[ Sie sind zur Zeit nicht eingeloggt. ] [ Registrieren oder Einloggen im Kontrollzentrum ]

Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

The Kentuckian / Williamsburg (Bernard Herrmann)

TFC / 2008

CD

Bewertung:


    The Kentuckian

    01. Prelude (01:50)
    02. The Stagecoach (01:18)
    03. The Jail (00:26)
    04. Daydreaming I (01:36)
    05. Decker (00:37)
    06. The Fromes (00:43)
    07. Trio (01:01)
    08. The Key (00:46)
    09. The Forest (01:12)
    10. Morning And Night (02:04)
    11. The Whip (00:42)
    12. The House (00:20)
    13. Hannah (00:55)
    14. The Pearl (01:21)
    15. The Bar (00:14)
    16. The Attic (00:59)
    17. Miss Susie (02:16)
    18. The Letter (00:57)
    19. The Loafer (00:25)
    20. Anger (00:18)
    21. The School (00:14)
    22. Daydreaming II (01:08)
    23. The Steamboat (01:03)
    24. Welcome Aboard (00:34)
    25. Supper (01:03)
    26. Nocturne (02:49)
    27. The Vigil (01:19)
    28. Confession (01:14)
    29. River Queen (00:36)
    30. Saloon Piano (01:47)
    31. The Gamblers (Piano) (00:33)
    32. The Captain (00:13)
    33. Scherzo (01:02)
    34. The Boy And Dog (00:44)
    35. The Drunk (00:33)
    36. The Rope (01:15)
    37. The Wheel (00:20)
    38. Victory (00:35)
    39. The Reproach (02:00)
    40. Boyhood’s End (03:42)
    41. The Boy’s Call (Horn) (00:17)
    42. Night Sounds (01:31)
    43. The Still (01:10)
    44. Awaiting (00:30)
    45. The Rifle (01:30)
    46. The Body (00:50)
    47. The Kill (00:13)
    48. Finale (01:27)

    Williamsburg

    49. Overture (02:09)
    50. Pastoral Prelude (02:45)
    51. Departure (00:38)
    52. The Street And The Inn (01:08)
    53. Barrel Organ Music I (01:31)
    54. Barrel Organ Music II (00:44)
    55. The House Of Burgesses (00:29)
    56. Treason (00:18)
    57. The Governor (00:57)
    58. Taxes (Scherzo) (01:03)
    59. The New Hat (00:43)
    60. Homecoming (01:06)
    61. Gown And Court (01:01)
    62. The Bench (00:37)
    63. The Palace (00:47)
    64. The Garden (01:06)
    65. The Mock Hanging (00:35)
    66. The Church (00:44)
    67. Royal Marines (00:41)
    68. The Drummer (00:44)
    69. Concord (00:39)
    70. The Park (00:37)
    71. Drafting (00:28)
    72. Finale (01:33)

    TT: 73 min

Bernard Herrmann gilt gemeinhin als der für modern geschulte Ohren zugänglichste Komponist des Golden Age. Üppige Romantizismen, wie bei Max Steiner oder Erich Wolfang Korngold üblich, erzeugen oft mehr Reserviertheit als die klaren und sparsamen Arrangements Herrmanns. Seine Musik hat stilistisch eindeutig den größten Nachhall in der zeitgenössischen Filmmusik, besonders deutlich zu hören im Thriller- und Horrorgenre. Trotzdem fällt es oft schwer, einen “Einstiegs-Herrmann” zu benennen, der auch die Vorstellungen schöner Melodien und warmer Klangfarben befriedigen kann. Im Jahr 1955 komponierte er gleich zwei dieser Musiken: “The Trouble With Harry” und “The Kentuckian”. Beide Filme weisen einen deutlichen Bezug zu der Landschaft auf, in der sie spielen. “Immer Ärger mit Harry” ist eine Liebeserklärung an das herbstliche Neuengland, während “The Kentuckian” irrtümlicherweise wegen seiner vielen Szenen in den Weiten Kentuckies und Texas’ als Western durchging.

