also auch zugegen, ebenso wie Lorne Balfe und der Zimmer-Clan um Zoe Zimmer. Ob sich Julyan ärgert, dass Zimmer nun mit Nolan ein unzertrennliches Team bildet? Wie wird er wohl bei der Inception-Suite dreinblicken? Zunächst steht aber im ersten Teil des Abends die Verleihung der World Soundtrack Awards an, dem wohl wichtigsten Preis, der nur für die Komponistengilde vergeben wird. Nach dem eindrucksvollen Tusch, einer Fanfare für die World Soundtrack Awards von Elmer Bernstein, kommen Moderator und Regie schnell zur Sache und vergeben in flinker Folge den Sabam Award an den jungen deutschen Gabriel Heinrich, den Discovery of the Year Award an Alex Heffes, den Publikumspreis für A.R. Rahman („127 Hours“) und die Auszeichnungen für den besten Komponisten des Jahres an Alexandre Desplat sowie den besten Score an Zimmer für Inception. Jede der Auszeichnungen hat seine eigene kleine Geschichte, besonders freue ich mich für Gabriel Heinrich, der mit seiner preisgekrönten Musik einen Kompositionswettbewerb gewinnt. Zu einem experimentellen Stumm-Kurzfilm, der Filmausschnitte von Kurosawa verarbeitete, bietet Heinrich eine wilde Palette orchestraler Klangfarben an, die dramaturgisch gekonnt einsetzt waren. Es gibt einhelligen Applaus für diese meisterhafte Vertonung, die vom Brüsseler Sinfonieorchester live dargeboten wird. Sogar Abel Korzeniowski zeigt sich tief beeindruckt, später in der Pause des Konzertes beobachte ich, wie er lange auf Heinrich einredet und ihm minutenlang die Hand schüttelt. Auch dieser enge Kontakt unter Kollegen ist typisch für Ghent.
Amüsant finde ich die Dankesrede von Zimmer nach seinem für ihn wohl überraschenden Gewinn mit „Inception“. Hier ist jede Silbe seiner Rede: „Lucky you, otherwise you would have heard a looser score tonight [Gelächter]. No, seriously, thank you very much to all my colleagues and thank you to the Film Festival of Ghent. Thank you!” Erst später am Abend wird klar, warum Zimmer so überrumpelt und kurz angebunden scheint: Er hatte eine längere Ansprache zu Ehren von Ronnie Chasen vorbereitet, die er vor seinem Konzertabschnitt im zweiten Teil vorträgt. Zwei Reden sind wohl zu viel, selbst für einen Gewinner. Alexandre Desplat hingegen hat wohl inzwischen genug Routine mit Dankesreden in Ghent, war er doch schon in den beiden letzten Jahren Gewinner des Komponistenpreises. Ob er sich ein Apartment in Ghent nehmen solle, fragt er denn auch, nachdem Walter Murch seinen Namen als Gewinner vorgelesen hat. Ansonsten wirkt er leicht gelangweilt und verschwindet bereits in der Pause wieder.
Zwei Highlights bietet die erste Hälfte des Abend aber dennoch: Zum ersten präsentiert traditionell der letztjährige Gewinner des Discovery Of The Year Award aktuelle Musik. Dies trifft 2011 den sympathischen Polen Abel Korzeniowski, mit dem ich an den Tagen davor mehrfach kurz sprechen konnte. Er spielte zwei längere Stücke, das Hauptthema aus „A Single Man“ (zum Dahinschmelzen) und „Abdication“ aus seinem neuesten Film „W.E.“. Ich rutsche etwas aufgeregt auf meinem Stuhl hin und her, denn ich hoffe inständig, dass Abel sein Niveau hält und nicht wie viele andere Neuentdeckungen rasch in das Mittelmaß abdriftet. Schon mit den ersten Tönen von „Abdication“ bin ich erleichtert, das Stück zeigt dieselbe Perfektion wie seine Tom-Ford-Untermalung. Minimalistisch im Orchestersatz, mit dem Klavier als Seele und subtilen Klangfarbenverschiebungen agiert der Klangkörper, auch melodisch schafft Abel Korzeniowski einen Sog. Ich kann mir nicht vorstellen, was man an dem Stück noch hinzufügen, ändern oder entfernen könnte, um es zu verbessern. Das ist die Definition von Perfektion.
