[ Sie sind zur Zeit nicht eingeloggt. ] [ Registrieren oder Einloggen im Kontrollzentrum ]

Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

The Tree Of Life (Alexandre Desplat)

Lakeshore / 2011

CD

Bewertung:


    01. Childhood (03:41)
    02. Circles (11:23)
    03. Clouds (02:59)
    04. River (03:35)
    05. Awakening (03:29)
    06. Emergence Of Life (03:55)
    07. Light And Darkness (08:17)
    08. Good And Evil (03:15)
    09. Motherhood (02:04)
    10. City Of Glass (03:36)
    11. Fatherhood (02:49)
    12. Temptation (06:47)
    13. Skies (05:18)

    TT: 61 min

Es ist noch keine acht Jahre her, da galt der Franzose Alexandre Desplat als frisches Gesicht und größte Hoffnung in der Komponistenzunft der Traumfrabrik. Nach zwei Jahrzehnten der Arbeit in seiner Heimat (mit sehr beachtlichem Erfolg) gelang ihm mit “The Girl With The Pearl Earring” der internationale Durchbruch. Der von Klassizismen und Minimalismen durchwirkte romantische Stil seiner Kompositionen prägte sogar den Hollywood-Sound der letzten Jahre, Kollegen wie Javier Navarrete ("Cracks") oder Dario Marianelli ("Jane Eyre") sind in seinem Fahrwasser erfolgreich. Behutsam erweiterte Desplat seit 2004 sein musikalisches Spektrum um elektronische Elemente wie in “Birth” oder auch großorchestral-romantische Abenteuerscores (der gelungenste ist weiterhin “The Golden Compass"). Qualitativ entwickelt er sich aber leider kaum noch weiter, die Fülle an Aufträgen führt eher zu einer Stagnation ohne wirklich neue Perspektiven.
Der Erfolg spricht aber noch immer für Desplat, denn nach wenigen Jahren in der Traumfabrik klopfen aktuell einige der größten Regisseure bei ihm an. Diese Chance lässt sich der Franzose natürlich nicht entgehen, zuletzt entsprang aus der Kollaboration mit Roman Polanski der überaus gelungene Score zu “The Ghostwriter”. Nun ist also Regielegende Terrence Malick an der Reihe und die Verbindung scheint auf den ersten Blick passend. Der Texaner pflegt einen elegischen, assoziativen und ruhigen Stil in Regie und Bildsprache und setzt Musik sehr bewusst als zusätzliche Ebene seiner Filme ein. Dabei favorisiert er eine klassische, harmonische Tonsprache, setzt häufig klassische Musik ein und legt wenig Wert auf unmittelbare Umsetzung von Handlungen auf der Leinwand. Hans Zimmer kam mit dieser Ausdrucksweie 1998 bei “The Thin Red Line” glänzend zurecht und schrieb seinen bis heute überzeugensten Score. Alexandre Desplat, der häufiger mit flirrenden Klangflächen und fein nuancierten, elegischen Arrangements gearbeitet hat, ist somit eine “obvious choice” für Malicks neuestes Werk “The Tree Of Life”.
Der Film ist in vielerlei Hinsicht ein waschechter Malick, er geht sogar über seine Vorgänger hinaus. Bereits “Days Of Heaven” ist geprägt von philosophischer Selbstreflexion über die Rolle des Menschen in der Natur und im ewigen Baum des Lebens. “The Thin Red Line” zeigt diesen Konflikt anhand des Krieges gegen sich selbst überdeutlich, alle Protagonisten sind schemenhaft portraitiert und erscheinen im Großen Ganzen unbedeutend. Eine simple Sinnsuche greift jedoch zu kurz, denn Malick versteigt sich nicht in spirituellen oder religiösen Antworten auf die Fragen der Figuren. Die Frage selbst ist ihm wichtiger als halbgare Konzepte oder Philosphien. Sein neuestes Werk “The Tree Of Life” destilliert diese reflexive Grundhaltung, entgrenzt die Fragen von Raum und Zeit und schafft ein collagehaftes Werk von losen Verknüpfungen, Gedankenspielen, Bildern und Handlungsepisoden. Die Rahmenhandlung um das Aufwachsen dreier Kinder in den 50er Jahren in Texas ist noch stärker auf ihre Funktion als Aufhänger für die Gedankenspiele fokussiert, als in bisherigen Arbeiten Malicks. In Cannes gewann der Regisseur für “The Tree Of Life” die Goldene Palme als bester Film. Ob diese Auszeichnung gerechtfertigt ist, liegt wie kaum einem anderen Film im Auge des Betrachters.
