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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

Troy (Rejected) (Gabriel Yared)

--- / 2004

CD

Bewertung:


    01. Approach Of The Greeks (2:31)
    02. Achilles Destiny (5:42)
    03. Opening (3:57)
    04. Achilles & Boagrius (3:46)
    05. Sparta (2:00)
    06. Helen & Paris (1:45)
    07. D-Day Battle (4:53)
    08. 7000 Ships (3:36)
    09. Mourning Women (1:25)
    10. Achilles & Briseis (5:32)
    11. Battle Of The Arrows (7:11)
    12. Greek Funeral Pyres (2:19)
    13. Hector, Hector! (3:38)
    14. Achilles & Hector Fight (4:39)
    15. Hector's Funeral (2:25)
    16. The Sacking Of Troy (7:48)
    17. Achilles Death (8:48)
    18. End Title Song (4:37)

    TT: 77 Min

Abgelehnte Filmmusiken gehören in Hollywood längst zu den kuriosen Normalitäten, besonders in den letzten Jahre scheinen eine ganze Reihe renommierter Komponisten vom Pech verfolgt gewesen zu sein. Ein Blick auf abgelehnte Musiken in der Vergangenheit offenbart aber immer wieder, dass der eigentliche Grund zu “rejecten” in erstaunlichen vielen Fällen nicht die musikalische Qualität des Gebotenen betrifft. Legendär ist inzwischen Jerry Goldsmith’ zurückgewiesener Score für “Legend”, auch um seinen letzten rejected score, “Timeline”, ranken sich ebenso viele Mythen - ob berechtigt oder nicht wird bis auf weiteres nicht zu klären sein. Doch bis auf den unantastbaren John Williams hat quasi schon jeder große Komponist dieses Schicksal erlitten.

Anfang des Jahres 2004 geisterte die Kunde eines besonders spektakulären Rauswurfs durch die Filmmusikgemeinde - Komponist Gabriel Yared wurde kurz vor Filmstart von der Produktion des Monumentalspektakels “Troja” von Wolfgang Petersen getrennt und durch James Horner ersetzt. Yared setzte daraufhin einige Ausschnitte der zu Teilen fertig aufgenommenen Musik auf seine Website und erklärte in einem langen Kommentar die Gründe für seine Kündigung - eine Testvorführung befand seine Musik als zu “altmodisch”. Die berechtigte Frage, was denn an einer altmodischen Musik zu einem Stoff der gut 3000 Jahre zurückliegt so falsch sein soll, wirft kein gutes Licht auf den Aktionismus der Produzenten.

Die Erwartungshaltung für die Yared-Musik war im Vorfeld - der gebürtige Marokkaner war über ein Jahr an der Produktion beteiligt und langfristig angekündigt - eher skeptisch bis verhalten optimistisch. Das Metier von Yared waren sensible Dramenstoffe, die einer subtilen, von der Besetzung und den musikalischen Dimensionen eher kleinen Verarbeitung bedurften. Er gewann einen Oscar für die eher seichte Untermalung zu “The English Patient” und fiel sonst kaum durch Hang zum Monumentalen auf. Er selbst beschreibt, wie er nach “The English Patient” ständig mit dem gleichen Material konfontiert wurde und im Genre durch die Aufträge festgelegt war.

“I don’t want to be pigeonholed in just one type of music. And since I’ve got the Oscar I’ve been only asked for films like “The English Patient”, and certainly sometimes not as good and inspiring as “The English Patient”.

Mit dem Auftrag, die Musik zu “Troja” zu schreiben, bot sich Yared die Möglichkeit, dieser Falle zu entgehen und mit einem großangelegten, dramatischen und kraftvollen Score sowohl Fans als auch Produzenten von der anderen Seite seiner kompositorischen Möglichkeiten zu überzeugen. Die Dimensionen in denen er den Score anlegte, erwiesen sich als erster Schritt in diese Richtung: Ein komplett besetztes Orchester mit einer 25-köpfigen Verstärkung der Blechbläser, zusätzlichen Percussionspielern, der Vokal-Solistin Tania Tzarovska und großem Chor schickte er in dem Kampf um Troja. Die Musik zeigt sich dann auch als ebenso proportioniert, gewaltige und wuchtige Choreinsätze, viel Kraft von Schlagwerk und Blech bestimmen das Bild, die sonst bei Yared omnipräsenten Streicher spielen eher eine Begleitrolle.
Von “altmodisch” zeigt sich hierbei keine Spur, denn Yared verpasste der klassischen Besetzung ein zeitgemäßges Gewand, das sich im Besonderen in der Dramaturgie und im Einsatz von Stimmen und Percussions deutlich von Rozsas pompösen Gemälden oder Newmans Märschen abhebt. Zwar bedient sich Yared nicht der heute gängigen New-Age-Ethno-Einflüsse, doch kann man seinen Score nicht altmodischer nennen als die “Star Wars” Musiken von John Williams oder “First Knight” von Goldsmith. Der Grundgestus der Musik ist dunkel, rhythmusgetrieben und kraftvoll, mehr Gewicht hat spürbar eine gereifte orchestratorische Ausarbeitung im klassischen Stil bekommen als überschwängliche Themen und breit instrumentierte Klangerlebnisse. Dabei ist die Musik in sich durchaus sehr stimmig, ihr gelingt die Verkörperung von archaischer Wucht ebenso wie das erbarmungslose Aufeinanderprallen zweier hochentwickelter, und dennoch dem primitiven Instinkt des Krieges fröhnender Kulturen.

