Kritiken
The Secret Of NIMH (Jerry Goldsmith)
Varese / 1994
Bewertung:

Anfang der 80er Jahre versuchte der Disney-Zeichner Don Bluth mit einem Team von 17 Animatoren einen selbstständigen Start in der Trickfilmbranche, der sich auf die klassischen Qualitäten von Walt Disneys Zeichentrickfilmen zurückbesinnen sollte. Nach dem Tod von Disney 1966 war die Zeichenabteilung des Unternehmens in der Krise, was sich sowohl quantitativ als auch qualitativ in den Erscheinungen zeigte. Banalitäten wie “Robin Hood” oder “Oliver & Company” trieben Bluth schließlich in die Fucht.
“The Secret Of N.I.M.H.” war der 1982 erste Film, den Bluth in Eigenregie herausbrachte, gefolgt von vielen von Kindern hoch geschätzten Zeichentrickfilmen wie “An American Tail” oder “The Land Before Time”. Obgleich das lebendige und magische Abenteuer der verwaisten Ratte Mrs. Brisby (deutscher Titel: “Mrs. Brisby und das Geheimnis von N.I.M.H") gute Kritiken erhielt und von vielen sogar als der verlorene Disney-Geist gefeiert wurde, war es ein finanzieller Fehlschlag für Don Bluth.
Bemerkenswert an dem eigentlich für Kinder konzipierten Streifen ist die kraftvolle Musik von Jerry Goldsmith. Dieser befand sich 1982 auf einem der Höhepunkte seiner Karriere, was sich neben Musiken für “Legend”, “Poltergeist” oder “Under Fire” eben auch hier deutlich widerspiegelt. Er vertraute nicht auf klassische Techniken des Mickey-Mousing, sondern untermalte nach eigener Aussage den Film wie einen Spielfilm, mit all den sich dadurch eröffnenden Möglichkeiten in punkto Ausdruck und Komplexität. Vielleicht war es sogar ein Glücksfall, dass Goldsmith vorher noch nie an einem Zeichentrickfilm gearbeitet hatte.
Seine Musik stützt sich auf ein großes Orchester (National Philharmonic Orchestra) und vielfältige chorale Unterstützung durch die Ambrosian Singers. Diese Mischung hinterlässt ebenso wie bei “Legend” einen hervorragenden Eindruck, denn Goldsmith schuf einen vielfältigen, dramatisch und klanglich unglaublich dichten und handwerklich beeindruckenden Score. Sein Orchestersatz ist farbenfroh und phantasievoll angelegt, geizt nicht an akustisch reizvollen “Earcatcher"-Phrasen und erweist sich über die gesamte Länge der Musik als ungeheuer lebhaft. Der Altmeister scheint hier wirklich Spass gehabt zu haben, denn anders ist der spielerische Umgang mit expressiven Blechbläserpassagen, flirrenden Streicherteppichen, eleganten Tutti und verspielten Soli der Holzbläser nicht zu erklären. “The Secret of N.I.M.H” zeigt eine schon lange nicht mehr gehörte Ausdruckskraft in Goldsmith’ Schaffen, die in den letzten Jahren seiner Karriere rar geworden ist.
Unbestrittener emotionaler Bezugspunkt des gesamten Scores ist das wunderbare Hauptthema, das gleich im ersten Track nach einer phantasievollen Eröffnung als elegante Blechbläserpassage zu hören ist. Es ist ein wandlungsfähiges Thema, wovon Goldsmith auch durch den Einsatz in quasi allen Instrumentengruppen Gebrauch macht. Die eingängige Melodie begegnet einem sogar zwei Mal als verträumtes Lied, gesungen von Sally Stevens und Paul Williams. Für Goldsmith ungewöhnlich ist der konsequente Einsatz einer wagnerianischen leitmotivischen Technik, um die Nebenthemen des Scores miteinander zu verweben. Auch hier beweist Goldsmith konzeptionelle und technische Raffinesse, denn die Themen werden elegant verwoben und verstrickt, variiert und fragmentiert. Zusammen mit der Orchestration bildet das thematische Grundgerüst eine brillant funktionierende Einheit.
Fazit: Unbedingt zu empfehlen! “The Secret Of N.I.M.H” ist ein äußerst gelungener, erwachsener und doch kindlich-spielerischer Score mit gehörigen Hörqualitäten, aber ebenso mit technischer Raffinesse für die Freunde des analytischen Hörens. Zwar erweist sich die Musik letzenendes nicht so originell wie andere Goldsmith-Musiken ("Planet Of The Apes"), den wunderbar-fließenden und orchestral wie choral beeindruckenden Score sollte sich aber trotzdem niemand entgehen lassen. Die knapp 50-minütige CD von Varèse eignet sich dazu sehr gut.
Jan Titel / 04.08.07
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