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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

To Kill A Mockingbird (Elmer Bernstein)

Varese / 1997

CD

Bewertung:


    01. Main Title (03:19)
    02. Remember Mama (01:07)
    03. Atticus Accepts The Case / Roll In The Tire (02:05)
    04. Creepy Caper / Peek-A-Boo (04:09)
    05. Ewell'S Hatred (03:30)
    06. Jem'S Discovery (03:46)
    07. Tree Treasure (04:22)
    08. Lynch Mob (03:03)
    09. Guilty Verdict (03:09)
    10. Ewell Regret It (02:10)
    11. Footsteps In The Dark (02:07)
    12. Assault In The Shadows (02:25)
    13. Boo Who! (02:59)
    14. End Title (03:25)

    TT: 42 min

Die Highlights in der Karriere eines typischen Hollywoodkomponisten sind aus der Sicht der Mehrzahl der Fans immer groß angelegte, bombastische oder einprägsame Scores. Die Sternensagen, Historienepen oder legendären Melodramen sind für das kollektive Bewusstsein weitaus besser geeignet, als kleine feine und dadurch unauffälligere Arbeiten. Zieht man Größen wie Miklós Rózsa oder John Williams heran, liegt man damit auch bei der Qualität nicht so falsch, bei Elmer Bernstein verhält es sich jedoch komplett konträr. Sein Ausnahmescore ist nicht die Westernlegende “The Magnificent Seven” oder das monumentale Frühwerk “The Ten Commandments”, sondern ein melancholischer, intimer Score zu einem Drama von 1962. “To Kill A Mockingbird” ("Wer die Nachtigall stört") zeigt den Komponisten auf dem Scheitelpunkt seiner künstlerischen Laufbahn.

Der Film von Robert Mulligan ist ebenfalls ein bedeutender Eintrag in den Geschichtsbüchern des Films. Basierend auf einem Roman von Harper Lee, seiner Zeit mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, erzählt er in betörenden Schwarz-Weiß-Bildern die Geschichte von Atticus Finch (Gregory Peck). Dieser ist Anwalt in den Südstaaten während der Zeit der Depression. Finch, ein tief von Prinzipien geleiteter Mensch, lebt alleine mit seiner kleinen Tochter und seinem Sohn in einer Kleinstadt in Alabama. Eines Tages übernimmt er die Verteidigung eines Schwarzen, dem offensichtlich zu Unrecht die Vergewaltigung einer Frau vorgeworfen wird. Im Prozess wehrt er sich als einziger gegen Vorurteile, Diskriminierung und Schlampereien - zugleich gewinnt er langsam aber sicher auch den Respekt seiner Tochter. Durch die Erzählperspektive, in der die Tochter sich lange Zeit später zurück erinnert, sind die bestimmendsten Emotionen Wehmut, Nostalgie und langsam gewachsener Stolz auf die Leistung seines Vaters. Nicht zuletzt trägt auch die kindliche Sicht auf die Natur, Umgebung und Menschen zu dem melancholischen Empfinden bei, das der Film transportiert.
Elmer Bernstein setzte mit seinem Score genau bei dieser Stimmung an, indem er klassisch häusliche Instrumente und Intonationsweisen zur Grundlage seiner Vertonung machte. Eine wichtige Rolle spielt das Klavier, umgarnt von Holzbläsern, Streichern und nur gelegentlich einem vollen Orchester. Zugleich machte er filmmusikhistorisch einen Schritt nach vorne, denn in Melodik, Harmonie und Orchestration ist der Score seiner Zeit um mehrere Jahrzehnte voraus. Vergleichsweise modern ist der unprätentiöse, fast dem einfachen Easy-Listening verpflichtete Orchestersatz. Modern heißt in diesem Fall nicht avangardistisch oder gar komplett atonal, sondern sich von den sehr klassischen Umgangsformen mit dem Orchester lösend. Als Vergleich können Dramenscores von James Horner ("The Man Without A Face”, “The Spitfire Grill") oder auch Rachel Portman angeführt werden, wenngleich dies später häufig deutlich banaler eingesetzt wurde als bei “To Kill A Mockingbird”.