Yared konnte die Aufnahmesessions zu seiner Musik nicht mehr komplettieren, es standen noch mehrere Tage mit dem Orchester auf dem Plan und auch einige Overdubs mit den Blechbläsern mussten noch erstellt werden. Unter den bereits fertiggestellten Passagen findet sich auch die Eröffnung, “Approach Of The Greeks”, das die Griechen in einer Schlacht inhaltlich - im Film - und musikalisch vorstellt. Dumpfe Pauken grollen zum Anfang, einzelne Blechbläserfragmente erscheinen und Yared einen stampfenden, direkten Marsch, der sich motivisch auf kleinste Keimzellen stützt. Immer wieder ertönt eine rhythmische Figur, aus zwei Noten bestehend, in verschiedenen Lagen der Blechbläser - mit einer großen Betonung auf der ersten Zählzeit des Taktes, was dem Stück den primitiv-kraftvollen Charakter verleiht, den Yared den Griechen zugedacht hat. Die Entwicklung der Instrumentation ist konsequent und geschickt: es kommen die Bässe hinzu, das Blech erweitert sich und schließlich fällt donnernd der Chor ein - mit Paukenwirbel und Fanfaren vom Blech. Der rhythmische Grundgedanke zieht sich durch den kompletten Track. Leichte Referenzen zu dem martialischen Klangbild von Holsts “Mars” lassen sich herstellen.
Für die Musik der Trojaner wählte Yared ausgefeiltere klassische Formen wie die Fuge für Priamus, bleibt aber im klanglichen Gesamtbild der Linie treu. So bekommt man zu verschiedenen Szenen sehr detailgenau ausgearbeite und wirkungsvolle Untermalungen zu hören. Die gigantische Flotte der Griechen erhält seine ebenso bombastische Chor-Unterstützung und vor allem die beiden großen Schlachten, “D-Day Battle” und “Battle Of The Arrows”, bieten exzellentes Actionscoring. Sie erweisen sich als rhythmisch sehr ausgefeilt, durchaus komplex orchestriert und an keiner Stelle als belanglos - dies vor allem durch die Orchestration als durch die thematischen Elemente. Auch zeigt sich der kleinteilige Aufbau der Themen, die vielfältig kombiniert und variiert werden, aber kaum Ohrwumqualität besitzen.

Für mehrere Stellen hat sich Yared zudem noch besondere musikalische Lösungen einfallen lassen: den “Funeral Pyres” (Scheiterhaufen) für die gefallenen, dem Kampf zwischen Hektor und Achilles und dem Fest in Sparta. Die Klage-Musik für die Griechen, die ihre Gefallenen auf einem Scheiterhaufen verbrennen zeigt die vielfältige Nutzung des Chores und der Solostimme von Tania Tzarovska in Verbindung mit den Percussions. Yared plante die Solostimme der Bulgarin als zentrales Element. Kurzes Grollen der Pauken, Klagen der Solostimme und dann ein vielfältiges Arrangement mit Frauenchor (ätherisch) und Männerchor (unheilvoll) prägen das Lied, das gerade durch die Gegensätze musikalische Spannung erzeugt. Becken und Posaune markieren zudem einen dramatischen Höhepunkt, an dem dann der Männerchor der Rachelust die Überhand gegenüber dem Klagen gibt.
Spannend und ebenso ausgefeilt gestaltet sich der großangelegte Zweikampf zwischen Hektor und Achilles, den Ikonen der Kampfkraft beider Seiten. Yared sah die als zentralen Moment des Films und daher auch seiner Musik an und beschloss, die Musik komplett ohne Themen und Klang zu unterlegen. Er arrangierte sechs Percussionspieler zu einem rhythmischen Stück, dass die komplette rohe Energie auf den Zuschauer überträgt. Seine Idee beschreibt er so:

“When I looked at the picture I saw more a choreography than a fight, like a dance between Hector and Achilles. Well, a death dancing, but it was a dance. So what I wanted to do was only percussions ...”

Als Hektor getroffen wird, wird der Rhyhmus langsam aber kontinuierlich abgelöst durch die Solostimme und dem Chor, erst als er stirbt bekommt man das Thema der Trojaner vom Orchester in einer Requiem-Version zu hören.

Eher im Hintergrund stehen die melodramatischen Momente zwischen Achilles und Briseis und Paris und Helen. Yareds Musik dazu ist auch eher profillos, kein schmachtendes Love-Theme sondern zurückhaltende streicherbetonte Untermalung, die im Gegensatz zum Rest der Komposition kaum Wiedererkennungswert aufweist. Auch lässt Yared leider filmisch bedingt die Chance aus, den Göttern interessantes klangliches und motivisches Material zuzuordnen.

Was bleibt am Ende? Eine vielleicht verbitterte Feststellung, dass Yared den eindeutig besten Score seiner Karriere komponierte und trotzdem abgelehnt wurde und die Hoffnung, dass seine Musik dennoch auf legalem Wege veröffentlicht wird. “Troja” ist eine wuchtige, ausgefeilte, spannende und vielschichtige Partitur, die dem Film sicherlich mehr genützt als geschadet hätte und von CD eine sehr ansprechende Figur machen könnte. Es gibt eine Online-Petition zur Veröffentlichung der Musik, zu der an dieser Stelle nur geraten sei - es lohnt sich.

Jan Titel / 13.03.07

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