Kritiken
The Day The Earth Stood Still (Bernard Herrmann)
Varese / 2003
Bewertung:

“Der Tag, an dem die Erde stillstand” entstand im Jahr 1951. Das Atomzeitalter hatte vor kurzem begonnen und führt zu einer tiefen Verunsicherung der Bürger in den westlichen Ländern. Viele Leute, die vorher den wissenschaftlichen Fortschritt als etwas Positives angesehen hatten, begannen sich zu fragen, wohin der ungebremste Weg in die Zukunft hinführt.
Auch Science-Fiction-Autoren (und schliesslich auch Hollywood) interessierten sich für dieses Thema.
In “The Day The Earth Stood Still”, so der Originaltitel des Films, landet ein Abgesandter einer ausserirdischen Macht in Amerika mit seinem Roboter auf der Erde und ermahnt die Menschen dazu, im Frieden zu leben. Als ihn keiner ernst nimmt, demonstriert er seine Macht, indem er einen Tag lang alle Geräte und Maschinen auf der Welt ausfallen lässt, um die Menschen zu bekehren.
Die Musik zu diesem Film stammt von Bernard Herrmann, der, obwohl gerade erst zehn Jahre im Filmmusikgeschäft schon eine unglaubliche Karriere hinter sich hatte, die mit Orson Welles Meilenstein Citizen Kane ihren Lauf nahm. 1942 wurde er bereits für seine Musik zu William Dieterles „All That Money Can Buy“ mit dem Oscar ausgezeichnet.
Zu der Zeit, als der Film entstand, arbeitete Herrman im Music Department der Fox Filmstudios, welches von Alfred Newman geleitet wurde. Newman tat alles dafür, dass der Kreativität seiner Komponisten keine Grenzen gesetzt wurden. Herrmann nutzte diese Möglichkeiten aus, um viel zu experimentieren. Ein Film, bei dem sich dies besonders anbot, war Robert Wises Science-Fiction-Film. Herrmann komponierte einen Score, der sich in fast allen Aspekten von den üblichen Filmmusiken unterschied. Das fing schon bei der Orchesterbesetzung an: anstatt des üblichen Sinfonie-Orchesters kommen bei “The Day The Earth Stood Still” zwei Theremins, zwei Hammond-Orgeln, eine Reed-Orgel, eine elektrisch verstärkte Gitarre, eine elektrisch verstärkte Violine, ein elektrisch verstärktes Cello, ein elektrisch verstärkter Bass, zwei Pianos und eine Celesta zum Einsatz. Neben diesen Solisten besteht das eigentliche Orchester nur noch aus Blechbläsern, verschiedenem Schlagwerk und zwei Harfen. Mit dieser ungewöhnlichen Besetzung kreierte Herrmann einen fremdartigen Sound, der wirkt, als ob er nicht von dieser Welt kommen würde.
Aber nicht nur von der Besetzung, sondern auch im kompositorischen Detail ist der Score aussergewöhnlich. Jahre bevor die Minimal Music “offiziell” erfunden wurde, komponierte Herrmann bereits sehr nahe diesem Stil, in dem er anstatt neo-romantischer Melodien sehr kleine Motive verwendete, und diese nach bestimmten Prinzipien variierte. In “The Day ...” arbeitet er vor allem viel mit Symmetrien, insbesondere mit dem Tritonus-Intervall, der exakt in der Mitte einer Oktave liegt. Nach dem allgemeinen Hörempfinden gilt das Tritonus-Intervall als unangenehmstes Intervall.
Entsprechend ist die Musik meistens angespannt. Obwohl Herrmann im tonalen Rahmen arbeitet, sind die Klänge teilweise sehr düster und verstörend. Eine Ausnahme davon sind die beiden Tracks “Arlington” und “Lincoln Memorial”, in denen ein melancholischer Part für Solo-Horn zu hören ist.
Die Musik war bisher nicht vollständig und nur in Mono in schwacher Tonqualität erhältlich, durch die entscheidende Details der Komposition verloren gegangen sein sollen. Deswegen verdient Varèse Sarabande ein besonderes Lob dafür, dass sie diesen Score mit Joel McNeely am Dirigentenpult neu aufgenommen haben, was bei der ausgefallenen Instrumentierung sicher nicht leicht gewesen sein dürfte. Die Tonqualität ist hier hervorragend, die Dynamik des Scores kommt sehr gut zur Geltung. Leider ist die Neueinspielung von 2003 das bisher letzte Projekt mit Joel McNeely. Eine Anfrage von mir, wann man mal mit neuen Einspielungen unter dem Dirigat McNeelys rechnen kann, wurde vor einem Jahr von Varèse mit dem Hinweis auf den Umbau der Glasgow Town Hall, die für alle Aufnahmen der Reihe benutzt wurde, umgebaut wird, auf unbekannte Zukunft verschoben.
Fazit: “The Day The Earth Stood Still” ist ein Klassiker der Filmmusikgeschichte, den jeder an anspruchsvoller Filmmusik Interessierte in seiner Sammlung haben sollte. Trotz der hohen Wertung, die eigentlich eine klare Empfehlung bedeutet, sei an dieser Stelle jedoch gewarnt, dass es sich hier um keine einfach zu konsumierende Musik handelt. Sie verlangt viel Aufmerksamkeit und auch eine gehörige Portion Einhörarbeit.
Jan Boltze / 13.05.07
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