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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

The Wolfman (Danny Elfman)

Varèse / 2010

CD

Bewertung:


    01. Wolf Suite Pt 1 (04:12)
    02. Wolf Suite Pt 2 (05:55)
    03. Prologue (02:57)
    04. Dear Mr. Talbot (01:45)
    05. Bad Moon Rising (00:59)
    06. Gypsy Massacre (02:24)
    07. Wake Up, Lawrence (05:17)
    08. The Funeral (04:13)
    09. The Healing Montage (02:50)
    10. First Transformation (03:30)
    11. You Must Go (03:46)
    12. The Antique Shop (03:32)
    13. Country Carnage (02:31)
    14. Be Strong (02:31)
    15. The Madhouse (05:32)
    16. Reflection / 2nd Transformation (04:12)
    17. The Traveling Montage (04:27)
    18. The Finale (04:11)
    19. Wolf Wild #2 (01:27)

    TT: 66 min

Dass in Hollywood eine Filmmusik kurz vor Ende des Post-Produktions-Prozesses abgelehnt wird, ist an sich keine seltene Erscheinung. Immer wieder gibt es Komponisten, deren Arbeitet ‘rejected’ wird, sowie jene, die in oft wenigen Wochen eine Alternative fertigen. Im Falle von “The Wolfman” von Regisseur Joe Johnston erfährt diese leider häufig gewordene Masche eine neue Dimension, denn sowohl der ursprüngliche Score von Danny Elfman als auch der Ersatz von Paul Haslinger wurden abgelehnt, wobei die klassischere Elfman-Musik für die Produzenten am Ende das kleinere Übel darstellte und sie von Conrad Pope für den finalen Schnitt adaptiert wurde. Da auch am Schnitt des 150-Millionenspektakels mit Benicio del Toro, Anthony Hopkins und Emily Blunt bis zur letzten Sekunde gedoktert wurde, überraschen die mäßigen Kritiken letztlich nicht - auch für die Musik ist das Chaos sicher kein gutes Omen gewesen.

Nun gibt es also drei verschiedene Versionen des “Wolfman” Scores zu begutachten. Zunächst der originale Score von Elfman, der bereits aufgenommen und gemischt war, als er zurück gewiesen wurde. Dann der zweite Score von Paul Haslinger, der ausdrücklich angewiesen wurde, eine sehr elektronische Musik als Kontrast zu komponieren. Ein bei youtube aufgetauchter Clip des Scores macht den Hörer letztlich froh, dass diese Idee doch schnell wieder verworfen wurde. Schließlich bleibt im Film die Adaption von Pope, die er anfertigte, um die Elfman-Entwürfe dem neuen Schnitt anzupassen. Die Änderungen gingen in letzter Sekunde noch relativ weit, sodass sich beide Musiken relativ stark voneinander unterscheiden - oder anders gesagt: vom ursprünglichen Elfman-Score kaum noch etwas unverändert im fertigen Film landete.
Die Score-CD von Varèse Sarabande präsentiert nun eine gut einstündige Zusammenstellung der ersten Aufnahmen zu “The Wolfman”, also im Prinzip reinen Elfman. Diese Vermutung entkräftet zwar der Blick in das Booklet der CD, welches für eine Handvoll Titel die Mitwirkung von Edward Shearmur und Thomas Lindgren erwähnt, um den finalen Filmscore dürfte es sich dennoch nicht handeln - von Conrad Pope fehlt jedes Wort. Die zwei zusätzlichen Komponisten gingen Elfman wohl schon vor dem Rejection-Karussel zur Hand. Obwohl nun auf CD nicht der eigentliche Filmscore veröffentlicht wurde, sondern nur der erste Entwurf, ist diese Entscheidung zu beglückwünschen: Danny Elfmans Wolfmann ist ein düsterer, motivisch exzellent komponierter und vortrefflich orchestrierter Score mit einigen echten Highlights. Er vereint die morbide Atmosphäre von “Sleepy Hollow” und die Partikelmotivik von “Planet Of The Apes”, als bedeutendste klangliche Referenz scheinen aber zwei Scores andere Komponisten gedient zu haben. Die Vorbilder “Bram Stoker’s Dracula” von Wojciech Kilar und “Dracula” von John Williams schimmern mehr oder minder deutlich durch die Partitur. Ob diese in einigen wenigen Passagen wie der Eröffnung der “Wolf Suite” nicht zu überhörende Anlehnung an den temp track ein Manko des Scores ist, ist ein zweiter Aufreger in der Filmmusik-Community. Dazu abschließend mehr.