Innerhalb dieser Dramaturgie (oder Nicht-Dramaturgie) ist die Rolle der Musik schwierig zu finden. Da es wenig Entwicklungen in der Handlung oder den Figuren gibt, gibt es kaum musikalische Ansatzpunkte. Desplat entwarf daher einen Klangteppich, der sich auf die Konstruktion einheitlicher Stimmungsbilder konzentriert, anstatt markante Akzente zu setzen. Das Instrumentarium ist dabei für Desplat nicht ungewöhnlich. Zu einem großen Streicherapparat nebst Streichersoli kommen Holzbläser, Harfe und Klavier, ergänzt wird dies durch sanfte elektronische Einschübe in Form von Klangteppichen. Von einer klassizistischen Ausformung der Stimmen ist “The Tree Of Life” allerdings weit entfernt, vielmehr diffundieren Klänge und Melodien scheinbar intuitiv ineinander. Die Fokussierung auf Stimmungen und Klangfarben ist am ehesten als moderner Impressionismus umschrieben, allerdings fehlt dem Score die harmonische Variabilität und komplexe Orchestration vieler Werke von Debussy, Ravel und Co. Der für Desplat typische Minimalismus in der rhythmischen und melodischen Strukturierung schimmert ebenfalls nur bedingt durch, da die Klangfetzen oftmals so rhythmus-, melodie- und stimmenarm gestaltet sind, dass man eher von minimal als von minimalistisch sprechen kann.
Alexandre Desplat hat damit zweifelsohne eine adäquate musikalische Untermalung für Malicks Film komponiert, indem er die Funktion, die der Regisser der Musik in seinen Filmen zuordnet, konsequent annimmt. Desplat beschränkt sich auf die Stimmungsmalerei und taucht die Bilder und die Handlung weichzeichnergleich in eine akustische Wolke, was das Gezeigte dramaturgisch vom Zuschauer entrückt. Präzise Reaktionen oder gar Kontraste, wie sie Hans Zimmer in “The Thin Red Line” noch zuweilen kreierte, kommen nicht vor. Die längliche Präsentation der Musik auf CD ist aber nicht einheitlich positiv zu bewerten, was sich auf zwei Umstände zurückführen lässt. Zum ersten ist die minimale Kompositionsweise trotz seiner offenkundig kompetenten Umsetzung auf Dauer arm an Highlights und Entwicklungen, sodass innerhalb der 61 Minuten mitunter Ermüdungserscheinungen auftreten. Nur gelegentlich sind Klanginseln komplexer gestaltet, wie beispielsweise im zweiten Teil von “Circles” mit interessanten rhythmischen Figuren des Holzes und der Streicher, und ziehen den Hörer auch abseits des Films in den Bann. Es überwiegen jedoch jene Passagen, in denen scheinbar wahllos Streicherakkorde ein- und ausblenden, in denen synthetische Klangflächen minutenlang das Arrangement vereinnahmen oder, wie im Eröffnungstitel, fast naiv simpel gestrickte Klaviermotive gereiht werden. Die Variationen in der Stimmung, die zwischen elegisch-entrückt (wie im harfengeprägten Titel “Clouds") und nervös-aufreibend (in den langgezogenen, leicht dissonanten Streicherakkorden in “City Of Glass") pendelt, schaffen nicht genug Abwechslung für ein ansprechendes Hörerlebnis.
Der zweite Grund für eine vorsichtigere Bewertung der Musik losgelöst vom Film ist der Umstand, dass Desplat mit seinem Personalstil die vielleicht zu offensichtliche Wahl für Malick war. In seiner Karriere hat er bereits zur Genüge jene Stilmittel kultiviert, die der Regisseur für seinen Film wollte. Deshalb ist die sehr passende und adäquate Filmmusik zu “The Tree Of Life” gleichzeitig ein Aufguss von Altbekanntem aus Desplats Feder und die Reaktion fällt eher ernüchternd aus. Von ihm kennt man minimalistische Streicherflächen, flirrende Holzbläserarrangements, synthisch durchwirkte Klangwelten und nuanciertes Stimmungsmalen bereits zur Genüge, sodass selbst an sich erfrischende Titel wie “Motherhood” oder “Fatherhood” (in denen klassizistische Stilmittel stärker hervortreten) kaum Begeisterung auslösen. Es wäre bedeutend spannender gewesen, wenn ein in dieser Richtung nicht bereits so massiv vorgeprägter Komponist sich an dem Streifen versucht hätte. Aus der Sicht Malicks ist das Engagement Desplats jedoch nur logisch.
Eine Bewertung des Scores zu “The Tree Of Life” ist deshalb sehr schwierig. Im Filmkontext ist Desplats Untermalung sehr passend und trägt maßgeblich zur audiovisuellen Gesamtkonzeption bei, davon losgelöst fallen jedoch die ermüdend repetetive Struktur der Musik und die Ähnlichkeit zu früheren Werken des Franzosen auf. Letztlich wird man dem Score mit einer vermittelnden Wertung von 3 Sternen am ehesten gerecht. “The Tree Of Life” ist für Desplat also ein weiterer Meilenstein in seiner Karriere, wenn man die einmalige Möglichkeit der Kollaboration mit einer Regielegende wie Terrence Malick betrachtet; Ein Meilenstein, den er wiederum mit einer durchschnittlichen Musik ausgestattet hat. Auf diese Weise bleibt die Stagnation in seinem Output erhalten, es bleibt die Hoffnung auf Ausreißer nach oben.

Jan Zwilling / 15.06.11

Nutzer-Kommentare anzeigen

Zu diesem Beitrag existieren aktuell 0 Nutzer-Kommentare. Letzter Kommentar: - .

» Alle Kommentare anzeigen

Nutzer-Kommentar hinzufügen

Um Nutzer-Kommentare zu erstellen, müssen Sie eingeloggt sein. Klicken sie auf Kontrollzentrum, um sich einzuloggen oder einen Account zu erstellen.