Kritiken
The Life Before Her Eyes (James Horner)
Lakeshore / 2008
Bewertung:

Manche Komponisten machen es dem Rezensenten nicht leicht. Der eine strickt einen derart komplexen Kosmos an Melodien und Orchestrationseinfällen, dass man sich fühlt wie ein Irrender im Labyrinth. Ein anderer wiederum präsentiert eine musikalische Ödnis, zu dem einem kaum mehr als drei Worte einfallen. James Horners Musiken sind in dieser Hinsicht von beiden Szenarien betroffen, frühere Science-Fiction- und Kinderfilme sprühten über vor Ideenreichtum, während viele andere Scores mit Einfallsarmut oder -recycling die Worte rauben. Jüngst schien es mit “The Spiderwick Chronicles” wieder aufwärts zu gehen, doch dann kündigte sich mit “The Life Before Her Eyes” die Musik zum zweite Film von Vadim Perelman an, für dessen Erstling “The House Of Sand And Fog” Horner bereits die Musik verfasste.
“The Life Before Her Eyes” ist eine Romanverfilmung nach der gleichnamigen Vorlage von Laura Kasischke. Die auf mehreren Zeitebenen spielende tragische Geschichte einer jungen Frau (Uma Thurman und Evan Rachel Wood) mündet in eine traumatische Situation (die mit den Ereignissen an der Columbine-Highschool verglichen wird), welche die Kausalitäten des Schicksals hinterfragt. Dieses verworrene Grundgerüst kleidet Horner in Töne, die nicht unbedingt zur Klarheit der Gefühle und Erzählstränge beitragen. Basierend auf einem vollständig synthetischem Klangteppich ist nur das Klavier ein menschlicher Bezugspunkt in der Musik, flächige Streicher lassen die Grenzen zwischen Verfremdung akustischer Instrumente und synthetischer Nachahmung verschwinden. Zusätzliches Element ist eine ebenfalls künstliche Frauenstimme, die wie eine gefangene Seele aus der Tiefe des Klangraumes hervortritt.
Klanglich bewegt sich Horner mit der Musik damit auf bekannten Pfaden. Während die pulsierende, dunkle und sich immer verschiebende Synthetik auf Klangexperimente von Thomas Newman ("White Oleander") hinweist, gelangt mit dem Klavier und den Vocalisen ein Nachhall von Horners eigenem “Titanic” in die Musik. Stimmungen bleiben dabei immer melancholisch, leicht undefinierbar und durch die wenigen Anhaltspunkte ausweglos. Das Klavier bleibt das einzig strukturierende Element im Score, es verschiebt die Atmosphäre von völlig trostlos bis hin zu leicht optimistisch. Thematisch hält sich Horner dabei bedeckt, selbst in etwas extrovertierteren Momenten wie “Becoming Close Friends” haben die Melodielinien eher etwas Improvisatorisches an sich, als den Anschein einer thematischen Entwicklung zu geben.
In diesen Bahnen fließt der Score eine knappe Stunde vor sich hin, erst mit dem letzten Titel ertönen extrovertiertere Töne. Mittels künstlicher Percussion und aggressiven Ostinati der Synth-Streicher ist der Beginn des Endes eine anstrengende, aufreibene Tortur, welche filmisch sicherlich ihr Pendant haben wird. Anschließend lässt Horner mit dem Klavier und den Keyboards ein leicht episches, verhalten optimistisches Finale zu. Ein (elektrisches) Cello gesellt sich zu dem bekannten Inventar und beschließt die Partitur etwas konturierter als sie sich die meiste Zeit gibt.
Eine absolute Einschätzung der Musik gestaltet sich schwierig, denn einerseits bewegt sich der Score nahe an der eingangs erwähnten völligen Ödnis, andererseits gelingt die sehr puristische Klangkonstruktion stellenweise ganz passabel. Wo in “White Oleander” hinter dem sphärischen Klangkonstrukt ein komplexer Vielklang künstlicher und akustischer Instrumente steht, bleibt hier freilich nicht viel zu entdecken. Für eine Sogwirkung, wie sie auch sehr einfach konstruierte Musik mitunter haben kann, fehlt hier der entscheidene Funke einer besonderen Klangkonstruktion oder eines melodischen Einfalls. So ist die CD letztenendes nur sehr bedingt empfehlenswert, zumal sich der durchschnittliche Horner-Fan schon allein durch die massive Klangsynthetik abgeschreckt fühlen dürfte.
Jan Zwilling / 30.04.08
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