Kritiken
The Libertine (Michael Nyman)
Michael Nyman Records / 2005
Bewertung:

England im 17. Jahrhundert – der Earl of Rochester (Johnny Depp) lebt ein verschwenderisches Leben, säuft, verprasst sein Geld und stirbt jung, um danach Anerkennung als Lyriker zu gewinnen. Diese kurze Biographie bildet den Hintergrund für den britischen Film „The Libertine“ (was auf deutsch „Der Freidenker“ bedeutet) des Regisseurs Laurence Dunmore. Der recht prominent besetzte Film aus dem Jahr 2004 lief bisher hierzulande noch nicht im Kino oder Fernsehen, trotz überwiegend positiver Filmkritiken.
Die Musik steuerte Michael Nyman bei, für den die Musik aus der Zeit, in der der Film spielt, nichts Unbekanntes ist, da er schon für diverse Filmprojekte ein ähnliches Zeitkolorit liefern musste.
Der Score ist in der für den Komponisten typischen Besetzung gehalten: ein kleines Streicherensemble, Klavier, ein paar Holzbläser und ein Saxophonquartett bilden, wie so häufig bei Nyman den Kern der Besetzung.
In den ersten Tracks werden bereits die Hauptmotive der Musik vorgestellt. Eine elegisch-melancholische Melodie, die abwechselnd von Klavier und Flöte vorgetragen wird („History of the Insipid“) eröffnet die CD mit sehr nachdenklichem Duktus, während der zweite Track durch lebhafte Streicherfiguren, die später auch um die für Nyman charakteristischen Saxophonklänge erweitert werden, eher den dekadenten Lebensstil des Earl of Rochester widerspiegeln. Die gelungenste Variante davon findet sich im Track „Signior dildo“, bei dem Nyman durch Addition immer neuer Stimmen ein komplexes Klanggewebe erzeugt.
Die Musik wartet aber auch mit einigen sehr klangschönen, einfach gehaltenen Kombinationen von Klavier und Streichern auf, z.B. „The Mistress“. Herrausstechend sind zwei Gesangstracks für Kontraalt. Bei einem gleitet die Stimmführung gewollt fast ins Dissonante ab.
Stilistisch betrachtet ist „The Libertine“ aber für Kenner von Nymans Musik ein alter Bekannter. Man bekommt das, was man von dem Komponisten erwartet. Gerade diesen pseudo-historisierenden Stil hat Nyman schon oft erfolgreich eingesetzt. Trotz gelungener handwerklicher Verarbeitung und einigen sehr schön anzuhörenden Momenten möchte ich deshalb keine Wertung über 3,5 Sternen vergeben.
Die CD ist auf Nymans eigenem Label Michael Nyman Records erschienen, dass dieser 2005 gründete. Hierzulande werden die CDs (die natürlich nicht nur Filmarbeiten umfassen) von Naxos vertrieben.
Jan Boltze / 16.07.07
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