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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

The Curious Case of Benjamin Button (Alexandre Desplat)

Concord / 2008

CD

Bewertung:


    01. Postcards (02:48)
    02. Mr. Gateau (03:00)
    03. Meeting Daisy (01:20)
    04. A New Life (03:37)
    05. Love in Murmansk (03:50)
    06. Meeting Again (02:39)
    07. Mr. Button (02:04)
    08. "Little Man" Oti (02:02)
    09. Alone at Night (02:32)
    10. It Was Nice to Have Met You (01:42)
    11. Children's Games (04:38)
    12. Submarine Attack (02:38)
    13. The Hummingbird (02:33)
    14. Sunrise on Lake Pontchartrain (01:42)
    15. Daisy's Ballet Career (03:33)
    16. The Accident (02:02)
    17. Stay Out of My Life (02:37)
    18. Nothing Lasts (01:43)
    19. Some Things You Never Forget (02:53)
    20. Growing Younger (01:34)
    21. Dying Away (02:13)
    22. Love Returns (02:59)
    23. Benjamin and Daisy (02:26)

    TT: 59 min

Mit wenigen Filmen hat sich Regisseur David Fincher einen hervorragenden Ruf in Hollywood und darüber hinaus erarbeitet. Beginnend mit dem düsteren “Alien³” schuf er in verschiedenen Genres wie Horror, Thriller, Drama oder Krimi viel beachtete Filme. Sein neuester Streifen “The Curious Case Of Benjamin Button” ist erst sei siebter Spielfilm in seiner fast 20-jährigen Karriere. Mit vielen Nominierungen für den Golden Globe könnte es sein künstlerisch erfolgreichster werden.
Ebenso so vielgestaltig wie die Stimmungen seiner Filme ist auch die Auswahl der Komponisten. Nach Elliot Goldenthal und Howard Shore engagierte er für den nostalgischen Krimithriller “Zodiac” überraschend David Shire, was dem Film hörbar gut tat. Nun beweist der US-Amerikaner wieder Händchen und lässt den Franzosen Alexandre Desplat für die märchenhaft-tragische Geschichte von Benjamin Button (Brad Pitt) ans Dirigentenpult treten. Dieser bewies mit “Lust, Caution” oder “The Painted Veil” sein untrügliches Gespür für elegante und melodische Untermalungen, die Doppelbödigkeit treffend umzusetzen vermochten. Mit der dunklen, farblich dem gelb und grün zuneigenden Bildsprache und der ebenso kuriosen wie tragischen Mär von Button, der als Greis geboren wird und körperlich verjüngt, gibt Fincher Desplat eine Steilvorlage.

Desplat nutzt den Freiraum der sich an der Grenze zwischen Realität und Fiktion bewegenden Geschichte für einen orchestral-eleganten, melodisch-weichen und in seinem Gestus fast meditativen Score. Er besetzt ein großes Streichorchester, Klavier, Glockenspiel, Percussions sowie Holzbläser, Harfe und vereinzelte ethnische Instrumente. Indem er Stück für Stück kurze Motive ineinander verwebt, gelingt Desplat ein wunderbar runder und vollkommener Wohlklang. Damit tritt er klar in die Fußstapfen der Musik zu “Lust, Caution”, dessen von Celli und Bässen umspieltes Klavierthema ähnliche Sogwirkung entfaltete. Auch hier sind es die stetig changierenden Streicherarrangements, die feinsinnigen Harfensoli und die punktierten Flöten, die den Melodien als Grundlage dienen.
So dauert es zwei oder drei Hördurchläufe bevor “The Curious Case Of Benjamin Button” eigene Konturen entwickelt. Dann jedoch offenbart die Musik ganz exquisite Momente. Desplat versucht, den umgekehrten Alterungsverlauf von Button musikalisch durch die zyklische Anlage der Motive und vielfältigstes rhythmisches Ticken umzusetzen. So sind mehrere der Themen dergestalt angelegt, dass sie keine bestimmte melodische Richtung aufzuweisen scheinen, sie mäandrieren auf und ab und laufen zum Teil rückwärts. So ergibt sich eine verzahnte Melodik, die sich im Kreis dreht. Kontrastiert wird dass mit Streichern, die im Sekundentakt den Rhythmus geben, mit monotonem Klavierticken oder auch zartem elektronischem Klacken. Diese Idee setzt sich bis in die Begleitung der Melodiestimmen fort, wo Harfen zyklisch wallen, die Celesta gebrochene Akkorde ohne eindeutige Tonartzuordnung spielt oder die Streicher wellen- und fragmentartig eingesetzt werden. Dies erzeugt wirkungsvoll eine selbst reflektierende Melancholie, die Benjamin Buttons hervorstechendste Eigenschaft ist.

