Kritiken
The Golden Compass (Alexandre Desplat)
Decca / 2007
Bewertung:

Die Verfilmung der “Herr Der Ringe” Trilogie hat sowohl Freunde als auch Feinde, gleiches gilt für die Musik von Howard Shore. Doch ob zu pompös, zu einfach gestrickt oder genau passend - eines muss man den Filmemachern und dem Komponisten zugestehen: sie prägten die Erwartungen breiten Masse der Filmfans und Filmmusikhörer nachhaltig. So kommt keine Fantasy-Verfilmung ohne Parallelen und Vergleiche mit Mittelerde aus und auch jeder neue Score des Genres muss sich, freiwillig oder nicht, mit Howard Shore messen lassen. Welche Dominanz diese Vorbilder gut sechs Jahre nach dem Kinostart des ersten Teils haben, wird auch an den Debatten zur Vertonung von “The Golden Compass” deutlich. Befürworter genauso wie Skeptiker von Shores Konzept nutzen seinen Stil als Argumentationshilfe, der Score von Alexandre Desplat ist entweder zu sehr wie “Herr der Ringe” oder zu wenig, und das sei gut oder schlecht.
Der Film “The Golden Compass” rief beim Publikum eher Irritationen als Bauklötze zum Staunen hervor. Es handelt sich um den ersten Teil einer Fantasyroman-Reihe von Philipp Pullman. Seine Chroniken “His Dark Materials” stehen in dem Ruf, sehr handlungsbezogen, tiefgründig und sogar philosophisch angehaucht zu sein. Der Autor spielt mit bekannten Motiven wie Unterdrückung durch mysteriöse Organisationen, Parallelwelten, kindlicher Unschuld und dem Reiz des Bösen. Für das Kino wurden natürlich die Schauwerte der Geschichte ausgekostet, was Anhänger des Buches als Verflachung auffassten - Unkundige war die Story dennoch zu wirr und mit allerlei Merkwürdigkeiten durchsetzt, die dem Genuss des Films stark im Wege standen.
Als Komponist wurde der Franzose Alexandre Desplat ausgewählt, der bereits im Juli 2007 im Interview mit Original Score erklärte: ”Die Musik wird episch, ausladend und symphonisch. Ich möchte gleichermaßen aber auch persönlich und subtil sein. Ich muss meinen eigenen Weg finden, aber in einer Dimension, in der ich vorher nie gearbeitet habe – ich musste noch nie einen epischen Zweistunden-Score unter dem riesigen Druck eines Hollywoodstudios schreiben. Ein wenig furchteinflößend, aber es wird eine wundervolle Erfahrung werden.” Der Komponist von wundervollen Musiken wie “De Battre Mon Coeur S’Est Arrêté” und “The Queen” schien eine sehr ansprechende Wahl zu sein. Die Fans des “Herr der Ringe” Opus’ erwarteten eine grandioses musikalisches und die Zweifler hofften auf mehr Zurückhaltung und Substanz. Doch lösen wir uns von den Vergleichen, denn mit Howard Shore hat die entstandene Musik doch recht wenig gemeinsam.
Desplat komponierte wie angekündigt für ein großes Sinfonieorchester und nutze die Palette der Instrumente auch weitreichend aus. Sein Orchestersatz ist aber durchaus vielschichtig und transparent gestaltet, die Größe der Besetzungen wechselt häufig und einzelne Klangkonstruktionen stehen stark im Vordergrund. Richtig laut wird es nur an wenigen Stellen, in denen das Orchester wohldosierte Ausbrüche zum Besten geben darf. Im großen und ganzen bleibt “The Golden Compass” damit Desplats Personalstil verhaftet, die durchaus farbigere Instrumentenpalette überdeckt nicht den zum Teil minimalistischen Grundaufbau, den rhythmischen Satz der Holzbläser und vor allem die grazilen Klangspielereien der Streicher.
Auf den ersten Blick abschreckend wirkte für viele, dass die Musik thematisch eher subtil aufgebaut ist. Ein spontaner Ohrwurm fehlt komplett und einen sehr offensichtlicher leitmotivischer Aufbau kann man der Musik auch nicht attestieren. Motive und Themen gibt es aber durchaus, besonders die subtilen Flöten- und Streichermelodien für die Hauptfigur “Lyra” und das wohlige Thema für Mrs. Coulter fallen nach mehrmaligem Hören deutlich auf. Besonders letzteres zeigt Desplats typischen Aufbau des Arrangements: Eine hin und her wiegende Streicherlinie, dazu minimalistische Untermalung von Celesta und Bläsern sowie einen repetiven Rhythmus an den Bässen. Dazu kommt ein fast improvisatorisch wirkender Einsatz des Klaviers, später wird das Thema in umgekehrter Rollenverteilung von der Flöte übernommen. Solche Feinheiten zu favorisieren war dem Fantasygenre dieses Jahrtausends bisher fremd und so wirkt die gesamte Musik bei oberflächlichem Hören stellenweise zu langatmig und spartanisch. Eine Reihung von Highlights ist der Score auf keinen Fall.
Betrachtet man Desplats “Compass” aber mit dem Wissen einiger Hördurchläufe und dem nicht abgelenkten Ohr, dann offenbart sich dennoch ein nicht unbeträchtlicher Reiz in dieser Herangehensweise. Die ruhigen Stücke sind auch in minimalistischen Passagen vorzüglich orchestriert und das Auftreten der hochdramatischen Actionszenen wirkt umso dynamischer. “Lyra Escapes” präsentiert kräftiges Schlagwerk, mehrere Melodielinien und herrlich fallende Streicherkaskaden, schillernd pompös wird es in “Lee Soresby’s Airship Adventure” mit seiner groß ausschwingenden Melodie und alle Register werden in “Ragnar Sturlusson” und “Ice Bear Combat” gezogen. Hier fällt auf, wie ausgereift die Orchesterbeherrschung von Desplat ist, denn obwohl die große Trommel heftig geschlagen wird und die Blechbläserstöße stakkatoartig kommen, bleibt der Streicherapparat mit seinen irrsinnig schnellen Läufen sehr klar durchgezeichnet - auch ein Verdienst der guten Aufnahmen-Mischung.
Am Ende bleibt nochmals ein obligatorischer Vergleich mit “Lord Of The Rings”: Desplat hebt sich wo immer nur möglich von Shores Musik ab und bietet einen vom Detail, von der minimalistischen Kompositionsweise kommenden Ansatz. Ein Chor kommt nur kurz zum Einsatz, vordergründige thematische Statements gibt es wenig. So bietet die Musik für diejenigen Fans, denen Mittelerde zu bombastisch war, eine sicherlich fruchtbare Entdeckungsreise in eine andere musikalische Welt. Desplat frischt das Fantasy-Genre auf jeden Fall auf und so bleibt zu hoffen, dass trotz des schwachen Einspielergebnisses die Reihe mit dem Franzosen an Bord fortgesetzt wird.
Die CD bietet mit rund 74 min ausreichend Score plus den Titelsong von Kate Bush. Dieser ist nun wirklich sehr gewöhnsbedürftig, es bleibt jedem selbst überlassen, ob er dazu einen Zugang findet. Ingesamt hätte man sich eine um eine Viertelstunde kürzere CD wegen der zum Teil etwas highlightarmen Tracks durchaus vorstellen können, doch musikalische Langeweile wird in keiner Sekunde geboten.
Jan Zwilling / 07.01.08
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