Die größte Aufmerksamkeit verdient sich zuallererst die wirklich ausgefeilte motivische Ausarbeitung der Musik. Elfman entwarf ein in der Länge flexibles Motiv, welches zuerst in der “Wolf-Suite Part 1” auftaucht. Keimzelle und quasi “Signal” ist eine Viernotenfolge (lang-kurz-kurz-lang), die leichte Ähnlichkeiten zu Kilars Hauptthema zu “Bram Stoker’s Dracula” aufweist. Elfman strickt die Folge aber mit einer siebennotigen Erweiterung fort, die er zudem im Abschluss variiert und wiederum verlängert in einer weiteren Version anbietet. Voll ausgespielt ist das Hauptthema also durchaus mehrere Takte lang, Elfman verwendet es aber meist nur in Partikeln. Einzelne prägnante Tonfolgen der Reihe werden isoliert und mit anderen kombiniert, häufig verarbeitet er beispielsweise das Signal-Fragment fugisch. Es wandert zudem um Minute 2:00 der “Wolf Suite Part 1” in minimaler Verschiebung durch das Orchester, wobei wechselnd Solo, Celli, Blechbläser oder Horn die Notenfolge spielen. Diese gekonnte Partikelmotivik zieht sich in minimalistischer Weise durch den kompletten Score, wobei das Signal für den Wiederkennungswert sorgt, andere Teile aber durch die Orchestration teilweise stark verfremdet werden.
Die Orchestration ist nun denn auch der zweite große Pluspunkt dieses Elfman-Scores. Gleich zu Beginn beweist der in diesem Genre geübte Amerikaner, dass er das volle Orchester in all seinen düsteren Facetten mittlerweile blendend beherrscht. Vor allem die Variabilität des Streicherapparates beeindruckt, sie rangiert von gedehnt-ominösen Flächen in höheren Lagen ("Prologue") bis zu derb-wuchtigen Ostinati von Celli und Bässen. Immer wieder treten einzelne Streichinstrumente solistisch hervor, am augenfälligsten die Geige. Auch hier bietet Elfman ein interessantes Spektrum der Klangfarben. Mal sorgen die Soli für elegante Melodieführung, dann wieder für morbide Atmosphäre durch schräge Töne oder Doppeltöne. Fester Bestandteil des Scores sind aber auch die Blechbläser, die organisch eingebunden sind in die Motivarbeit und natürlich besonders kraftvolle Passagen prägen ("The Finale"). Eher ergänzende Klangfarben sind das Klavier, das in tiefen Registern rhythmisch aktiv ist, und der Chor. Das vokale Element bleibt in “The Wolfman” eher im Hintergrund, dennoch verschafft es manchen Passagen introvertierten oder kraftvoll-gothischen Charme. Inwieweit Elfman Hilfe bei der Orchestration hatte, lässt sich schlussendlich kaum wirklich beurteilen, das Ergebnis ist aber exzellent und aus einem Guss.

Die gut einstündige Soundtrack-CD ist damit umfassend beschrieben, wobei die Motivik und die Orchestration die Musik sehr gut über die Laufzeit tragen- Natürlich gibt es, vor allem in der ersten Hälfte der CD nach der “Wolf Suite”, stärker spannungsbezogene Passagen, die Highlightdichte ist aber durchaus hoch. Die beiden wuchtigen “Transformation” Titel zählen mit Sicherheit dazu, auch die fast epische “Traveling Montage” hat hohen Unterhaltungswert. Drastisch und dramatisch ist das “Gypsy Massacre”, während “The Healing Montage” einen lyrischen Zwischenton setzt. Dies ist auch eine der wenigen Stellen der Musik, in denen sich die Holzbläser in den Vordergrund spielen können.

Was heißt das nun alles im Endeffekt? Gäbe es die vieldiskutierten Referenzen auf den temp track nicht, wäre der “Wolfman” ein klarer Kandidat für die 4,5 Sterne. Düster, kraftvoll, vortrefflich motivisch strukturiert und orchestriert ist der Elfman-Score ohne Frage. Dass gerade im Hauptthema Wojciech Kilar durchschimmert, hat jedoch bei vielen Fans Ablehnung hervorgerufen. In meinen Augen ist die Aufregung übertrieben. Die Ähnlichkeiten zwischen beiden Scores beschränkt sich auf die viernotige Signal-Phrase des Hauptthemas und das rhythmische Grundgerüst des Eröffnungstitels der CD. Zudem ist Kilars Score auch nur in “The Beginning” und “The Storm” in dieser Richtung weiterentwickelt, in anderen Passagen dominieren deutlich von Elfmans Ansatz abweichende Stilismen. Auf der anderen Seite geht Elfman in seiner Musik auch weit über die Elemente hinaus, die die Produzenten offenbar integriert haben wollten. Die schleppende Rhythmik des Beginns variiert Elfman in seinem Score stark und die melodisch ähnliche Phrase benutzt er als Keimzelle für sein äußerst gelungenes motivisches Konzept. In meinen Augen haben wir es hier mit dem erfreulichen Fall zu tun, dass der Komponist aus der Not eine Tugend gemacht hat und den ungeliebten temp track furios weiterentwickelt und damit übertroffen hat.

Wertungstechnisch kann man “The Wolfman” also keinen allzu großen Strick aus den Anleihen drehen - zumal in Orchestration und Themenarbeit John Williams “Dracula” eher vergleichbar ist als der Score von Kilar. Ein halber Stern Abzug erscheint mir noch vertretbar, somit ist und bleibt der Wolfmann mit vier Sternen eine der ersten großen Empfehlungen des noch jungen Kinojahres 2010.

Jan Zwilling / 05.03.10

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