Kritiken
The Great Miracle (Mark McKenzie)
Doz Corazones / 2011
Bewertung:

Dem 3D-Film wurde vor gut zwei Jahren wieder neues Leben eingehaucht und seit James Camerons unberührbarem „Avatar“ hat die Welle des dreidimensionalen Films kein Ende genommen. Dabei ist die 3D-Technik so neu wie die Feststellung, dass die Erde eine Kugel und nicht etwa eine Scheibe ist. Seit es das Medium Film gibt, wird mit 3D experimentiert, denn bereits in den späten 1890ern meldete der britische Filmpionier William Friese-Greene ein Patent auf sein neuartiges Verfahren an, das zum ersten Mal 1922 in dem heute verschollenen Film „The Power of Love“ seine Anwendung fand. Wie kommt es nun, dass sich der 3D-Film – im Gegensatz zu Farbe und Ton – nie komplett durchgesetzt hat? Weder nach der Premiere 1922, noch in den 50ern, in denen das Phänomen mit Filmen wie „Das Kabinett des Professor Bondi“ wiederbelebt wurde, noch in den 80ern mit heute längst vergessenen Science-Fiction-Filmen? Während Filmwissenschaftler sich darüber den Kopf zerbrechen und in Abhandlungen beschwören, dass sich auch mit „Avatar“ der 3D-Trend nie komplett durchsetzen wird, produziert man vor allem in Hollywood weiterhin fleißig dreidimensionale Filme mit Vorliebe für Animationsstreifen.
Doch diese sollen nun Konkurrenz bekommen aus dem kleinen Land Mexiko, indem nun der erste dreidimensionale Animationsfilm produziert wird, der den Titel trägt „El Gran Milagro“ – mit einer Partitur von Mark McKenzie, um den es in den letzten Jahren recht still geworden ist, ohne damit behaupten zu wollen, dass der begabte Orchestrator und Komponist jemals viel Lärm um seine Person gemacht habe.
Trotz kostspieliger Animationen war anscheinend noch ein ausreichendes Budget für ein Orchester vorhanden, denn McKenzies Musik präsentiert sich komplett orchestral. Die verschiedenen Instrumentengruppen präsentieren eine der elegantesten und thematisch reichhaltigsten Filmmusikpartituren der letzten Jahren, die der westliche Kontinent hervorgebracht hat – auch wenn es sich mit Mexiko nicht um die (Alb)traumfabrik Hollywood handelt.
Das Hauptthema zu „The Great Miracle“ scheint hierbei zwar zunächst weniger einprägsam als das seines in letzter Zeit oft erwähnten Kollegen John Powells, der mit „How to Train a Dragon“ für eine der großen Überraschungen des Filmmusikjahres 2010 sorgte. Doch McKenzies Melodie erweist sich im Verlauf der Musik als wandlungsfähiger und variationsreicher, wobei das kompositorische Geschick des ehemaligen Danny Elfman-Orchestrators bereits im ersten Track „Entering the Cathedral“ deutlich wird. Hier wird das lyrische, zunächst von den Streichern vorgetragene Thema vorgestellt, ehe sich ein Kontrapunkt der Bläser herausbildet, sich immer mehr in den Vordergrund drängt, bis das anfängliche Thema der Streicher in den Hintergrund rückt, sodass eine Unterscheidung zwischen Hauptmelodie und Kontrapunkt unmöglich wird und beide Themen auf diese Weise geschickt verschmolzen werden.
Darüber hinaus arbeitet McKenzie mit diversen Themen, Motiven und Melodien, die er teilweise nochmal aufgreift und variiert. Ein düsteres Kampf-Motiv wird in „Angels, Demons and Prayers“ vorgestellt, doch trotz dieser Schlachtenhymne bleibt „El Gran Milano“ ein eher ruhiges Höralbum, das in den größten Teilen von einer schweren Melancholie durchzogen ist. Die Highlights der Musik sind die Chorstücke – gerade das lateinische „Benedictus Deus“ für Knabenchor sticht in seiner schlichten Eleganz und einer starken Melodie hervor, das zwar als reines Chorstück beginnt, sich dann jedoch zur vollorchestralen Hymne steigert. Die Themen sind hierbei nie derart offensichtlich, dass sie sich unmittelbar einprägen, doch gerade das ist es – verglichen mit einem wesentlich prägnanteren „How to Train a Dragon“ – was diese Musik derart reizvoll macht, denn auf diese Weise werden häufige Hördurchgänge zu einer lohnenden Angelegenheit, bei der man immer Neues zu entdecken vermag.
Trotz der Themenvielfalt kann Mark McKenzies Partitur nicht über die gesamte Laufzeit fesseln und offenbart zwischendurch einige kleine Leerläufe, in denen sich der Komponist immer wieder mit simplen Streicherbögen zufrieden gibt oder in „A Clean Soul“ schlicht Johann Sebastian Bachs „Präludium“ zitiert – nicht etwa vorgetragen von einem Klavier oder einem Cembalo, sondern transkribiert für Harfe, begleitet von den omnipräsenten Streichern, ehe ein neues Thema dem ansonsten nicht sonderlich einfallsreichen Track zur Rettung eilt.
Insgesamt präsentiert sich mit „El Gran Milagro“ jedoch eine sehr farbenfrohe, lyrische und themenreiche Musik, der nur zu wünschen ist, auch von der breiten Öffentlichkeit (der Filmmusikgemeinde) gebührend wahrgenommen zu werden, denn McKenzie beweist hier einmal mehr, dass er den Vergleich mit vielbeschäftigten Hollywood-Komponisten nicht zu scheuen braucht.
Stephan Eicke / 18.03.11
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