In anderer Weise weiß Giorgio Moroder an diesem Abend zu unterhalten. Er erhält kurioserweise einen Preis für sein Lebenswerk und ist davon noch mehr überrascht als alle Fans, Journalisten und Kollegen, als sie zum ersten Mal davon gelesen haben, mich eingeschlossen. Ein sehr netter Mensch scheint er allerdings zu sein und hält eine launische, anekdotenreiche Dankesrede. Zum wiederholten Male fällt mir dabei auf, welches Standing Hans Zimmer in der Komponistengemeinde Hollywoods hat. Moroder beschreibt, wie er den Anruf bekam, dass er den Preis in Ghent bekommen würde. Ob er kommen würde? „When you’re invited to a party at someone’s place you’ve never been before, you first try to find out who comes too. So I asked who else will come to Ghent, and the answer was ‘a lot of great composers, like Hans Zimmer’. I thought, wow, Hans is coming? I got to be there too!”. Die Lacher hat er auf seiner Seite. Doch auch musikalisch macht sein Auftritt Spaß, denn erstmalig erklingen Scores und Songs aus “Midnight Express”, “Top Gun”, “Flashdance” oder “Scarface“ im orchestralen Gewand. Ich kann sie kaum wiedererkennen, aber Spaß machen die schmissig-poppigen Arrangements in jedem Fall. Ein Kollege neben mir fängt bei „What A Feeling“ an, mit dem Kopf zu wippen und auch ich fühle ein Zucken in meinem Bein. Als Pop-Komponist mit 80s-Einschlag hat Hansjörg Moroder (so sein Geburtsname) durchaus seine Spuren hinterlassen.
Mit dem Rausschmeißer-Sound schließt denn auch der erste Teil der Gala und ich hoffe, irgendwo frische Luft ergattern zu können. So groß wie die „Kuipke“ ist, stickig wird es darin nach einer gewissen Zeit dennoch. Noch bevor ich „frisse lucht“ sagen kann, zieht Edith Kleibel die Journalistenbande in Richtung Bühne und macht ein weiteres Angebot. Wer schnell mitkommt, kann Backstage an einem zehnminütigen Q&A mit den Preisträgern und Ehrengästen teilnehmen. Gemeinsam mit den Musikern aus Brüssel wandern wir also durch die Beton-Katakomben, bis aus dem Nichts eine Pressewand der WSA in einer Ecke steht und sich Kameramänner, Photographen und Journalisten mit Diktiergerät um die besten Plätze balgen. Eine Gelegenheit für wirkliche fundierte Fragen ist dies nicht, also überlassen die meisten den Platz den Fernsehteams für einige O-Töne. Ich schleiche mich mit dem Fotoapparat durch das Gewühl und bekomme einige Schnappschüsse. Sogar Julie Taymor ist dabei und noch immer würde ich sie nicht persönlich nach einem Foto fragen. Glücklicherweise wieselt ein eifriger Assistent herum und arrangiert immer wieder neue Zusammenstellungen für Bilder. Früher als der Rest der Meute mache ich mich auf den Weg zurück in den Konzertsaal und verlaufe mich fast. Wo habe ich nur die Augen auf dem Hinweg gehabt?
Im zweiten Teil des Abends steht die Musik im Vordergrund, denn Elliot Goldenthal, Howard Shore und Hans Zimmer präsentieren längere Ausschnitte aus ihren Werken. Die Zusammenstellung der Filme ist ungewöhnlich und kurios, so erklingen „Titus“ und „Alien³“, „Eastern Promises“, „Looking For Richard“ und „The Return Of The King“ sowie „Driving Mrs. Daisy“ und „Inception“. Bunt gemischt, einige Highlights und nie zuvor (und wohl auch nie wieder) gehörte Stücke – so lässt sich ein Konzert genießen. Dass die Stimmung auf der Bühne und in der Halle dennoch nicht überschäumend ist, liegt daran, dass die Komponisten in sehr persönlichen Ansprachen daran erinnern, dass der gesamte Abend der PR-Agentin Ronnie Chasen gewidmet ist. Chasen war fast 20 Jahre lang eine der prägenden Figuren der Komponistenszene Hollywoods, engagierte sich aufopferungsvoll für ihre Klienten und knüpfte Kontakte über alle Grenzen hinweg. Die Grußworte von Zimmer und Goldenthal lassen eine Welt hinter der Fassade der Musikstars erkennen, eine Welt in der jeder unsicher ist und Freunde wie Ronnie Chasen braucht. Auch das Filmfestival Ghent und die World Soundtrack Awards sind durch sie zu dem vernetzten, bedeutenden Event geworden, das es heute ist. Wenige Wochen nach der letzten Auflage des Festivals im vergangenen Jahr wurde Chasen bei einem Raubüberfall in Los Angeles getötet. Wie sehr sie allen in Ghent fehlt, wurde überdeutlich.
Nichts ist allerdings besser geeignet, Emotionen zu kanalisieren und in positive Energie umzuwandeln, als gute Musik. Davon gibt es nun reichlich zu hören und bereits die wuchtige Suite „Recordare“, die Goldenthal Chasen zu Ehren aus Stücken aus „Titus“ und „Alien³“ arrangiert hat, löste die Beklemmungen. Goldenthal ist ein Meister seines Fachs und schon der überbordend energiegeladene Chorsatz der Eröffnungssequenz des Shakespeare-Dramas mit den ins Mark gehenden Posaunen und Trompeten lässt einem die Kinnlade herunterklappen. Hochintensives Streicher-writing bestimmt dann weite Teile seiner Suite, die die experimentellen Passagen von „Titus“ weitgehend ausklammert. Dennoch kann ein Konzert nicht besser beginnen.
