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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

The Ghostwriter (Alexandre Desplat)

Varèse / 2010

CD

Bewertung:


    01. The Ghost Writer (01:41)
    02. Rhinehart Publishing (00:58)
    03. Travel to the Island (02:28)
    04. Lang's Memoirs (01:43)
    05. Chase on the Ferry (02:31)
    06. Suspicion (02:49)
    07. Investigation (02:07)
    08. Hidden Documents (02:09)
    09. The Old Man (01:17)
    10. In the Woods (03:40)
    11. Prints (01:45)
    12. The Predecessor (02:28)
    13. Pr Paul Emmett (05:39)
    14. Bicycle Ride (01:52)
    15. Lang and the CIA (02:21)
    16. The Truth about Ruth (04:55)
    17. The Ghost Writer (Reprise) (01:49)

    TT: 42 min

Der Film „The Ghostwriter“ sorgte zu Zeiten seiner Premiere auf der Berlinale 2010 im Februar des Jahres für beträchtliches Aufsehen. Allerdings stand dabei weniger die Leinwandumsetzung des Buches „The Ghost“ von Robert Harris (veröffentlicht 2007) im Mittelpunkt, sondern der Gefängsnisaufenthalt des Regisseurs Roman Polanski in der Schweiz. Polanski, eingeladen zu einem Filmfestival im Lande der Eidgenossen, wurde von einem mehr als dreißig Jahre zurück liegenden Vergewaltigungsvorwurf aus den USA eingeholt. Im September 2009 wurde er auf dem Flughafen Zürich aufgrund eines internationalen Haftbefehls festgenommen und blieb bis Juli 2010 festgesetzt. Zur Auslieferung in die Vereinigten Staaten kam es nicht, dennoch schlug der Fall in der Presse hohe Wellen und verschaffte dem Film auf der Berlinale besondere Aufmerksamkeit.

Doch auch auf den Produktionsprozess von „The Ghostwriter“ hatte die Inhaftierung gravierende Folgen, denn der Streifen war zwar abgedreht und weitestgehend geschnitten, die Musik war aber gerade am Anfang ihres Entstehungsprozesses. Der von Polanski engagierte Komponist Alexandre Desplat erklärte auf der Berlinale von den Schwierigkeiten, die sich für ihn daraus ergaben:

„Glücklicherweise hatten Roman Polanski und ich bereits angefangen, an dem Film zu arbeiten. Im Juni 2009 haben wir zusammen den Film geschaut. Bereits davor hatte ich einige Ideen für „The Ghostwriter“, ich habe sie aber erstmal für mich behalten. Roman ist einer der besten Regisseure aller Zeiten und ich habe davon geträumt, mit ihm zu arbeiten, seit ich 15 Jahre alt war. Ich denke auch, dass er einer der besten Regisseure im Umgang mit Filmmusik ist. Die Musik und auch die Stille sind sehr stark in seinen Werken.
Wir haben einige Zeit im Sommer 2009 verbracht, besonders im August. Dabei haben wir den Film gespottet und haben die Basis für die Musik erarbeitet. Er konnte damals auch schon ein Demo des Themas hören, das ich komponiert hatte. Zu der Zeit, als er in der Schweiz ins Gefängnis gegangen ist, hatte ich aber erst fünf Prozent des Films fertig bearbeitet. Dann hatten wir überhaupt keine Möglichkeit zur Kommunikation mehr. Dass war eine eigenartige Situation für alle Menschen, die am Abschluss des Films arbeiteten. Obwohl wir uns bei den Basics des Scores einig waren, konnte er doch große Teile meiner Demos nie anhören und auch keine Meinung dazu äußern. Er hat erst wieder bereits fertige und aufgenommene Musik gehört. Ich habe so gehofft, dass er sie mögen wird – was er auch tat, das war wundervoll.“

