Kritiken
The Journey of Natty Gann (James Horner)
Intrada / 2009
Bewertung:

Das Ende der “Nuller-Dekade” bot in vielerlei Gesichtspunkten Anlass zur Nostalgie. Waren es die Ökonomen, die sich sehnsüchtig an Zeiten vor der Wirtschaftskrise erinnerten oder Klimaforscher, die die knapp 20 Jahre nach der Klimakonferenz von Rio de Janeiro noch einmal effizienter über die Bühne bringen wollten. Auch in der Filmmusik ist dieses Gefühl weit verbreitet, sei als als einfache Hoffnung auf explosive Kreativität wie vor 10 Jahren mit Don Davis’ “Matrix” oder als sentimentaler Rückblick auf John Williams’ hochkreativer Schaffensperiode um 1980. Warum gerade runde Jubiläen unserer Zeitrechnung solch retrospektive Folgen haben, ist rational nicht zu erklären - anhand ihrer lässt sich allerdings weit verlässlicher über den aktuellen Zustand (beispielsweise der Filmmusik) aufklären als über die oftmals verklärte “gute alte Zeit”.
Für Fans von James Horner ist die “gute alte Zeit” jedoch mehr als eine aufgehübschte Erinnerung, die langsam vergilbt. Wie kaum ein Zweiter verkörpert der Amerikaner einen Qualitätswandel vom hoffnungsvollsten und talentiersten Jungkomponisten Hollywoods zum Produzenten generischer Dutzendware. Anders als bei vielen seiner Kollegen, die in heutigen Zeiten wohl aus kommerziellem und künstlerischen Druck hochstandardisierte Vertonungen abliefern, wird Horners kreative Evolution vor allem auf seinen eigenen Sinneswandel zurückgeführt. Ehrgeiz, Phantasie, Ausdruckskraft - all dies scheint Horner abhanden gekommen zu sein, obwohl diese seine Filmstoffe durchaus zulassen würden. Der Dekadenwechsel, und wieder ist es eigentlich ein Zufall, zeigt die Diskrepanz noch offenkundiger als jemals zuvor. Während sein vielversprechendes Prestigeprojekt “Avatar”, für das er sich immerhin mehr als ein Jahr zeit lies, im Grunde enttäuschte, erschienen 2009 eine Handvoll Filmmusiken aus den Jahren 1983 bis 1993 erstmalig oder erweitert auf CD. Ist das “Horner-Jahr 2009” also ein eindeutiger Fall für ungehemmte Nostalgie?
Die CD-Erscheinung der Musik zu “The Journey Of Natty Gann” spricht für ein eindeutiges Ja in dieser Frage. Zum einen handelt es sich bei der Abenteuermusik zum Disney-Spielfilm von 1985 um einen der absoluten “holy grails” der Horner-Aficionados, zum anderen beweist sie fast schmerzhaft deutlich, wie versiert und ehrgeizig der Komponist vor knapp 25 Jahren noch war. Sie ist eine authentische und beseelte Mischung aus sanften, variantenreichen Streicherstimmen, Holzbläsersoli und einer kleinen Prise Folk-Pop - alles zusammengehalten von einem länglichen, charismatischen Hauptthema. Ähnliches versuchte Horner später noch häufiger, etwa in “The Spitfire Grill” oder zu Teilen auch in “Iris” oder “Legends Of The Fall”, in keinem dieser Scores erwies sich das Rezept jedoch als so zündend wie in “Natty Gann”.
Der zugehörige Film machte es Horner in seiner wohl kreativsten Phase einfach, denn er ist reich an möglichen musikalischen Anknüpfungspunkten. Er spielt während der Depressionszeit in Chicago, verlagert den Handlungsmittelpunkt mit der Hauptfigur Natty Gann jedoch schnell in die Wälder des nördlichen Amerikas. Natty sucht ihren Vater und findet Freundschaft in dem Jugendlichen Harry und einem zahmen Wolf. Unterkühlte Landschaftsaufnahmen und menschliche Wärme bilden die beiden Gegenpole dieses eher untypischen Disneyfilms, der sich auch vor harschen Implikationen der Geschichte nicht scheut. Nattys Lage ist im Grunde bedrückend, ihre Heimatstadt voller krimineller Energie. Auch auf ihrer Suche stellen sich mehr Steine in den Weg als gewohnt. Der Film brachte es wohl auch deshalb zu keinem Erfolg an den Kinokassen, im Jahr 1985 steht er mit knapp 10 Millionen Dollar Einnahmen an Platz 87 der Jahresliste. Dennoch ist er für Horner wie gemacht, denn schon immer wirkte die Kombination von Landschaft und Emotion eher inspirierend. So auch bei “The Journey Of Natty Gann”, welchen er nach der Ablehnung des Scores von Elmer Bernstein vertonen sollte. Dieser hatte seinen Score bereits aufgenommen, konnte die Produzenten mit seiner breitpinsligen Abenteuermusik nicht überzeugen.
Horners Score gründet sich auf ein normalgroßes Sinfonieorchester, welches allerdings zu zwei Dritteln der Partitur mit kleineren Ensembles auftritt. Referenzen sind in gewohnter Weise Ralph Vaughan Williams, Samuel Barber oder auch - auf die Streicher bezogen - Gustav Mahler. Omnipräsent sind die von Horner variabel eingesetzten Streicher, für die er oft mittels geschickter Teilung der Stimmen reizvolle Klänge komponiert. Solistischer Begleiter ist am häufigsten eine Doppelspitze aus zwei Holzblasinstrumenten, eines davon fast immer die Querflöte. Beide Holz-Stimmen weichen in ihren melodischen Linien oft nur gering von einander ab, woraus sich ein faszinierender Effekt ergibt. Ähnlich wie die Streichersätze wirken diese Einsätze dadurch vielerorts vielschichtig und ungemein gefühlvoll. Horner trifft damit den Ton zur Charakterisierung der jungen Hauptigur optimal.
