Kritiken
Under Fire (Jerry Goldsmith)
Warner / 2000
Bewertung:

Die Musik zu dem Revolutionthriller “Under Fire” aus dem Jahre 1983 steht in vieler Hinsicht stellvertretend für die enorm kreative Schaffensperiode von Jerry Goldsmith zu Beginn der 80er Jahre. Zum einen offenbart der Score die gegen Ende seines Lebens schmerzlich vermisste expressive Ausdruckskraft in Melodik und Orchestration und zum anderen gibt Goldsmith eine interessante Lektion in Sachen Synthesizereinsatz, ein Gebiet auf dem er in dieser Zeit auch mit Scores wie “Legend” große Innovationen vollbrachte. Ebenfalls in diese Phase fallen die grandiosen Werke “Alien” oder “Star Trek: The Motion Picture”.
“Under Fire” von Roger Spottiswoode portraitiert auf brisante Art und Weise die kriegsähnlichen Zustände in Nicaragua nach dem Rebellenaufstand 1979. Die Armee kämpft gegen die Bevölkerung, das Land steht am Abgrund vor Militätdiktatur, Revolution und Anarchie. Ein Journalist (Nick Nolte) wird mit anderen Reportern (Joanna Cassidy und Gene Hackmann) in den Konflikt verwickelt, in dem es keine Neutralität geben kann. Neben dem politischen Drama entwickelt “Under Fire” durch ein Romanze zwischen den Charakteren von Nolte und Cassidy auch gefühlvolle Züge.
Für viele gilt die musikalische Untermalung von Jerry Goldsmith als eine seiner besten - ein Urteil das aufgrund der nicht zu leugnenden Qualität der Musik zu verstehen ist. Der hier präsentierte Stilmix aus Orchester, lateinamerikanischer Folklore und Synthesizer ist eindeutig weit oben in der Discographie Goldsmith’ anzusiedeln, an der Spitze sehe ich jedoch Musiken wie “Planet Of The Apes” oder “The Sand Pebbles” noch ein kleines Stück darüber.
Bestimmende Elemente der Musik werden gleich zu Beginn in einer Art Konzertversion des Hauptthemas “Bajo Fuego” vorgestellt. Viel Percussions und schnelle, harte Streicherläufe verbindet Goldsmith mit den lockeren und schwebenden Gitarrensoli von Pat Metheny. Der Track ist abwechslungsreich, sehr ausdrucksstark und schafft vor allem durch die Synthese von kraftvollen orchestralen Parts - technisch auf höchstem Niveau - und den leicht elektronisch verstärkten Gitarren einige reizvolle Momente. Zudem werden die Soli ergänzt von exotischen Percussions wie Maracas, die akustische Bezüge zum Ort der Handlung herstellen. Insgesamt ist die Einleitung also eher von exotischem Flair und großen sinfonischen Phrasen geprägt, im Hinblick auf das Genre ein ungewöhnlicher Schachzug. Freunde seiner Musik zu “Caboblanco” werden hier ebenfalls auf ihre Kosten kommen.
Im weiteren Verlauf erhält die Musik zwei zusätzliche Dimensionen, eine dramatische durch eine Mischung von Synthesizer und ethnischen Instrumenten und eine romantische durch ein Liebesthema. Vor allem erstere ist durchaus sehr interessant, weil der Einsatz der Elektronik im Gegensatz zu vielen heutigen Filmmusiken sehr direkt und vordergründig ist. Goldsmith benutzt den Synthesizer ähnlich wie Isao Tomita bei seinen Interpretationen von Debussys “Snowflakes Are Dancing” oder Mussorgskys “Bilder einer Ausstellung” als ein echtes, akustisch wirkendes Instrument mit eigenem Klang und Dynamik. Dies zeigt sich in großen, dramatischen Einschüben, die wie in “Sniper” die folkloristische Idylle aus Panflöten und Rhythmusinstrumenten durchbrechen oder auch in subtilen Klangarbeiten wie in “Betrayal”. Die Offensichtlichkeit der Synthetik mag zunächst abschrecken, aber es kommt bei genauerem Hinhören der Musik durchaus zugute, weil auch die Kombination mit orchestralen und ethnischen Elementen Goldsmith scheinbar spielend von der Hand geht.
Das Liebesthema wird intoniert von Flöten und hauptsächlich unterstützt von großen Streicherarrangements und der Gitarre von Pat Metheny. Es ist schön anzuhören und auch gekonnt in Szene gesetzt, an sich aber nicht weiter bemerkenswert. Es fügt sich ein in eine Musik, die eher von einzelnen, dramaturgisch kraftvoll gesetzten Stücken lebt und weniger einen konstanten Beschallungsfluss bietet, wie man ihn heutzutage leider zu oft zu hören bekommt.
Fazit: Eine für die Filmthematik erstaunlich farbenfrohe und ausdrucksstarke Filmmusik von Jerry Goldsmith, die einen Platz im Regal eines jeden Filmmusikliebhabers sicher haben sollte. Nachdem die Musik vor etlichen Jahren von Warner zum Special Price neu aufgelegt wurde, ist auch die lange Zeit sehr schwierige Erhältlichkeit der CD kein Problem mehr. Starke Empfehlung.
Jan Titel / 10.05.07
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