Kritiken
Titus (Elliot Goldenthal)
Sony / 2000
Bewertung:

„Titus Andronicus“ ist Shakespeares erstes Drama, das diese Welt erblickte. Unter Literaturkritikern gilt das Werk als umstritten, kommt es doch ein bisschen wie ein Exploitation-Film aus den 70er Jahren daher – viel Gewalt auch etwas abartiger Natur bestimmt die Rachetragödie, die mit Mitteln der Groteske daherkommt. Deswegen ist das Stück wohl auch deutlich weniger bekannt als einige der unzählige Male verfilmten Shakespeare-Dramen wie „Othello“ oder „Romeo und Julia.“ Deswegen war es schon ungewöhnlich, dass sich Julie Taymor, gefeierte Theater, Musical- und Opernregisseurin (dessen größter kommerzieller Erfolg die Inszenierung des „Lion King“-Musicals war) ausgerechnet „Titus Andronicus“ für ihr Spielfilmdebüt aussuchte.
Taymor setzte den Film um, ohne die Handlung in einer bestimmten Zeitperiode anzusiedeln, d.h. in der ersten Szene des Films wird der Zuschauer gleich irritiert, in dem er Ritter in ihren Rüstungen einen archaischen Tanz im Kolosseum aufführen sieht, wenig später fahren jedoch Motorräder und andere Fahrzeuge vor – ein Gefangenentransport. Der siegreiche römische General Titus Andronicus (gespielt von Anthony Hopkins) bringt Gefangene aus dem Krieg gegen die Goten mit – Königin Tamora, ihre drei Söhne und den Mohren Aaron. Der römische Brauch verlangt es, dass zu Ehren der gefallenen Soldaten der erstgeborene Sohn der Königin getötet, verstümmelt und verbrannt wird. Tamora fleht um Gnade, doch ohne Erfolg. Da jedoch Imperator Saturnin (Alan Cumming mit Hitler-Haarschnitt), durch Titus selber ins Amt gebracht, Tamora spontan heiratet, gerät diese in eine Position um grausige Rache zu nehmen, die die Tragödie in Gang setzt. Beide Parteien sinnen nur noch darauf, dem Gegner maximale Grausamkeiten zuzufügen – eine Spirale der Gewalt beginnt.
Julie Taymors Lebensgefährte, Filmkomponist Elliot Goldenthal griff das Konzept der „zeitlosen“ Inszenierung auf, indem er archaisiche Chorstücke, Industrial Rock und Big Band-Musik in einer grotesken Mischung aufeinanderprallen lässt, was nicht nur das Konzept von Taymor unterstützt, sondern auch zusätzlich die groteske Athmosphäre des ganzen Films. Da begegnen einem in den ersten 4 Tracks ein großer Choral zu breiten Bläsersätzen und Paukendonnern („Victorious Titus“), mysteriöse Synthesizereffekte, ein rhythmisch aggressives Stück, dass das Ingangsetzen der Spirale der Gewalt wiederspiegelt („Revenge Wheel“) und einen für den ganzen Score besonders repräsentativen Cue , „Tribute & Suffrage.“ Dieser entwickelt sich von einem orchestralen, leicht melancholisch angehauchten Stück zu einem wilden Swing-Stück für Big Band, dass dann im großen Orchestertutti inklusive Kesselpauken zu einem bombastischen Finale gelangt. In anderen Cues kommt E-gitarrenlastiger Industrial Rock zum Erklingen, sowie modernistische Avantgarde-Elemente in „Ill-fated Plot.“
Film und Score enden mit einem wunderschönen 8minütigen Adagio fast ausschließlich für Streicher, dass sich über die lange Spielzeit des Cues subtil steigert.
Goldenthal selber bezeichnete bei früheren Gelegenheiten seinen Stil schon mal als „Composition as collision“ – so konsequent wie hier hat er es aber fast noch nie umgesetzt. Dass dieser wilde Stilmix nicht völlig eklektisch wirkt, liegt an Goldenthals konsequent durchgehaltener persönlicher Handschrift und den Gebrauch von einigen, allerdings sehr unauffälligen Motiven. Dabei ist jeder Cue auch im Detail so gut ausgearbeitet, dass selbst, wenn man die faszinierende Durchmischung der Stile bei der Bewertung außer Acht lassen würde, immer noch eine hohe Wertung gerechtfertigt wäre.
Fazit: „Titus“ ist eine von Goldenthals spannendsten Arbeiten, wo er so konsequent wie kaum vorher sein Konzept von „Composition as collision“ umsetzt.
Jan Boltze / 22.02.07
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