Melodisch ist “The Curious Case...” reichhaltig angelegt. Gleich zu Beginn präsentiert Desplat das Hauptthema, dass sich langsam aus Streicherfetzen und Klavierakkorden zusammensetzt. Wunderschön orchestriert wird es dann für die Geigen und Klavier, während Celli die Melodie umgekehrt als Begleitung spielen. Häufig taucht das Thema wieder auf, sehr schön beispielsweise in “A New Life” in den Celli mit Koloratur von der Viola. Interessant auch die Interpretation mit Klarinetten und Cymbalon für die Murmansk-Episode. Dafür wiederum komponierte Desplat ein optimistisches Liebesthema, das große Intervalle immer wieder repetiert. In “Meeting Again” ist es als zyklischer Reigen von Cello und Klavier umgesetzt.
Prägend für die Musik ist aber vor allem das Motiv für Benjamin und Daisy (Cate Blanchett). Erstmals vorgestellt in “Meeting Daisy” nimmt Desplat hier die jazzigen Anleihen des Schauplatzes New Orleans auf. Doppelte Klarinetten, Saxophon, Streicher und Harfe ergeben ein hervorragendes Noir-Stück, dass ebenso rund und der Zeit entrückt scheint wie das Hauptthema. Erstklassig auch, wie Desplat die Melodie in “Children’s Games” erst in einzelne lang anhaltende Töne für hohe Geigen zerlegt und sie dann mit der Harfe wieder zusammensetzt. Bittersüß ist die Umsetzung des Themas im abschließenden “Benjamin and Daisy”, in dem Desplat als Klaviersolo mit diesem Motiv beginnt und improvisatorisch zum Hauptthema überleitet. Nebenbei werden mehrere der wohl knapp ein Dutzend Motive eingeflochten. Die melodische Vielfalt ist es auch, die in fast jedem Titel ein neues Highlight erwachsen lassen: Für “Sunrise On Lake Ponchartrain” spinnt Desplat ein elegantes Cellosolo und lässt es mit Streichern, Saxophon und Flöten in ein herbstlich-warmes Stück münden. “Daisy’s Ballet Career"ist mit der wunderbaren Streichermelodie, dem klassizistischen Beiwerk aus Glocken, Klavier und Harfe und dem tänzerischen Flötenmotiv einmal mehr eine Reminiszenz an die Flöten im Prolog von “Birth”. In “The Accident” wird es einmal richtig packend, in “Little Man Oti” wiederum mit den verschränkten Rhythmen und Violinsoli fast asiatisch.

Fazit: Alexandre Desplat ist mit “The Curious Case Of Benjamin Button” auf dem besten Wege, sich als einer der künstlerisch führenden Köpfe in Hollywood zu etablieren. Aus der Musik spricht Intelligenz und Emotion, dazu kommt die große orchestratorische Fähigkeit des Franzosen. Sicher weist auch diese Musik Anleihen an Vorangegangenes auf, doch hinter dem markanten Personalstil verbergen sich überzeugende musikalische Einzellösungen. Mit dieser Musik ist Desplat ein heißer Anwärter auf Golden Globe und Oscar.

Jan Zwilling / 23.12.08

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