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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

The Fountain (Clint Mansell)

Nonesuch / 2006

CD

Bewertung:


    01. The Last Man (6:08)
    02. Holy Dread! (3:52)
    03. Tree of Life (3:45)
    04. Stay with Me (3:36)
    05. Death Is A Disease (2:34)
    06. Xibalba (5:23)
    07. First Snow (3:09)
    08. Finish It (4:25)
    09. Death Is the Road to Awe (8:26)
    10. Together We Will Live Forever (5:00)

    TT: 46 min

Darren Aronofsky gilt als einer der vielversprechendsten amerikanischen Regisseure der jüngeren Generation. Für knapp 60.000 $ produzierte Aronofsky nach dem Abschluss der Filmschule den aufsehenerregenden „Pi“, mit dem er einen Preis beim renommierten Sundance Film Festival gewann. Es folgte der von der Kritik noch begeisterter aufgenommene „Requiem for a Dream“, ein Drama über vier Süchtige.
Danach kamen Angebote aus Hollywood für aufwändige Projekte. „Batman: Year One“ nach einem Comic von Frank Miller sollte unter der Regie von Aronofsky entstehen, das Projekt kam jedoch nicht zustande.  Aronofsky wandte sich dann wieder einem eigenen Skript zu, welches er mit seinem Freund Ari Handel entwickelt hatte. „The Fountain“ war eine ambitionierte Geschichte über Liebe und Tod, die in einem Zeitraum von satten 1000 Jahren spielt. So gab es neben einer Handlung in der Gegenwart auch eine Handlung um die spanische Königin und einem Conquistadore und einen 1000 Jahre später spielenden Science-Fiction-Part. Warner bewilligte 70 Millionen Dollar Budget, nachdem Cate Blanchett und Brad Pitt für den Film zusagten.
Wegen kreativer Differenzen stieg Pitt aber nach längerer Zeit (riesige Sets wurden in Australien bereits aufgebaut) aus dem Film aus, woraufhin Warner die Finanzierung zurückzog. Pitt drehte stattdessen „Troja“ – nicht gerade ein Film, um sich mit Ruhm zu bekleckern.

Aronofsky gab nicht auf und überarbeitete das Drehbuch, um den Film mit einer kleineren Geldsumme umzusetzen. Mit einem Budget von 40 Millionen und Hugh Jackman und Aronofskys Lebensgefährtin Rachel Weisz in der Hauptrolle können 3 Jahre später endlich die Dreharbeiten beginnen. Bei den Filmfestspielen von Venedig 2006 feiert „The Fountain“ dann seine Premiere und spaltet das Publikum. Lautstarke Buhrufe und begeisterter Applaus erklingen nach der Vorführung. Eine gleichgültige Einstellung hat fast niemand zu dem Film, der vor allem durch einige esoterische Passagen für manchen Filmzuschauer schwierig wird.

Das ganze Projekt bestritt Aronofsky überwiegend mit seiner Stammcrew. So waren Kameramann Matthew Libatique, Ausstatter James Chinlund, Cutter Jay Rabinowitz, Produzent Eric Watson und eben auch Komponist Clint Mansell schon bei den vorherigen Filmen Aronofskys mit dabei.
Mansell stammt aus der Popmusik und war Mitglied der Gruppe „Pop Will Eat Itself“. Für Aronofsky schrieb er zu „Pi“ einen ausschließlich elektronischen, sehr technonahen Score. Bei „Requiem for a Dream“ griff er erstmals auf das weltbekannte Kronos Quartet zurück. Dies setzt er auch für „The Fountain“ wieder ein, ergänzt um einen kleinen Chor, die schottische Progressive-Rockband „Mogwai“ und dezent eingesetzte Elektronika. 

Überwiegend ist die Musik sehr traurig- melancholisch und im langsamen Tempo mit gleichmäßigen Rhythmen ausgefallen. Alles ist transparent orchestriert, bewusst einfach gehalten – überflüssigen Zierrat gibt es nicht – dafür entfaltet die Musik eine sehr unmittelbare Wirkung, ist auch nach wiederholtem Anhören emotional höchst wirksam und faszinierend. Genau wie das Vorgängerwerk ist „The Fountain“ stilistisch sehr von der Minimal Music inspiriert. Ein kleines 3-töniges Motiv bildet die Basis für die gesamte Musik. Die monothematische Herangehensweise dient damit auch der Struktur des Films, da im Schnitt die 3 Zeitebenen zusehends vermischt werden und der Eindruck, dass es sich um verschiedene Stories handeln könnte, bewusst verwischt wird.
Mansell findet zahlreiche Variationen des Themas, die eben nicht nur über einen Wechsel der Instrumentierung gelöst werden, sondern die ganz unterschiedliche Stimmungslagen aus den drei Tönen kitzelt – auch dank der hervorragenden Interpretation des „Kronos Quartet“. Überhaupt ist die erneute Wahl einer eher kammermusikalischen Besetzung ein gelungener Coup. Die Musik erreicht dadurch eine Intimität, die viele Hollywood-Dramenscores durch Kitsch-Overkill zu nichte machen. Die Elektronik dient nicht als Ersatz für fehlende Instrumente, sondern wird für eigene Klänge und für die Verfremdung der realen Instrumente durchaus geschickt eingesetzt.

Die ersten beiden Tracks sind bereits ein gutes Beispiel für die Vielseitigkeit der Musik. „The Last Man“ beginnt mit einem elegischen zweiminütigen Klaviersolo, bevor das Streichquartett das Hauptmotiv aufgreift. Track 2, „Holy Dread!“, welcher die einzige „Actionszene“ des Films untermalt, steht dazu im starken Kontrast. Hier kommen auch die Gitarren und Drums von Mogwai zum Einsatz, das Hauptthema wird hier sehr dynamisch eingesetzt. Ein schnelles, pulsierendes Ostinato aus elektronisch verfremdeten Streichern und elektrischen Gitarren treibt das Stück an. Ansonsten sucht man perkussive Elemente im Rest des Scores vergeblich,ein langsames Tempo und getragene Töne dominieren den melancholischen Score.

Fazit: Trotz der einfachen Machart (oder vielleicht gerade deshalb) ist „The Fountain“ eines der ganz großen Score-Highlights des (sehr schwachen) Filmmusikjahres 2006 gewesen. Die schlichte Schönheit des Hauptmotivs und die unverbrauchte Idee, den Film mit einem ungewöhnlichen kammermusikalischen Ensemble zu untermalen, heben „The Fountain“ deutlich aus dem Einheitsbrei nach Schema F hervor, das die amerikanische Filmmusik 2006 hervorgebracht hat.

Jan Boltze / 06.09.07

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