Kritiken
Two Brothers (Stephen Warbeck)
Decca / 2004
Bewertung:

In der bisher noch recht übersichtlichen Filmographie von Jean-Jaques Annaud fällt auf, dass er häufiger über die Grenzen des normalen Kinos hinaus geht und ausgefallenere Projekte an Land zieht. Mit “Der Name der Rose” drehte er einen der bis dato aufwändigsten deutschen Filme, Werke wie “Am Anfang War Das Feuer” oder “Der Bär” schilderten prähistorische oder fast menschenlose Geschichten jenseits der dramaturgischen Konventionen. Nach dem ersten IMAX-Film in Spielfilmlänge ("The Wings Of Courage” 1995) bietet sein letztes Projekt wieder eine interessante Herangehensweise. Ähnlich wie in “Der Bär” erzählt er eine Geschichte aus der Sicht von Tieren, hier ein Tiger-Geschwisterpärchen, die zusammen aufwachsen, für einen Zirkus gefangen genommen werden und schließlich zurück in die asiatische Wildnis fliehen.
Die Musik zu “Two Brothers” komponierte der oscargeadelte Komponist Stephen Warbeck, dem hier die dankbare Aufgabe zukam, einen halbdokumentarischen, in schönen Bildern gefilmten Naturfilm zu unterlegen. Sein musikalisches Instrumentarium ist daher schwelgerisch-klassisch mit Hang zu groß auskomponierten Themen und vielfältig eingearbeitetem Kolorit des asiatischen Schauplatzes der Geschichte. Die wenig vorhandenden dramaturgischen Zwänge des Films ließen Warbeck hier hörbar mit Freude komponieren, ob es lyrische Momente, dramatische Zwischenstücke oder breite Melodiebögen sind.
Dass Warbeck durchaus mit einem um ethnische Instrumente erweiterten sinfonischen Apparat umgehen kann, hat er eindrucksvoll mit “Quills” bewiesen. Auch hier gelingen ihm vielfältige Kombinationen in der Orchestration. Das Orchester spielt in großen Teilen streicherbetont, lässt aber an einigen Stellen ("Chasing the Truck") auch die Muskeln spielen, wenn kräftiges Blech und vor allem die erweiterte Percussionsektion zum Tragen kommen. Die Melodieparts übernehmen vor allem die Streicher und Holzbläser, sowie an vielen Stellen asiatische Instrumente wie das Seiteninstrument Erhu oder das Gong Circle. Zudem kommen verschiedene Blas- und Zupfinstrumente zum Einsatz. Für Liebhaber ethnisch angehauchter Musik bietet “Two Brothers” also eine hübsch dargebrachte Synthese aus westlichen sinfonischen Standards und asiatischem Einschlag.
Thematisch lässt sich Stephen Warbeck ebenfalls nicht lumpen und präsentiert eine gute Handvoll an lyrischen, ohrgängigen Themen. Das Hauptthema wird gleich im ersten Track eingeführt, es ist ein melodisch einfaches Stück Musik, dass aber durch mannigfaltige Variationen in der Orchestration immer wieder im neuen Gewand erscheint. Vom hymnischen Streicherthema bis zur melancholischen Interpretation mit dunklen Streichern und Erhu zeigt es sich in wechselndem Gewand. Hinzu kommen ein schönes sinnierendes Motiv für Flöte und Gitarre in “Goodnight Story” (später als reizvolles Streicherthema nochmals aufgenommen), ein quasi zweites Hauptthema für zwei Flöten, welches auch vielfältigen instrumentatorischen Variationen unterworfen ist (häufig als Duett, zum Beispiel durch Geige und Erhu) und ein tänzerisches Motiv. Als Ergänzung erklingen noch ein Jagdmotiv für Blech, lustige Melodien für die Zirkusnummern und ein düsteres Motiv bei der Gefangennahme der zwei Tiger.
Fazit: Eine gut gearbeitete, klangschöne Partitur, die vor allem durch Melodienreichtum und das ethnische Kolorit anspricht. Die Musik reicht zwar nicht an Warbecks bisher besten Score “Quills” heran, hat aber deutlich mehr zu bieten als sein blasser Oscar-Score zu “Shakespeare In Love”. Und zum Spaß pfeift Jean-Jaques Annaud zum Schluss eine aufgepeppte Version des tänzerischen Themas.
Jan Zwilling / 18.03.07
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