Kritiken
The Story Of Ruth (Franz Waxman)
Varese Club / 2003
Bewertung:

Zur filmischen Zeitenwende 1960 waren Bibelepen so etwas wie die unzähligen Franchising-Reihen heute. Sie waren routiniert zu produzieren, gingen inhaltlich wie technisch geringe Risiken ein und wurden daher in großem Maßstab für den Markt produziert. Es war eine Modewelle, die einerseits dem ökonomischen Anspruch der Studios entgegen kam, leicht kalkulierbare finanzielle Risiken mit der Produktion eines Filmes einzugehen, andererseits aber den Markt stark übersättigte. Immer größere Schauwerte waren nötig, um dem Zuschauer noch etwas besonderes zu bieten. In ähnlichem Maße wie bei den Fortsetzungsreihen heute wie “Fluch der Karibik”, “X-Men” oder “Harry Potter” litt mehrheitlich die Kreativität und damit der künstlerische Anspruch enorm, was schließlich ebenso zu einer Katharsis des amerikanischen Films Ende der sechziger Jahre führte wie finanzielle Aspekte. So sind “Ben Hur” oder “Cleopatra” als zwei jener wenigen Vertreter jener Generation von Filmen anzusehen, die künstlerisch bis heute bedeutsam sind.
“The Story Of Ruth” von 1960 schlug ebenfalls in jene Kerbe, mit groß produzierten, biblischen Stoffen einen Publikumserfolg zu landen. Der Film von Henry Koster setzt das Buch von Ruth, einen relativen kurzen Abschnitt des alten Testamentes um. Es handelt sich um eine Familiengeschichte im Kontext einer großen Hungersnot, die stark von Ruths persönlicher Sicht in spiritueller und emotionaler Hinsicht geprägt ist. Dabei ist es weniger eine religiöse Erzählung voller Gleichnisse, als eine von starker Dramatik und Figuren geprägte, narrative, kurze Episode. Der Film versucht dann auch, die Geschichte als Melodram mit historisch-religiösem Kontext zu inszenieren. Das Ergebnis wird bis heute sehr unterschiedlich bewertet, vielfach liest man anerkennende Worte für schauspielerische Leistungen, doch einen Eintrag in die Geschichtsbücher hat der oftmals als blass und langatmig gehaltene Streifen kaum geschafft. Im Jahr seines Kinostarts ging er auch in Konkurrenz mit anderen Produktionen wie “Spartacus” unter - fünf Jahre später wäre er wohl nicht mehr produziert worden. Dass er es dennoch wurde, diesem glücklichen Umstand verdanken wir aber die wunderbare Musik von Franz Waxman, die sich neben großen Kompositionen wie “Prince Valiant” oder “Taras Bulba” nicht verstecken muss.
Zur Einordnung in den richtigen Kontext muss man anmerken, dass dies beileibe nicht die erste Epenmusik aus Waxmans Feder war, bereits mehrere Jahre zuvor komponierte er “Demetrius And The Gladiators” (die Fortsetzung zu “The Robe"). Thematisch vergleichbares findet sich in der Religiösität von “A Nun’s Story” oder im exotischen Instrumentarium von “Sayonara”. Seine Konzeption zu “Ruth” verweist zudem stark auf den okönomischen Kompositionsstil Bernard Herrmanns als auch auf die modernistischen Ansätze von Alex North - nicht zuletzt galt er eben wegen “Ruth” als erste Wahl für die Vertonung von Cleopatra ein Jahr später.
Für “The Story Of Ruth” stellte Waxman klassisch-sinfonisches neben stark regional-archaisch eingefärbtes und modernistisches. Zu seinem Instrumentarium zählt ein Orchester in oft wechselnden, kleinen Besetzungen, das vor allem mit sechs Hörnern, drei Klavieren und einer starken Rhythmussektion glänzt. Hiermit weiß Waxman mit enormer Gabe umzugehen, denn oft setzt er nur eine Handvoll Instrumente - zum Beispiel mehrere Hornstimmen - ein und kontrastiert dies mit größer angelegten Passagen. Besonders Augenmerk legt er dabei auf fast konzertante Soli von Holzbläsern und einer Viola d’Amore und einem Cello. Es ergibt sich eine intime, fast puristische Klangwirkung. Zuätzliche Impulse gab die Nutzung von einer kleinen Gruppe exotischer Instrumente, wie dem Serpent und dem Sarrusophon (Blechblasinstrumente) und der Taragato (eine Spielart der nahöstlichen Oboe). Geradzu klassisch wirkt da schon der Einsatz des jüdischen Shofar, einem Horn. Dieses Instrumentarium passt Waxman perfekt in sein Klangkonzept ein, dass in seinem spartanischen Momenten ein unglaubliche Tiefe und ökonomische Qualität aufweist, durchaus aber auch lyrische Momente besitzt.
Mit den melodramatischen Aspekten der Geschichte verband Waxman die häufigen Soli und vor allem sein sparsam eingesetztes Hauptthema, welches als starker Kontrast einen fast hymnischen Gestus hat. Eine summbare, immer weiter ansteigende Tonfolge mit formelhaftem Ende orchestriert er mit Streichern, Soli von Klarinette und Cello / Viola und in der zentralen Stelle des Films sogar als Gesangsstück. “Return To Judah” lebt von dem Kontrast des von mehreren Frauen gesungenen, harmonisch orchestriertem Hauptthema und den unheilverkündenden Blechbläsereinwürfen. Auch das längste Cellosoli findet sich hier, was einen bekannten Cellisten dazu animierte, Waxman nach einer Bearbeitung seiner Filmmusik als Cellokonzert zu fragen.
Was an “The Story Of Ruth” auffällt, ist seine großartige Orchestrationsleistung und die perfekte Geschlossenheit der Konzeption, der selbst schärfere Kontraste gut zu Gesicht stehen. Selbst die modernistischen Passagen haben eine klangliche Sogwirkung, was Waxman problemlos auf eine Stufe mit Herrmanns Arbeiten für Ray Harryhausen oder ebenjenen Epenscores von Alex North stellt. Damit schlägt Waxman in eine völlig andere Kerbe als zum Beispiel Miklos Rozsa in seinen Epenscores.
Fazit: Da auch die Präsentation der Musik mit der Varese Club Edition standes gemäß ist, steht einer eindringlichen Kaufempfehlung nichts im Wege. Die Bänder sind zwar merklich gealtert, mehr als nur passabel ist das Ergebnis aber allemal, sodass man diesen oft vergessenen Score in all seinen erhebenden Details genießen kann. Fast ein Meisterwerk!
Jan Titel / 24.02.07
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