Kritiken
The Pagemaster (James Horner)
Fox / 1994
Bewertung:

Wir schreiben das Jahr 1994. Im Windschatten von Alan Menkens Erfolgen mit seinen Disney-Musicals und einem enorm vielseitigen und kreativen John Williams neigte sich die Karriere eines aufstrebenden Jungkomponisten einem wichtigen Scheidepunkt zu. James Horner war in den achtziger Jahren bekannt geworden und hatte sich in diesem Jahrzehnt als Komponist für Science-Fiction ("Aliens", “Star Trek II + III” und einigen anderen) und fantasievolle Märchen (Zeichentrickfilme, “Willow” oder “Krull") einen Namen gemacht. Sein frischer, großorchestraler Stil stand in der Tradition von Tchaikovsky, Prokofieff und John Williams. Erst langsam gewannen um 1990 andere Produktionen und damit auch eine gänzlich andere Kompositionsweise Horners an Einfluss in Horners Karriere. “The Name Of The Rose”, “The Man Without A Face” oder “Glory” leiteten die Hinwendung Horners zu personenbezogenen Dramen- und Thrillerthemen ein, die seit seinem Erfolg mit “Titanic” 1997 zementiert scheint.
War dieser neue Stil anfangs noch mit einigermaßen gelungenen Musiken verbunden, wie etwa “Legends Of The Fall” oder “Braveheart”, so wurde dennoch der Umschwung zum streicherbetonten, leisen und ernsten Idiom zu der Falle, in der Horner heute steckt. Er verlor den Mut zur Kreativität, steigerte seine Liebe zu Selbstzitaten in ungeahnte Höhen und wurde in seiner Filmauswahl immer einseitiger. Der finanzielle Erfolg gibt ihm Recht, doch in künstlerischer Hinsicht kann man die Zeit nach 1994, oder im weiteren Sinne 1997, als Rückschritt betrachten.
1994 nun schrieb Horner eine Musik, die man rückblickend als Höhepunkt seiner ersten Karreriephase bezeichnen könnte - und gleichzeitig als Beginn vom Ende dieser. “The Pagemaster” ist ein Film aus der Feder von David Kirschner, der als Autor und Produzent zusammen mit James Horner schon die zwei “American Tail” Filme und “Once Upon A Forest” machte. Hier begeben sich die zwei in die Welt der klassischen Abenteuerliteratur und folgen dem jungen Richard Tyler (Macualay Culkin) in einer Bibliothek in Klassiker wie “Dr. Jekyll und Mr. Hyde”, “Moby Dick” oder “Frankenstein”.
Der Film ist zur Hälfte animiert und zu andern Hälfte ein Live-Action-Spielfilm, was der phantasievollen Augestaltung der Genres und Bücher viel Raum lässt. Horner nutze diese Gelegenheit und schuf einen großorchestralen, ausdrucksstarken und abwechslungsreichen Score, der eindeutig in der Tradition seiner Zeichentrickmusiken steht. Das London Symphony Orchestra stand nebst den London Voices als Klangkörper zu verfügung und die renommierten Don Davis und Thomas Pasatieri sorgten für die gelungene Orchestration. Horner konzentrierte sich im Grunde auf die Erschaffung einer musikalischen Untermalung für die Fantasiewelten, so ist denn auch die Musik nicht wie zu erwarten in reale und gezeichnete Welt geteilt, sondern von vorne bis hinten aus einem Guss.
Eröffnet wird der Film und auch die CD, nachdem man die zwei vorangestellten Songs überstanden hat oder ihnen aus dem Weg gegangen ist, durch das kräftige Hauptthema. Es folgt eine träumerische, chorale Einleitung, die auf „A Land Before Time“ verweist und mit einem süffigen Streicherarrangement ein sofort ins Ohr gehendes Stück ist. Die Ausgestaltung des Stückes durch schillernde Harfenbegleitung und viele Fanfaren ist maßgebend für die komplette Musik und lässt auf eine sehr gute Zusammenarbeit Horners mit seinen Orchestratoren schließen.
Im Folgenden widmet sich Horner weniger der Entwicklung des Hauptthemas, als vielmehr dem äußerst erfolgreichen Versuch, der Bilderflut ein buntes Potpourri an musikalischen Einfällen zur Seite zu stellen. Von den fast ein Dutzend Seitenthemen- und Motiven seien nur wenige hier genannt. Der zweite Scoretitel führt einen kleinen Marsch ein, der durch die rhythmischen Streicher und die häufig wechselnde Melodiestimme John Williams, besonders „Hook“, als Einfluss erahnen lässt. Hier zeigt Horner eine enorme Dynamik und Klangfarbendichte, die von einem teilweise sehr vielstimmigen Orchestersatz herrührt. In vielen Momenten driftet Horner auch gekonnt in eine leicht dissonant zugespitzte Tonalität ab, wie es Prokofieff zur Vollendung gebracht hat.
Die Horrorabteilung der Bibliothek bekommt ein zweiteiliges Motiv spendiert, im ersten Teil eine sich wiederholende Dreinotenfolge und im zweiten Teil ein dunkel-edles Oboensolo. Hier sind vor allem die unheilsschwanger schreitenden, unteren Streicherlagen eingesetzt. Es kommt aber auch zu brachialen Ausbrüchen, bei denen Horner glücklicherweise das dumpfe Klaviergrollen außen vor lässt und den kräftigen Posauneneinsätzen, straff rhythmisierenden Streichern und allerlei Schlagwerk freien Raum lässt. Passend wird im Teil auf der hohen See eine leicht britisch gefärbte Version des Marschthemas zum besten gegeben. In der leicht sakralen, schreitenden Variation für Hörner und Streicher kommt einem das „Rule Britannia“ in den Sinn, ebenso wie die „Sea Symphony“ von Ralph Vaughan Williams, freilich ohne den Chor. Die Piratenmusik ist denn auch mit ausschweifenden Bläsersetzen und einem kräftigen Schuss alter Swashbuckler-Tradition à la Korngold oder Steiner einer der Parademomente der Musik, eine vorzüglich mundende Spaßmusik.
Die ruhigen Momente sind in der Musik weniger häufig, aber auch sehr ansprechend gestaltet. Der von Christopher Lloyd gespielte „Pagemaster“ bekommt ein schön fließendes Streicherthema, welches die Klippen der Braveheart-Melodik noch sauber umschifft. Es ist ergänzt durch Glockenspiel, Harfe und Chor. In „Loneliness“ geht es noch etwas wehmütiger zu, Streicher und Holz spielen ein kleines Frage-Antwort-Spiel.
Zusammenfassend kann man ohne schlechtes Gewissen feststellen, dass „The Pagemaster“ den Komponisten James Horner zum letzten Male in großer Form seinen unbeschwerten Fantasy-Stil präsentieren ließ. Danach folgte mit „Balto“ (1995) nur ein leichter Nachgang oder mit „How The Grinch Stole Christmas“ (2000) ein einsamer Nachzügler. Zugleich ist die hier vorliegende Musik ohne Zweifel der Höhepunkt von James Horners Karriere, denn er ist durch seinen farbigen Abwechslungsreichtum und vor allem die kräftige Ausdrucksstärke noch ein kleines Stück über vergleichbaren Musiken wie „A Land Before Time“ oder „An American Tail“ anzusetzen. Die hervorragend eingespielte, erstklassig abgemischte und mit fast einer Stunde Score anständig bestückte CD sollte man sich auf jeden Fall nicht entgehen lassen.
Jan Zwilling / 26.05.07
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