Kritiken
War Of The Worlds (John Williams)
Decca / 2005
Bewertung:

Spielberg back to the roots. In mehrfacher Hinsicht kann man den neuesten Film des erfolgreichsten Regisseurs aller Zeiten unter dieses Motto stellen. Zum einen widmet er sich mit der Adaption von H.G. Wells’ “Der Krieg der Welten” einer nun schon gut hundert Jahre alten, klassischen Romanvorlage und zum andern begibt er sich wieder auf ein Territorium, dass er seit “Jurassic Park” oder in Reinform eigentlich seit “Der Weiße Hai” nicht mehr betreten hat. Spielbergs “Krieg der Welten” ist ein Horrorspiel um eine übermächtige Macht, diesmal aus dem All, die entfesselt wird und gnadenlos Jagd auf die Menschheit macht. Stellen oben genannte Filme diese Macht noch in den Kontext der Natur, zielen die Aliens in “War Of The Worlds” auf die völlige Vernichtung der Natur inklusive des Menschen.
Genauso versucht Spielberg den dramatischen Gestus der Geschichte enorm zu erhöhen, seine Figuren rennen, kreischen und sterben den ganzen Film über - dem Eindringling haben sie nichts entgegenzusetzen. Dass am Ende die Invasion mehr zufällig als irgendwie geplant abbricht und die Außerirdischen von einem Virus dahingerafft werden, bringt das Kernproblem des Films auf den Punkt: über den Handlungsablauf gibt es während des Films nie einen Zweifel, die Figuren haben keinen Handlungsspielraum und so bleiben sie eindimensional und die Geschichte hanebüchen und langweilig. Inszenierte Spielberg in der Vergangenheit dramaturgisch exzellent durchdeklinierte Katz- und Mausspiele mit Haien, Dinosauriern oder Nazi-Schergen, so erweist sich “Der Krieg der Welten” als mittelmäßig gefilmtes, plattes und zuweilen ärgerlich pathetisches Kino, indem Darsteller ebenso wie Effektspezialisten verheizt werden, um dem größtmöglichsten Horror am Ende die perfekte Familienidylle gegenüberzustellen. So mag für den ein oder anderen denn am Ende “War Of The Worlds” leidlich unterhaltsam sein, doch den Eintrag in die Geschichtsbücher des Kinos hätte Spielberg hiermit wohl kaum geschafft.
Zu den Konstanten des Films zählte neben Kameramann Janusz Kaminski, der hier nicht seinen besten Tag erwischt hatte, natürlich auch John Williams. Bereits seit “Jaws” folgt der gebürtige New Yorker seinem Stammregisseur durch Berg und Tal und in die verschiedensten Genres. So konnte es auch für Williams heißen: back to the roots. Und im Vorfeld lässt sich gleich feststellen, dass er dies mit größerem Erfolg bewerkstelligt hat als sein Kumpan auf dem Regiestuhl. Die dramaturgischen Vorraussetzungen und Charakterzeichnungen waren nicht sehr tiefgreifend, so wählte Williams dennauch konsequent einen Vertonungsansatz abseits ausladender Themen und raffiniertem szenischem Aufbau. Sein “War Of The Worlds” ist roh, aggressiv und wirkt direkt und szenenbezogen. Ähnliches fand man bei Williams in den aggressiven Attacken in “Jaws”, deren clusterartiger Aufbau sich hier ebenso wiederfindet wie die Modernismen von “Minority Report”. Das zuweilen frenetische Orchesterspiel erlaubt neben williamsschen Actionstandards zudem Referenzen an Strawinski (Sacre du Printemps) oder auch Prokofieff (Skythische Suite).
So begründet Williams den Großteil der Musik auf der Blechbläser- und Schlagwerksektion des groß besetzten Orchesters. Besonders die bei Williams häufig so prominent eingesetzte Pauke erstickte während der Actionsequenzen förmlich in Arbeit, was in Kombination mit den Blechbläserclustern einige spektakuläre Momente bietet und an ein paar wenigen Stellen an die Zyklopen-Musik aus Herrmanns “Seventh Voyage Of Sindbad” erinnert. Die anderen Teile des Orchesters treten eher in den Hintergrund, Streicher leisten vornehmlich Begleitarbeit und spielen sich nur in den dezent lyrischen Parts der Musik ("Ray and Rachel") in den Vordergrund. Das Holz hört man bis auf ein paar aggressive Stöße in der Begleitung kaum. Ergänzend kommen noch (selten) chorale und synthetische Einsprengsel (letztere sogar im unmittelbaren Effekt recht gelungen) hinzu.
Der sich daraus bildene Klangteppich ist im besten Sinne routiniert gestaltet und zuweilen auch durchaus angereichert mit raffinierten Orchestrationseinfällen. In der “Confrontation with Ogilvy” hören wir die wohl aggressivsten Flöteneinwürfe von Williams’ Oevre, überhaupt ist dieser Track mit Anklängen an die modernistischen Experimente von “Close Encounters” einer der spannendsten der CD. In weiteren Highlights wie “The Intersection Scene” oder “Attack On The Car” gewinnt Williams seinen komplexen Tableaus immer wieder neue Variationen ab, ob es nun treibende Rhythmen der Celli oder eine dissonante Blechbläserkombination ist. So wirkt die komplette Musik in sich konsistent und konsequent aufgebaut, die sich in einigen Tracks von “Episode III” manifestierende konzeptionelle Verwässerung kann man hier überhaupt nicht feststellen.
Wie ordnet man diese Musik in Williams’ Gesamtwerk und auch im Vergleich zu anderen Musiken wertungstechnisch ein? Gegenüber vergleichbaren Musiken wie “Minority Report” oder “Close Encounters” fällt “War Of The Worlds” trotz exzellenter Machart etwas ab, weil sie konzeptionell zwar konsequent gemacht und gelungen ist, aber in dieser Hinsicht keine spannenden Neueinfälle bietet. Da waren die Vorgängermusiken doch innovativer und markanter, doch im Umkehrschluss ist “War Of The Worlds” beileibe keine einfallslose Routine. Das Fehlen eines eingängigen Themas (für mich im Zusammenhang mit dem Film und Thema kein Nachteil) macht Williams durch eine exzellente Orchestrationsleistung wett. Dies stellt sie für mich doch noch etwas über seine diesjährige Musik zu “Revenge Of The Sith”, die doch einige Ausrutscher enthielt.
Fazit: Alles in Allem ist “War Of The Worlds” eine zweifelsfrei exzellent gemachte Musik, die aufgrund des aggressiven und wenig melodischen Grundgestus’ die Hörer spalten wird. Die Wertung ergibt sich so für jeden persönlich, für mich hat es trotz einer unverkennbaren Routine hervorragend funktioniert und gehört zum besten, was dieses Jahr bisher das Licht der Welt erblickt hat.
Jan Titel / 01.02.07
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