Kritiken
The Film Music Of Ralph Vaughan Williams Vol. 2 (Ralph Vaughan Williams)
Chandos / 2004
Bewertung:

Zu den nicht wenigen klassischen Komponisten, die sich in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auch als Filmmusiker betätigten, gehörte auch Ralph Vaughan Williams. Der 1872 geborene Brite machte sich um die Jahrhundertwende zusammen mit Elgar und Holst für eine Wiederbelebung der englischen Musikkultur stark. In zahlreichen symphonischen Dichtungen, Song Suites und Sinfonien verewigte er heimisches Liedgut und traditionelle Orchestrationsweisen. Typischstes Beispiel für sein Werk sind die introspektiv angelegten Fantasien, die das Betrachten einer natürlichen Idylle wieder spiegeln ("In The Fen Country”, “A Lark Ascending") und dabei besonders in der Differenzierung des Streicherapparates mit faszinierenden Nuancen spielt. Bekanntestes Werk Vaughan Williams’ ist neben der choralen Sinfonie Nr. 1 “A Sea Symphony” die “Fantasie über ein Thema von Thomas Tallis”, das auch in “Master & Commander” Verwendung fand und für etliche Streicherarrangements James Horners Pate stand.
Vaughan Williams begann mit der Komposition für den Film im Alter von fast 68 Jahren im Jahre 1940 und sollte bis zu seinem Tod 1958 ein gutes Dutzend britischer Filme vertonen. Am bekanntesten ist sicherlich die Musik zu “Scott of the Antarctic”, die er ähnlich wie Prokofieff bei “Alexander Nevsky” zu einem langen Konzertstück umarbeitete, die “Sinfonia Antarctica”. Die Filmmusik in ihrer ursprünglichen Form präsentierte der Sampler “The Filmmusik of Ralph Vaughan Williams Vol. 1” vom bestens eingespielten Team Chandos Records / BBC Philharmonic / Rumon Gamba. Doch daneben existiert auch bereits die zweite Auflage mit Filmmusiken von Vaughan Williams.
“The Film Music of Ralph Vaughan Williams Vol. 2” präsentiert drei Filmmusiken, die im Zeitraum von 1940 bis 1957 entstanden sind. Den Anfang macht Vaughan Williams’ Debütfilm “49th Parallel”, der im Auftrag des britischen Ministeriums für Information im Kriegsjahr 1941 veröffentlich wurde. Es ist die lehrbuchhafte Geschichte von fünf an der Küste von Kanada gestrandeten deutschen U-Boot-Soldaten, die versuchen den 49. Breitengrad in die neutralen USA zu überqueren. Mit allerlei Begegnungen und Konflikten wird die Propagandatrommel kräftig gerührt. Vaughan Williams’ Musik präsentiert sich in für seine Orchesterwerke bekannter Manier als großformatige, streicher- und melodiebetonte Leinwand für die Filmhandlungen. Eröffnet wird die Musik von einem elegisch-romantischen Thema für Streicher, das der Komponist später zu einer Ode für das Commonwealth verarbeitete. Der Prolog zeigt dann weitere Facetten der Musik, ein kräftiges Blechbläserthema, leichtes Marschfeeling für die Nazis und im weiteren Verlauf die Einbindung mehrerer Volkslieder in den Score. Neben der „Alouette“ singt ein Sopran das deutsche Lied “Lasst uns das Kindlein wiegen”. Aufgefüllt wird der Score mit blechbläserbetonter Abenteuermusik, die häufig an seine sechste Sinfonie erinnert.
Die Musik zu “The Little Dim Island” gehört zu einem kurzen Film des “Central Office Of Information” von 1949, in dem mehrere verdiente Briten (unter anderem Vaughan Williams) zu Wort kommen und gegen den vermeintlichen Niedergang des Empire nach Kriegsende agitieren. Vaughan Williams arrangierte dazu seine wunderschöne Tondichtung “Five Variants of Dives & Lazarus” zu einer komprimierten Version um. Auf einem englischen Traditional beruhend ist es ein graziles, streicherlastiges Stück mit verträumtem, sanftem Ausdruck. Nach einer Eröffnung nur vom Streichorchester (ein Ensemble das der Komponist meisterhaft zu handhaben weiß) band Vaughan Williams eine Solostimme mit einem Vers aus dem Originallied mit ein. Außer einer Harfe und sehr im Hintergrund agierenden Holzbläsern verzichtet er auf Begleitinstrumente.
Kurz vor seinem Tod entstand die Musik zu der Doku “The England Of Elizabeth” (1957). Hier arbeitet Vaughan Williams stärker blechbläserbetont, wie schon in der eröffnenden großen Fanfare festzustellen ist. Allzuweit entfernt er sich aber auch hier nicht von seinen gängigen Vertonungsmustern, sodass auch dieser Filmscore mit seinen volksliedhaften bis hymnischen Melodien und der sehr glatten und runden Orchestration eher wie eine sinfonische Dichtung denn wie eine wirkliche Filmmusik wirkt. Pompöses im Stile von Elgar steht den typischen streicherlastigen introvertierten Stücken gegenüber. Zudem ist ein langsamer, harmonischer sakraler Choral zu hören.
Der durchweg erstklassig eingespielte Sampler verdient sich durch die interpretatorische, technische und ausstattungstechnische Qualität ein eindeutiges Lob. Bei der Musik ist die Bewertung schon schwieriger, denn nach filmmusikalischen Kriterien lässt sich kaum vorgehen. Da sämtliche Arbeiten auf dieser CD stilistisch eher in die Reihe von Vaughan Williams sinfonischen Dichtungen zu ordnen sind, kann man zum Beispiel die punktgenauen Stimmungsvariationen einer Filmmusik hier nicht wieder finden. Das konkret tonmalerische Element ist kaum ausgeprägt. Wer seinen Horizont auf die klassische Musik in Richtung Ralph Vaughan Williams erweitern möchte, ist mit dem Album mehr als gut beraten. In Anbetracht der hohen kompositorischen Qualität vergebe ich dennoch 5 Sterne, die aber außerhalb des gängigen Kontextes gesehen werden sollten.
Jan Zwilling / 09.03.07
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