Kritiken
The Magnificent Seven (Elmer Bernstein)
Varese / 2004
Bewertung:

Es gibt eine kleine Episode über Elmer Bernstein, die er selber immer wieder gerne erzählt hat. Auf einer seiner Reisen beobachtete er ein kleines Kind, dass auf einem jener unzähligen Kinderbelustigungs-Maschinen in Form eines Pferdes ritt - zu dem quäkigen Rhythmus von “The Magnificent Seven”. Diese bis in das tiefste Unterbewusstsein gehende Verankerung eines Genres, Zeitalters und einer Lebensweise schaffen nur wenige Komponisten, ironischerweise sehr häufig für den Film. Erst durch die massenhafte Verbreitung eines Mediums konnte sich ein Thema so prominent in den Ohren der Menschen festsetzen. Bernstein ist mit dem “Main Title” zu “Die Glorreichen Sieben” so ein ultimativer Ohrwurm gelungen, schon allein wegen dieser knappen zwei Minuten ist ihm ein Eintrag in den filmhistorischen Kompendien sicher.
Die Frage nach einer umfassenden Beschreibung und Bewertung stellt sich hier also gleich zu Beginn: Wie hoch ist ein solcher Klassikerstatus einzuschätzen? Und, noch viel wichtiger: Wie bestreitet Bernstein die restlichen 90 Prozent der Musik? Für die Beantwortung stehen einem seit 2004 eine fast komplette Veröffentlichung der Originaleinspielung und bereits deutlich länger eine ebenso vollständige Neuaufnahme zur Verfügung.
Bernstein beschreibt seinen Vertonungsansatz für den letzten Western vor dem künstlerischen Bruch als traditionell und vor allem von Energie und Rhythmus ausgehend. Damit greift er auf Mittel zurück, die sich vor ihm durch Max Steiner, Victor Young oder Dimitri Tiomkin bewährt haben und gemeinsam in Aaron Copland einen Vater in der amerikanischen Konzertmusik haben. Sein “Rodeo” stand besonders für Bernstein Pate, der den Orchestersatz seiner Vorgänger verschlankte und sich speziell dem Rhythmus und der fanfarenartigen Melodie widmete. Dieser Verzicht auf komplexe Ausschmückung oder, anders ausgedrückt, die Konzentration auf das Wesentliche sind auch neben dem Hauptthema wie ein roter Faden spürbar. Eine transparente Streicherfigur, meist als repetetiver Grundrhythmus fungierend, bildet die Basis für eine oder zwei markante Figuren vom Blech und viel Spiel der Pauken, Trommeln und sonstigen Percussions. Neben dem Hauptthema etabliert Bernstein gleich zu Beginn ein nervöses Spannungsmotiv aus acht (zumeist gleichen) Tönen. Dies kann er durch einfachste Instrumentierung zwischen unterschwellig bedrohlich und direkt Panik verbreitend variieren, in dem er die Intensität der Percussions und die Besetzung des melodieführenden Blechs anpasst.
In gleicher Weise setzt Bernstein das Orchester auch für seltene ruhige Momente ein, die größtenteils aus kurzen Holzbläsermotiven über einem Streicherarrangement bestehen. Entsprechend der Maxime der Kraft und Energie, die den Film mitreißen sollen, nehmen solche Ruhepunkte aber geringen Raum ein. Bedeutender ist die Einbindung mexikanischen Kolorites an vielen Stellen, was den Schauplatz der Geschichte der Glorreichen Sieben reflektiert. Dabei steht die etwas kulturbanalisierende Ethnounterhaltung mit Castagnetten und Gitarren neben dramatischen Aufarbeitungen im orchestralen Kontext. Letzteres erweist sich mit der rhythmischen Variabilität als deutlich spannender, vor allem wenn sich Bernstein den Klang der Trompete zu eigen macht, die sowohl im ursprünglichen Mariachi als auch im klassischen Orchester ihr Zuhause hat. Reizvoll ist besonders die pikante Verbindung aus Kolorit und packender Dramatik in “Toro”. Leider vermeidet Bernstein auch hier eine wirklich konsequente Vermischung der Stile, was letzendlich musikalisches Potenzial verschenkt.
Neben dem legendären “Main Title” hält Bernstein kein zweites Thema bereit, dass einen Counterpart bilden könnte. Das Spannungsmotiv ist zwar für die düsteren Momente von Bedeutung, steht aber im Schatten seines berühmten Bruders. So erweist sich auch für den kompletten Score das Hauptthema als zu dominant, als dass Bernstein diesen Wiedererkennungswert für die restliche Musik schaffen könnte. Die Melodie ist so einprägsam, dass selbst eine kleine Variation im Verlaufe des Films unmöglich scheint und es immer wieder in fast unveränderter Form auftaucht.
Das Fazit kann nur eine Mischung aus zwei Eindrucken darstellen. Das Hauptthema überstrahlt alles und gilt als die ikonenhafte Vertonung des Western schlechthin, es wäre falsch dies nicht als Leistung anzuerkennen und entsprechend zu bewerten (6 Sterne). Auf der Kehrseite der Medaille steht eine vergleichsweise konventionelle Untermalung mit leichten ethnischen Anleihen und ohne herausstechende innovative Lösungen (4 Sterne). Ein goldener Mittelweg zu 5 Sternen scheint das Beste, denn kompositorisch reicht es nicht für die Königsklasse. Eine uneingeschränkte Empfehlung für jeden Filmmusikfan bleibt aber dennoch als Schlusspunkt stehen. Ob dies mit der guten Neuaufnahme oder der ebenfalls gut klingenden Originaleinspielung geschieht, bleibt den persönlichen Präferenzen überlassen.
Jan Zwilling / 19.10.08
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