Der Film ist heute vor allem bekannt als eine von zwei Regiearbeiten von Burt Lancaster und als Durchbruch von Schauspieler Walter Matthau. Die Handlung, eine Adaption des Romans “The Gabriel Horn” von Felix Hold, spielt im Jahr 1820 an der damaligen “Außengrenze” der USA in Kentucky. Es gibt keine Schießereien, keine Saloons oder ruhmreiche Cowbows - es sind vor allem die Suche von Lancasters Figur nach Unabhängigkeit und Freiheit in der Wildnis und die spektakulären Vista-Landschaftsaufnahmen von Ernest Laszlo, die den Film zu einem Western machen. Dennoch bleibt “The Kentuckian” ein waschechtes Drama, mit Vater und Sohn, Bösewicht und gebrochenem Held, mit Gefühl und Verstand.
So bleibt auch für Bernard Herrmann kein “echter” Western in seiner Filmographie. “The Kentuckian” ist dennoch nahe genug an prägenden Stilistiken des Genres, um in dem geborenen New Yorker eine Auseinandersetzung mit der Natur und der klassischen Americana zu bewirken. Herrmann adaptierte die Ausdrucksformen von Aaron Copland und Jerome Moross, verformte sie aber zusammen mit seinen eigenen Ideen zu einem kleinteiligen, modernen und herausfordernden Konglomerat. Schon für die CBS Radio Station beschäftigte er sich mit der Umsetzung von Landschaft in minimalistische Tongemälde. Dabei entdeckte er vor allem außergewöhnliche Kombinationen von Blasinstrumenten, komplexe Rhythmen mit indianischem Ursprung und die Kontrastierung von volkstümlichen Melodien und harschen Instrumentationen für sich. Die Seele seiner Musik blieb auch für die amerikanischsten aller Themen der Kühle von Ralph Vaughan Williams oder Mahlers Adagio der Zehnten treu. Letztere wird treffenderweise im Booklet als hauptsächliche klangliche Referenz für die melodischeren Teile der Partitur benannt.

Hermann beginnt den Film mit einer markanten Fanfare für vier Hörner, die zwar melodisch einprägsam ist, aber kein Vergleich zu schwungvollen und ausladenden Westernthemes von Elmer Bernstein darstellt. Die knappe, rhythmisch treibende Figur hat keinen eingebauten Panorama-Effekt, sie kehrt in ihrer Kürze immer wieder zur pivotalen Quinte zurück. Die vier Hörner werden abgelöst von zwei Oboen, später werden Fragmente des Themas zwischen beiden Gruppen hin und her geworfen. Erst dann kommen Streicher hinzu und geben vor allem rhythmische Gegenparts. Eine Nebenmelodie der Streicher verweist dann auf die volkstümlichen Ursprünge der Musik. Zusammen mit Holz und Cymbals wirkt es optimistisch und einfach, die delikate Orchestration bindet es aber an die dunkleren Teile der Musik. Die kurze und knappe Einführung beendet Herrmann auf typische Weise: Tiefe Holzbläser reiben sich in zwei auseinanderdriftenden Melodielinien und erzeugen ein sehr differenziertes Gefühl des Unbehagens ob der Dinge, die geschehen werden.
Die enorm transparente Orchestration, ein Markenzeichen des New Yorkers, bleibt prägendstes Stilmittel der Komposition zu “The Kentuckian”. Seine instrumentatorische Ökonomie zeigt er auch für diesen Film, kann er doch ein vielfältigstes und abwechslungsreiches Panorama unter Einsatz oft weniger Mittel erreichen. Das Panorama für “The Kentuckian” ist dabei deutlich lyrischer als gewohnt. Erstmals offensichtlich wird dies im Titel vier, in der Herrmann eine warme Melodie für die Sehnsüchte und Träume der Hauptfigur vorstellt. Geteilte Streicher, Klarinettensolo und ein angenehm langer Melodiebogen machen dieses Thema zu einem für Herrmann untypisch emotionalen Stück. Eine kurze Passage für hohe Streicher erinnert sogar an die spirituelle Reinheit der Erscheinungs-Szene in Alfred Newmans “The Song Of Bernadette”. Das Thema erweist sich im Verlauf der CD als heimliches “Main Theme”, da es weit präsenter ist als die Titelfanfare. In “The Forest” und “The Pearl” lotet Herrmann die pastoralen Seiten des Themas aus, spielt mit Harfenarpeggien, Celesta und herrlichen Variationen von der Oboe. In “Morning and Night” und “Nocturne” gibt er der Melodie mit einem dunklen Solo-Horn einen nachdenklichen Anstrich. Exquisit ist auch seine Variation in “Daydreaming II”, in der eine Solovioline, eine Solo-Klarinette und zwölf Streicher feinsinnig und nostalgisch glänzen - die Stimmung und Instrumentation nahm Franz Waxmann Jahre später für die Geburtsszene in “Cimarron” in ähnlicher Weise auf.