Bernsteins Score ist bei aller oberflächlicher Einfachheit und Eingängigkeit in keinem Stück simpel oder banal. Die Kunst besteht in dem absolut treffsicheren und feinen Ausloten von sich überlagernden Emotionen, wie sie von der Geschichte erzeugt werden. Die Großartigkeit der Kindheit wird dabei im “Main Title” in Töne gefasst. Das Klavier eröffnet die Titelsequenz solistisch mit dem Hauptthema, das liedhaft und eingängig ist. Langsam wird das Arrangement um Flöte, Celesta, Harfe und Streichinstrumente erweitert, wobei sich volkstümliche Spielweisen mit impressionistischen mischen. Die Klarinette tritt als Einzelstimmer hervor und teilweise schwingt der komplette Streicherapparat herrlich mit den weiten melodischen Bögen des Themas aus. Eine idealere Untermalung von Kindheitserinnerungen, wie sie durch die Kiste angefüllt mit Kinderschätzen in der Eröffnungssequenz symbolisiert wird, ist kaum vorstellbar.
Dieses Kernthema benutzt Bernstein im Verlaufe seiner Komposition in verschiedensten Ausschnitten, Variationen und Stimmungen, sodass die Kindheit wie ein loser roter Faden durch den Score gewoben ist. Wunderbar melancholisch schimmert das Thema zum Beispiel durch “Tree Treasure”, nachdem harschere Töne des Klaviers verklungen sind. Hier ist es die Oboe, die ihr Timbre so richtig ausspielen kann. Aber auch kleinere Seitenthemen kommen zu Gehör, das erste wird gleich zu Beginn noch vor dem Kindheitsthema vorgestellt. In ähnlicher Orchestration nimmt es die Stimmung auf, ist aber melancholischer und mehr in der Zeitebene der Haupthandlung verwurzelt. Die geringere Dosierung von Nostalgie bei diesem Thema ist eine der großen Leistungen von Bernstein, die ihn wie mit dem Seziermesser und dennoch scheinbar mühelos gelingt. Ebenfalls eindrucksvoll ist das Arrangement des Seitenthemas für “Boo” Radley (Robert Duvall), der sich erst kurz vor Schluss aus seiner ambivalenten Rolle auf die Seite der Kinder schlägt. Bernstein formt in “Boo Who?” aus dem undefinierten Motiv für Klavier und Flöte ein lyrisches Violinenthema und signalisiert dem Zuschauer, wo die Wahrheit bei diesem Charakter liegt. Der Titel beschert dem Hörer auch mit einem sonoren Celli-Arrangement eine der schönsten Interpretationen des Kinderthemas.

In zwei Richtungen wird die Musik im Verlauf des Films extrovertierter. Zum einen wird mit “Atticus Accepts The Case/Roll In The Fire” eine schwungvolle, rhythmische Figur vorgestellt, als die beiden Kinder mit einem Freund spielen. Die Fahrt mit einem alten Reifen den Hügel herunter sprüht vor Unbefangenheit und Optimismus, umgesetzt durch rochierende Streicher und kraftvolle Posaunen. Die anderen kraftvollen Passagen gehören zu einigen Momenten der Gefahr für Finch und die Kinder durch Lynchmobs. Besonders markant wird dies in “Assault in the Shadows” umgesetzt, mit kräftigen Stößen, Streichertremolos und rhythmischen Klavierfiguren. Im Prinzip bleibt Bernstein aber auch hier dem Grundgestus seiner Musik verhaftet, denn weder starke Dissonanzen, noch ein Konkurrenzthema oder zu heftige Dynamik reißen diese Passagen aus dem Zusammenhang. Stattdessen werden diese Momente immer wieder mit den bekannten Themen und Arrangements konfrontiert, um den emotionalen Kern der Geschichte zu betonen.

Dieser emotionale Kern der Geschichte ist in der Musik für “To Kill A Mockingbird” lebhaft und spürbar wie in keiner zweiten von Elmer Bernstein. Die feinen Ziselierungen der Instrumentation, das Verweben von Motiven und Stimmungen gelingt ihm hier vorzüglich. Die Musik ist zugänglich in einer klangvollen Neueinspielung (nach der LP mit dem Originalscore die erste Veröffentlichung) mit dem Royal Scottish National Orchestra und dem Dirigat Bernsteins. Klar, voll und angenehm weich gemischt wird der Score in bester Weise präsentiert, was auch mehreren im Vergleich zum Film ausführlicheren Cues zugute kommt. Als Gesamtpaket ist diese CD der absolute Ausnahmescore von Elmer Bernstein und für jeden Filmmusikfan absolut unverzichtbar.

Jan Titel / 22.09.08

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