Kritiken
The Other Boleyn Girl (Paul Cantelon)
Varese / 2008
Bewertung:

Dass der Hollywood-Mainstream zu neunzig Prozent ein Produkt des Recyclings bewährter Rezepte und Konzepte ist, ist nicht erst seit den letzten Jahren bekannt. Doch jüngst hat dieses Reiten auf kassenträchtigen Modewellen einen vorläufigen Höhepunkt erreicht, in dem jeder halbwegs erfolgreiche Film eine Schar an Epigonen nach sich zieht. Auf “Gladiator” folgte das Revival der Historienfilme, “Spider-Man” sorgte für die Comic-Schwemme dieser Tage und “Lord Of The Rings” produzierte einen Hype um Fantasyfilme, der noch immer nicht abgeklungen ist. Interessanterweise lässt sich dieses gedankliche Konzept auch auf weit weniger massentaugliche Stoffe anwenden, wie zum Beispiel auf das englische Königshaus. Erstmalig angestoßen durch “Elizabeth” (1998) beschäftigten sich in letzter Zeit eine gute Handvoll Filme mit der englischen Monarchie. “Elizabeth: The Golden Age” und “The Other Boleyn Girl” lassen die thematisch häufig verarbeitete Epoche von Heinrich VIII und Elizabeth I auferstehen, “The Queen” portraitiert Elizabeth II und in Kürze wird in “Mary Queen Of Scots” erneut Scarlett Johansson die große Leinwand betreten.
“The Other Boleyn Girl” schlägt genau in diese Kerbe und wäre wohl ohne einen Run auf diese Themen nicht gedreht worden. Der Film von Justin Chadwick, der vorher noch nicht groß im Kino in Erscheinung getreten ist, basiert auf einem Roman von Philippa Gregory und spielt zur Zeit Heinrich VIII (Eric Bana) und seines Werbens um die berühmte Anne Boleyn (später Mutter von Elizabeth I). Im Sinne eines Dramas nach Lehrbuch werden die Schwester Anne und Mary Boleyn zum Spielball der Macht und zum Objekt der Befriedigung von Herrschsucht und Intrigen erklärt. Der durchaus ansehnlich besetzte Film (Scarlett Johansson, Natalie Portman und Kristin Scott Thomas spielen neben Bana und Jim Sturgess) wurde von den Kritikern verhalten aufgenommen und darf wohl eher als unterhaltsames Ränkespiel denn als anspruchs- und gehaltvolle Geschichtsstunde gelten.
Musikalisch betreut wurde das Projekt bis kurz vor Produktionsschluss von Edward Shearmur, dem durchaus ein ansprechender, historisierender Score zuzutrauen war. Er verfügte mit “Monte Cristo” über Referenzen im Historien- und mit “The Wings Of A Dove” im Dramenfach. Doch spät im Produktionsprozess wurde seine Musik abgelehnt und Paul Cantelon als Nachfolger präsentiert. Dieser konnte bisher einzig und allein mit seinem sehr hübschen und authentischen Score zu “Everything Is Illuminated” als Referenz aufwarten, ansonsten steht nur ein Auftritt als Geigenspieler in “The River Wild” zu Buche. Für “The Other Boleyn Girl” hatte Cantelon naturgemäß wenig Zeit zum Komponieren und so kann er auch mit einem ausgefeilten Konzept nicht aufwarten. Sein Score ist eine eher zähe Mischung aus langatmigen Streicherpassagen, die teilweise orchestral und zu anderen Teilen auch synthetisch mit Rhythmus und Melodieführung unterlegt sind. Erneut wurde die Chance vertan, eine feine historisierende Partitur zu erschaffen, die dem Einheitsbrei mit Ideen entgegensteht.
Zentraler Gedanke der Musik ist eine Flötenmelodie, die sogleich in den “Opening Titles” vorgestellt wird. Kaum melodisch prägnant, wirkt sie aber im ersten Moment ansprechend arrangiert. Ätherische Streicher breiten gewissermaßen einen Teppich aus und sauber und elegant legt sich die Flötenmelodie darüber. Als Begleitung wählt Cantelon Klavier und Triangel, ersteres übernimmt im zweiten Teil die Melodiestimme. Der Einstieg wirkt somit durchaus passabel, auch wenn der Orchestersatz der Zeit geschuldet sehr schlicht orchestriert ist. Mit diesem Material weiß der Komponist aber im weiteren Verlauf recht wenig anzufangen und so reihen sich Streicherteppiche an synthetisch untermauerte dunkle Klangmalereien, ein leichtes Zupfen an Harfe und Laute umrankt recht zielloses Flöten- und Oboenspiel und vor allem gelingt Cantelon keinerlei Entwicklung des thematischen Materials. Es kommt ein zweites, ebenso unprägnantes Motiv hinzu (am klarsten als Solo in “Anne’s Coronation” zu hören), eine pfiffige Variation ist aber auch hier Fehlanzeige. Dies führt zusammen mit einer mangelnden Evolution der Instrumentation zu einer Beliebigkeit im Klangbild, bei der man zwischen Anfang und Ende, Krönung und Verurteilung, Hochfreude und Hoffnungslosigkeit nur schwer unterscheiden kann. “Anne’s Coronation” wartet zwar mit einem kurzen Chorsatz auf, eine besondere (sakrale oder feierliche) Stimmung gelingt aber auch diesem nicht.
Zweiter großer Kritikpunkt ist die mangelnde historische Identität der Musik, der es nicht gelingt, dem Hörer auch nur einen leichten Anhaltspunkt auf den Schauplatz oder die Zeit der Handlung zu geben. Es muss nicht immer eine komplett authentische Untermalung sein, eine solche wäre zum Teil auch dramaturgisch unpassend. Doch eine dezente bis kräftige Anreicherung mit dezidiert renaissance- oder mittelaltertypischen Instrumenten, Melodie- oder Harmonieschemata würde jenen undifferenzierten Brei verhindern, den “The Other Boleyn Girl” letztendlich dem Hörer zu Gemüte führt. Im Stile von David Hirschfelders Vertonung von “Elizabeth” oder vielen Mychael und Jeff Danna Scores kann deutlich mehr bewirkt werden als die bloße Anwesenheit von Musik, die eine gewisse Dramatisierung erreicht.
Letzen Endes kann man Cantelon die Schwächen seiner Musik nur bedingt vorwerfen, denn es ist nicht bekannt, wieviel Zeit er für die Arbeit an “The Other Boleyn Girl” wirklich hatte. Doch die Schwächen sind offensichtlich und so verhindert auch eine im Grunde passable Orchesterbehandlung nicht die Einstufung als größtenteils belanglos. Die CD mit über einer Stunde variantenarmer Musik ist somit nur wirklichen Filmfans als Souvenir zu empfehlen und auch in Anbetracht der halligen Abmischung kein akustischer Leckerbissen.
Jan Zwilling / 07.03.08
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