Klangprägend sind aber auch die vielen instrumentatorischen Ergänzungen: Aus dem sinfornischen Spektrum treten Harfe, Klavier und Konzertgitarre hervor, zudem arbeitet Horner mit Mundharmonika, Dulcimer, Cymbalon und an einer Stelle mit Shakuhachi. Dies bewirkt, dass die Musik fast in Gänze einen folkloristischen Anstrich bekommt, der auf dem Papier den Hobbit-Passagen aus “The Lord Of The Rings” nicht unähnlich ist. Im Unterschied zu Shore verzichtet Horner jedoch auf jegliches Tänzerische in seiner Partitur, sondern nutzt die Folk-Instrumente innerhalb seines sinfonischen Klangspektrums. Auch dafür gebührt ihm ein eindeutiges Lob, denn in Kombination mit den oft in hohen Lagen spielenden Streichern und Holzbläsern kreiiert er mühelos eine authentische, frische und facettenreiche Grundstimmung.
Seine Wirkung entfaltet der Score jedoch - hier wieder ganz Disney - mit dem einprägsamen Hauptthema, welches große Teile der Partitur bestimmt. Die viele Takte umfassende, narrative Melodie ist eine von Horners besten Kreationen, zum Einen wegen der Unverwechselbarkeit und zum zweiten wegen der Wandlungsfähigkeit. Im Gegensatz zu späteren Themen von “Braveheart” bis “The Missing” erweist es sich als Unikat und wird auf erfrischende Weise immer wieder variiert. Lediglich der zweite Teil des Themas taucht später als Garnitur in “A Land Before Time” ein zweites Mal auf. Da Horner jedoch durch den zweiteiligen Aufbau des Themas großen interpretatorischen Spielraum hat, fällt dies kaum auf. Gleich im “Main Title” präsentiert er nach einer kurzen Eröffnung das komplete Thema mit Trompete und Mundharmonika, um es anschließend fließend durch die Instrumente wandern zu lassen. Besonders der zweite Teil des Themas schwingt dabei in den Streichern attraktiv auf und ab, zugleich sorgen pastorale Hörner, Harfe und leichte Rhythmisierung mit Grundschlag für erwähnte Landschafts- und Folkassoziationen. Der detailreiche Eindruck der Musik ist zudem Resultat der vielstimmigen Melodieführung - Horner stellt der Leitmelodie häufig eine eigenständige zweite Stimme als Kontrapunkt zur Seite. Klangprächtig wird das Thema in “Reunion - End Title” und dem energischen Track “Freight Train” interpretiert, wo das Orchester einen Zug imitierend in immer schnellere zyklische Bewegungen des Klaviers einstimmt. Häufiger aber sind die introvertierten stimmungsvollen Interpretationen, etwa in “Goodbye” mit sonorer Begleitstimme der Celli oder besonders feinsinnig in “Leaving”. Hier zeigt Horner mit zarten Streicherklängen, mehrfach geteilt und in hohen Lagen, und erwähnten Bläsersolisten die beste Seite der Musik - unverhohlen emotional und dennoch so raffiniert gestaltet, dass mehr zurückbleibt als der bloße Effekt. Nostalgie in seiner besten Form.
Nicht zuletzt hält “The Journey Of Natty Gann” auch packendere Momente bereit, für die Horner zum Teil auf etablierte Americana-Standards rekurrierte. So erklingen in den Titeln “Rustling” und “Into Town” tänzerische Fiddeln, große Trommeln und wuchtige Blechbläsersetze. Durch die schnellen Streicherwirbel und die endlose Wiederholung wirken beide Einlagen generisch, im Falle von “Rustling” ist der Weg zu Coplands “Rodeo” nur ein Steinwurf. Effizienter sind hingegen kurze düstere Passagen wie den abschließenden Takten ebenjenen “Rustling” oder dem Bonustrack “Riding The Rails”. Etwas heiterer, aber ebenso dynamisch ist der Titel “Getting There”, in dem besonders das Klavier rhythmisch hervortritt und gemeinsam mi Blech und Harmonika einen ähnlichen Drive erzeugt wie “Freight Train”.
Am Ende der übersichtlichen 43 Minuten Score lässt sich das eingangs geäußerte Ja noch unterstreichen. Das Horner-Jahr 2009 ist schlussendlich nur in seinen retrospektiven Anteilen gelungen. Die Neuveröffentlichungen zeigen den Komponisten in guter bis sehr guter Verfassung, seine letzte wirklich überzeugende Arbeit von 2009 zurückgerechnet liegt hingegen schon 10 Jahre zurück. “The Journey Of Natty Gann” darf jedoch zu den interessantesten, wenngleich auch vielleicht nicht zu den herausragenden Arbeiten Horners gezählt werden. Der Score besitzt nicht die Expressivität und Farbigkeit von “Star Trek II” oder das künstlerische Risiko von “Brainstorm”, punktet jedoch mit gefühl- und gehaltvoller Sinfonik mit Folk- und Americana-Einflüssen. Das charismatische Hauptthema in seinen dutzend Variationen dürfte sein übriges tun: Früher war wohl doch alles besser - außer die Einspielergebnisse.
Jan Zwilling / 11.01.10
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