Der Shore-Anteil begeistert mich in Teilen. Eine längliche Zusammenstellung aus „Eastern Promises“ erweist sich als sehr dekorative und konzertante Musik, während sich meine indifferente Haltung zu seinem „Looking For Richard“ bestätigt. Der breite, flächige und getragene Satz zündet auch im Konzert nicht, auch wenn Orchester und Chor unter der Regie von Dirigent Dirk Brossé ihr bestes geben. Einfacher zu begeistern weiß naturgemäß der „Herr der Ringe“, wobei Shore das pompöse Finale am Mount Doom mit Chor und Sopran ausgewählt hat. Besonders die kurze Passage zum Einsturz von Saurons Turm kommt in der großen Halle, mit allen Kräften der Musiker und der Verstärkeranlage sehr gut rüber. Chapeau auch für den originalgetreuen Klang.
Hans Zimmer und seine Konzertstücke bilden den Abschluss des Abends und wo mich zuvor Zweifel befielen („Driving Ms. Daisy“ ist nett, aber wirklich konzertgeeignet? „Inception“ hat seine Momente, aber fällt live die simple Machart nicht noch mehr auf?), stelle ich fest, dass beide Darbietungen ihre unbestreitbaren Reiz haben. Zimmer setzt sich selbst an das Piano und spielt mit vier Kollegen die wirklich sympathische Musik zum Chauffeurfilm mit Jessica Tandy und Morgan Freeman, womit er die leichte Bedrückung nach seiner Erinnerung an Ronnie Chasen wegbläst. Locker leicht, beschwingt und eingängig, da fehlt nicht einmal das große Orchester, das währenddessen untätig abwartet. Im brachialen Finale haben sie dann umso mehr zu tun, denn „Inception“ ist vor allem eins: laut. Zimmer hat neben Gitarre, Schlagzeug und einigen Keyboards auch eine massive schwarze Wand mit Myriaden von Schaltern, Reglern und blinkenden LEDs mitgebracht, die mir die Sicht auf die hinteren Cellisten nimmt. Nach den 20 Minuten brachialer Akkordreihung und tosendem Beifall muss ich allerdings anerkennen, dass ich die Musik bisher unterschätzt habe. Alle Bedenken hinsichtlich harmonischer Simplizität, kaum vorhandener klanglicher Differenzierung und elektronsichen Überfrachtung kann ich umgehend bestätigen, dennoch kreiert Zimmer eine soghafte Melange mit einzigartigem Charakter aus seinen Ingredienzen. Die sich immer weiter steigernden Klanginseln ohne klar umrissene Instrumentationsstruktur haben einen enormen dramatischen Effekt, der in der Liveperformance noch deutlicher wird. So muss man Zimmer zu gute halten, dass er mit diesem Score, der nach wie vor seine Schwächen und Unzulänglichkeiten besitzt, einen Schritt vorangegangen ist in der Entwicklung der Filmmusik und sicher erneut Vorbild für den Hollywoodklang der nächsten Jahre sein wird.
Das Publikum gönnt dem (ehemaligen) Deutschen jedenfalls den größten Applaus des Abends und auch ich muss mich schließlich den Standing Ovations anschließen. Ich kann mich ja immer noch rausreden, dass ich sonst nichts sehen würde, denke ich. Doch ein bisschen freiwillig stehe ich auch auf, wenn auch nicht nur für Zimmer, sondern für den kompletten Konzertabend. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigt mir, dass auch David Julyan steht und applaudiert, sein Gesicht lässt aber nicht auf seine Gemütsverfassung schließen.
Epilog. Wieder in Berlin erwartet mich eine E-mail von David Serong von der Cinema Musica. Ich hätte ja noch nach dem Konzert durchklingeln und mit vielen anderen Kollegen und Elliot Goldenthal bis morgens um sechs in der Bar sitzen können. Ich überlege, ob ich mich ärgern soll ob dieser verpassten Gelegenheit. Ich entschließe mich dazu, es nicht zu tun und mich darüber zu freuen, dass ich nach der Reizüberflutung dieses Wochenendes den geruhsamen Ausklang im kleinen Kreis im Bed&Breakfast gewählt habe. Es muss ja auch noch ein Erlebnis übrig bleiben für die nächste Reise an den Nabel der Filmmusikwelt nach Ghent.
PS: Ich habe gehört, dass das International Film Music Festival in Ubeda dem Event in Ghent in nichts nachstehen soll. Also im nächsten Jahr gleich zwei filmmusikalische Reisen buchen?
Jan Zwilling / 27.10.11