Trotz des weitläufigen Wohlklangs hält die Musik selbstverständlich auch herbere Momente bereit. “The Whip” verformt das Fanfarenthema schrittweise zu einem dissonanten Stück, das mit der Bassklarinette herrmanntypisch ausklingt. Mit “The Steamboat” wird es wilder, Herrmann lässt die Hörner in jazzig-vertrackten Rhythmen spielen, spitze Holzbläser setzen feine Attacken und Celli und Bässe wirbeln kraftvoll. Schnell springt das Stück zwischen reitfähiger Fanfare und deformiertem Tanz hin und her, ein hervorragendes Beispiel für Herrmanns Versuch, die Traditionen des Genres in seine Ausdrucksweisen zu überführen.  In “Scherzo” zeigt sich diese Herangehensweise erneut, wenn Herrmann in die rhythmisch formalisierte Form eine enorme Beweglichkeit des Holzes und der Pauke einbringt. Im Finale nehmen die unverhohlen aggressiven Seiten der Musik Überhand. Tiefes Grollen der Pauke, Blechcluster und viel Arbeit für Celli und Kontrabässe bedeuten die Titel “The Rope”, “The Rifle” und “The Kill”. Die Klangpalette wird durch gestöpfte Hörner, eine Viola, Harfenarpeggien und Herrmanns typische reibenden Holzbläser-Doppellinien ergänzt. Hier sind wir wieder auf dem Stammland des Komponisten, dennoch schafft er hier eine besondere Färbung der herben Musikanteile. Tänzerische Rhythmen tauchen als Derivate immer wieder auf und die vormals zur pastoralen Stimmungsmalerei verwendeten Oboen, Klarinetten und English Horn zeigen ihre ambivalente Einsetzbarkeit.

Die CD von Tribute Film Classics ist die erste komplette Neueinspielung der Musik nach einigen Suitenaufnahmen. Die umfassendste integrierte John Lasher in seinen Sampler “The Inquirer”. Die Komplettaufnahme zeigt aber eindrucksvoll, dass keine Sekunde der Musik und keine Note der Partitur überflüssig und verzichtbar ist. Obwohl in der Filmographie Bernard Herrmanns sicher nicht die Spitze, erweist sich “The Kentuckian” als brillant orchestriert, melodisch überzeugend und stilsicher. Trotz der Fragmentierung durch die Kürze der Titel ergibt sich ein erstaunlicher Fluss in der Musik. Die aufnahmetechnische Qualität der CD ist nach den drei Referenzproduktionen von TFC kaum noch einer Erwähnung wert. Auch hier ist in Abbildung, Räumlichkeit und Detailtreue ein absolutes Optimum erreicht worden. Phänomenal!
Gekoppelt ist die Aufnahme mit der kompletten Einspielung der Musik zur Dokumentation “Williamsburg: The Story of a Patriot”. Herrmann konnte in der rund 20-minütigen Suite seine Liebe zu frühklassizistischer Musik verwirklichen. Schwungvolle Tänze, galante Figuren von Holz und Streicher und eine traditionelle Instrumentation prägen diese Musik im Stile des 18. Jahrhunderts. Herrmann arbeitet komplett authentisch mit einem vergrößerten Kammerorchester und typischen Arbeitsweisen bei der Themenverarbeitung. So wird für die meisten Filmmusikfans diese Musik nur eine Dreingabe bleiben, denn eine Dramaturgie im filmischen Sinne hat “Williamsburg” nicht. Nichtsdestoweniger ist der Score technisch eine kleine Perle und zeigt Herrmann von einer komplett anderen Seite. Jahre später konnte er diesen Stil für “The Three Worlds Of Gulliver” noch einmal aufnehmen.

Am Ende bleibt (mal wieder) eine eindeutige Empfehlung für eine Neueinspielung von Tribute Film Classics. Für Herrmann-Einsteiger eignet er sich besonders, denn sowohl “The Kentuckian” als auch “Williamsburg” zeigen den Komponisten von einer wenig bekannten Seite. Der “Western” entwickelt erstaunliche melodische Anziehungskraft, die Dokumentation beleuchtet die klassischen Vorlieben des Komponisten. Im Paket mit dem hervorragenden Booklet und der überragenden Aufnahme und Mischung kommt man auch an der vierten TFC-CD nicht ernsthaft vorbei.

Jan Titel / 10.11.08

Nutzer-Kommentare anzeigen

Zu diesem Beitrag existieren aktuell 0 Nutzer-Kommentare. Letzter Kommentar: - .

» Alle Kommentare anzeigen

Nutzer-Kommentar hinzufügen

Um Nutzer-Kommentare zu erstellen, müssen Sie eingeloggt sein. Klicken sie auf Kontrollzentrum, um sich einzuloggen oder einen Account zu erstellen.