Kritiken
The Gospel Of John (Jeff Danna)
Varese / 2003
Bewertung:

Historische Filme mit biblischem Hintergrund erlebten ihre Hochzeit in den späten fünfziger Jahren, als Mammutprojekte von “The Robe” (1953, Musik: Alfred Newman) bis “King Of Kings” (1961, Musik: Miklos Rozsa) sowohl in der Zuschauergunst als auch bei den Kritikern hoch im Kurs standen. Oft verbunden mit grandiosen Massen- und Schlachtszenen, aufwändigen Kulissen und Kostümen, stellten sie an die Musik Anforderungen, deren Auswirkungen das Genre bis in die Gegenwart nachhaltig beeinflusst haben. Neben oben genannten sind vor allem viele Vertonungen von Miklos Rozsa ("Ben Hur”, “Quo Vadis"), Alfred Newman oder Franz Waxman noch heute eine Referenz.
Zur Weihnachtszeit 2003 schien sich mit den erschienenden Filmen “The Gospel Of John” und “The Passion” eine kleine Renaissance der Bibel als berühmteste Romanvorlage anzukündigen. Mittlerweile hat sich die Aufregung um Gibsons Interpretation gelegt, aber der Stoff ist weiterhin interessant („The Nativity Story“). Für uns Anlass genug, die großen Unterschiede in der musikalischen Untermalung historisch-ethnischer Stoffe zwischen heute und damals unter die Lupe zu nehmen. Jeff Danna, ebenso wie sein Bruder Mychael bekannt für seinen Faible für korrekte ethnische Settings, schrieb die Musik zu „The Gospel Of John“, erschienen bei Varese.
Das Stilbild Rozsas oder Newmans schöpfte seine archaische Ausstrahlung vor allem aus zwei Dingen: zum Einen arbeiteten sich die Golden Age Komponisten weitaus detaillierter in die Musikhistorie des jeweiligen Schauplatzes ein als heute, was es ihnen ermöglichte, Motivfragmente und bestimmte formelhaft-typische Melodieteile zu finden und sogar harmonische und rhythmische Strukturen in ihre Arbeit zu integrieren. Zum Anderen ist typisch, dass die daraus gewonnen Vorlagen fast komplett auf den traditionellen sinfonischen Apparat übertragen wurden. Die heutige gängige Herangehensweise an Filme dieser Art nimmt den umgekehrten Weg: der massive Einsatz von ethnischen Instrumenten in Verbindung mit romantisch-standardisierter Sinfonik soll den Zuhörer an den richtigen Ort zur richtigen Zeit führen. Die Duduk-Einsätze in Hans Zimmers “Gladiator” oder die mittelalterlichen Instrumente in “Luther” von Richard Harvey sind anschauliche Beispiele. Jeff Danna, der im Umgang mit ethnischen Instrumenten geübt ist ("Green Dragon"), beschritt eindeutig den für den Gegenwart typischen Weg - mit einigem Erfolg.
Ähnlich wie Rozsa betrieb Danna vor dem Beginn seiner eigentlichen Arbeit umfangreiche Studien, vor allem in der Suche nach für die Zeit der Handlung um das Jahr 0 typischen nahöstlichen Instrumenten. Er integrierte vor allem verschiedene ethnische Flöten, das zither-ähnliche Santuri und lautenartige Instrumente in seine Musik. Am wichtigsten scheint das hebräische Blasinstrument Shofar mit seinem vollen und trotzdem luftigen Klang - eins der wenigen Instrumente der damaligen Zeit, das heute noch benutzt wird.
Wie oben beschrieben, nutzt Danna jedoch das klassische Orchester mit den harmonischen und melodischen Strukturen der Romantik als Ausgangspunkt seines Konzeptes. Besonders auf die Streichersektion legte er großen Wert und entwarf eine voll klingende, gediegene und durch gutes Handwerk gehaltvolle Grundlage für seinenn Score. Vor allem tiefe Streicher geben den Grundton, sie spielen langsame, fließende Melodiebögen und werden nur gelegentlich durch das Blech klanglich unterstützt. Fast in der gesamten Musik wird dies ergänzt durch die vielfältigen Einlagen der alten Instrumente - in der Synthese der Instrumente erweist sich Jeff Danna weitaus geschickter als Hans Zimmer oder auch James Horner in “Die Vier Federn” (2002). An einigen Stellen der Musik, die dramatischere Stellen des Films unterlegen, nimmt das Orchester mit gekonnter aufrüttelnder Musik die Oberhand - in fast hermannesquer Manier spielen sich Streicher und Blech kurze Motive zu.
Ein prägnanter Einfall Dannas ist noch die Frauenstimme von Esther Lamandier, eine israelitisch-französische Opernsängerin. Ihre Einlagen sind eher typisch für liturgische Musik des Mittelalters oder auch Opernarien und passen somit nur bedingt in das musikhistorische Konzept. Der klangliche Eindruck überzeugt aber durchaus und unter der Sichtweise, dass die Geschichte der Verbreitung des Christentums vor allem eine Geschichte des europäischen Mittelalters und der Renaissance ist, erscheinen die Vokalisen auch wieder sehr passend.
Thematisch hält sich Danna im gesamten Verlaufe seiner Musik recht bedeckt - der Score ist zwar recht melodiös und harmonisch gehalten, doch prägnante Motive mit Wiedererkennungswert sind rar gesät. Auch in diesem Punkt grenzt sich seine Vertonung deutlich von den Stilismen Miklos Rozsas ab.
Fazit: Die Veröffentlichung der Musik zu “The Gospel Of John” ist im eher schwachen Jahre 2003 zu den Highlights zu zählen. Danna entwarf eine eingängige und stilvolle Untermalung, die durch Eleganz und Atmosphäre besticht. Sein Handwerk ist durchaus solide zu nennen, auch wenn die Konzeption technischen Fähigkeiten eher wenige Möglichkeiten gab, sich auszuzeichnen. So bleibt am Ende eine eindeutige Empfehlung.
Jan Zwilling / 08.02.07
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