Desplat und Polanski einigten sich auf einen teils modernen und teils retrospektiven Ansatz für die Musik des Films. Bedeutender Bezugspunkt war neben Desplats eigenen Stilismen die Thrillermusiken Bernard Herrmanns für Alfred Hitchcock. Herrmann und Desplat haben gemeinsam, dass sie gerne und viel minimalistische Strukturen zur Grundlage ihrer Musik machen, wenngleich der Franzose sie bedeutend häufiger kontrastierend orchestriert (etwa mit sanft-flirrenden Steichern und Holz) und eine längere Melodielinie darübersetzt. Für „The Ghostwriter“ ließ sich Desplat aber stärker als bisher auf die minimalistische Grundstruktur ein und kombinierte sie mit einer einfallsreichen Orchestration, die ihre Faszination besonders aus den Holzbläsern und dem Schlagwerk zieht.
Der Eröffnungstitel ist in bester Herrmann-Tradition gestaltet. Motivpartikel von Flöten und Fagotten werden minimalistisch wiederholt, wobei sich ein spannender und zugleich verschrobener Klang ergibt. Desplat reichert mit kurzen markanten Streicherläufen, Pauke und Blech an, sodass der Titel eine gute innere Spannung bekommt. Wie der Altmeister nutzt er zudem den Kontrast zu Harfe und Glockenspiel, die hier einen spitzen und pointierten Klang bekommen. Im weiteren Verlauf erklingen von Desplat gewohnte Streicherwelten, bei denen sich minimalistische Läufe mit längeren Melodiebögen überlagern, interessante Variationen des Hauptmotivs und einige robuste Actiontitel. Die verschiedenen Stilrichtungen sind elegant verwoben, besonders der knarzige und verschrobene Klang des Holzes gibt dem gesamten Score eine individuelle Note.
„Chase On The Ferry“ ist der erste actionreichere Höhepunkt der Partitur, wobei Desplat die bekannten Zutaten des Scores geschickt verdichtet und eine packende Verfolgungsjagd inszeniert. Schnell wirbelnde Streicher, wuchtige Paukenattacken und nervöse Holzbläser, dies alles in konsequent minimalistischem Aufbau – die Verschiebung der Stimmungen gelingt Desplat exzellent. Gleichzeitig zeigt er durchaus Einfallsreichtum bei der Schaffung außergewöhnlicher Orchestrationen. An mehreren Stellen verschmilzt er sein Konzept mit Jazzphrasen von Trompete und Saxophon (er nennt Goldsmiths „Chinatown“ ebenfalls als Vorbild für diesen Score).  Süßlichere Passagen mit Celesta, Flöte und Violinen kennt man von Desplat zwar bereits, in diesem neuen Kontext haben sie aber einen gewissen Reiz.

Die große Stärke der Partitur ist der Gestaltungswille Desplats, der über die reine Funktionalität der Musik hinaus geht. Minimalismus à la Herrmann hat man bereits häufiger in Thrillern gehört, gerade mit dem leicht ironisierenden Hauptthema und den prägnanten Orchestrationen (etwa das Schlagwerk in „In The Woods“) gelingt Desplat deutlich mehr als Dutzendware. Im etwas ins Mittelmaß abdriftenden Werk des Franzosen in jüngster Zeit ein Ausrufezeichen.

Die Zitate von Alexandre Desplat auf der Berlinale im englischen Wortlaut:

„Luckily enough we already started working together on the music for film, I watched the movie with the director in June. Already before that, I head some music in mind for „The Ghostwriter“, but I kept it secret. Roman is one of the best directors of all times and I’ve dreamed to work with him since I was fifteen. I also think that he is one of the best directors to use the music in his films, the music and the silence are always very strong in his films.
So spent some time on the film in summer and especially in August we worked on the score together. We were creating the basis for the music, he already heard the time that I intended. What we also managed to do was to spot the film. I completed about five percent of the score by the time he was put in jail. Then, we had no communication at all, absolutely nothing. That was a strange situation for all of the people who were putting together the finished film. So although we agreed on the basics, there were reels and reels of film, which he could not comment on regarding my finished score. He first heard the music, when we recorded it and I strongly hoped that he liked it – which he did, that was wonderful.“

„The music has strong references to Alfred Hitchcock movies and by that of course to Bernard Herrmanns scores. In a way, that is the best reference you can think of, because they were the kings of thriller. In these films the music is so intensily grabbing you away and keeping you tense till the end of the film. But I must note that Roman’s „Chinatown“ with Jerry Goldsmith’s score had the same quality.“

Jan Zwilling / 08.11.10

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