Kritiken
The Cobweb / Edge Of The City (Leonard Rosenman)
FSM / 2003
Bewertung:

Leonard Rosenman war einer der kompromisslosesten Komponisten Hollywoods. Seine Arbeitshaltung war berüchtigt; für Filme, die seiner Meinung nach nicht sonderlich gelungen oder gar lächerlich sind, strengte er sich, nach eigener Aussage, auch nicht besonders an, hielt gleichzeitig seine Musik zum vierten Teil der „Star Trek“ Reihe allerdings für die beste der ganzen Serie. Heute belächelt wird sein Soundtrack zum zweiten Teil der „Robocop“ Filme, indem ein kleiner Chor im Main Title reißerisch „Robocop“ singt, ähnlich diskussionsfähig wie die Tatsache, dass er in „Lord Of The Rings“ von 1978 seinen Namen vom Chor rückwärts singen lässt und damit die Mühe scheut, sich intensiv mit Sprache und Geschichte der Tolkien- Welt auseinanderzusetzen.
Doch egal, was man davon halten mag, ist sein Einfluss und sein kompositorisches Können nicht wegzudiskutieren. Rosenman, der 2008 verstarb, schuf Filmmusikklassiker wie „Fantastic Voyage“ oder „Beneath the Planet of the Apes“, schrieb den Soundtrack zu Meilensteinen der Filmgeschichte wie „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ oder „Jenseits von Eden“, ebenso wie zu trashigen Horrorfilmen der 70er wie „Prophecy“ oder „The Car“. Sein markiger, herber Stil ist legendär und für die meisten schwer eingängig. Die vorliegende CD mit seinen frühen Werken „Edge of the City“ und „The Cobweb“ dürfte da keine Ausnahme bilden.
Das Drama „Edge of the City“ von Martin Ritt kam 1957 in die amerikanischen Kinos. Es geht um zwei Freunde, gespielt von Sidney Poitier und John Cassavates, die an den Docks von New York arbeiten. Poitier wird als Schwarzer jedoch vom Vorarbeiter drangsaliert und zum Kampf herausgefordert…
Ein moderner Ansatz des Filmscorings für damalige Verhältnisse ist allein die Länge des Soundtracks: vierzehneinhalb Minuten dauert die komplette Musik. Eröffnet wird sie von dissonanten, aggressiven Bläsereinwürfen, doch der erste Eindruck täuscht, denn Rosenmans komplette Partitur präsentiert sich nicht etwa durchweg derart expressionistisch. Das wird schnell deutlich, wenn der Komponist sein romantisches, melodisches Hauptthema präsentiert, das kurz in „The City at Night“ nochmals variiert auftaucht. Rosenman entwirft ein Komplex aus verschiedenen Motiven und Themen, wechselt nahtlos von warmer Lyrik, dominiert von Streichern teils mit Holzbläsersoli, über Suspensepassagen mit dissonanten Klavierakkorden zu pulsierenden, polyrhytmischen Blechbläsereinsätzen, welche die psychologischen, inneren Konflikte des Protagonisten ausdrücken.
Eine Komposition wider der Angst, ein Statement für Courage, wenn dieses Motiv von Rosenman in einen heroischen Marsch mündet: „A Man Is Ten Feet Tall“, so wird die Idee, die dahinter steckt, im Booklet beschrieben.
Zwei Jahre zuvor entstand die Musik, die innerhalb des Oeuvres Rosenmans eine wesentlich wichtigere Stellung einnimmt: „The Cobweb“ ist die erste Filmmusik, die der von Schönberg entwickelten Zwölftonmusik zugrunde liegt. Rosenman war sogar Schüler vom Emigranten Schönberg gewesen.
Vincente Minnellis Film dokumentiert in seinem Drama die Zustände in einer psychiatrischen Klinik, in der die geistigen Krankheiten der Ärzte wesentlich schlimmer zu sein scheinen als die ihrer Patienten. In Szene gesetzt wurde „Die Verlorenen“ mit den Schauspiellegenden Richard Widmark und Lauren Bacall. Ursprünglich sollte auch James Dean, ein Freund Leonard Rosenmans mitspielen, doch da man sich in finanzieller Hinsicht nicht einigen konnte, wurde Dean durch John Kerr ersetzt.
„The Cobweb“ war erst Leonard Rosenmans zweite Filmmusik und Dissonanzen außerhalb Horrorfilmen Hollywoods, wo nach wie vor der romantischen Stil Max Steiners bevorzugt wurde, nicht zu hören.
Das vom New Yorker Komponisten gewählte Ensemble besteht aus Streichern, Holz- und Blechbläsern, Klavier und Percussion, teilweise reduziert auf die Größe eines Kammerensembles, um den psychologischen Aspekt der „Verlorenen“ zu betonen. Der Hörer wird durch rollende Paukenschläge in die Köpfe der Patienten, so das Konzept Rosenmans, geschickt. Wiederkehrendes Motiv in dieser Zwölftonmusik ist eine Trompetenfigur als „shock effect“, die gleich im „Main Title“ vorgestellt wird. In diesen stilleren Momenten hat die Musik ihre größte Stärke, reich an Kontrapunkten, nervös durch den Wechsel der Soloinstrumente und angenehm das Vermeiden der geläufigen Suspense-Klischees wie Streichertremoli oder ähnliche plakative Effekte. Rosenman entwickelt das Gerüst eines Liebesthemas, teils nur verstümmelt in embryonischer Form zu hören, um die Unentschlossenheit der Figuren zu unterstreichen. Tatsächlich wird das Liebesthema nur für den „End Cast“, also den Abspann vollständig entwickelt, obwohl es in zahlreichen Tracks bereits zu hören war.
So wechselt die Filmmusik, ähnlich wie „Edge of the City“, zwischen Variationen des Liebesthema-Gerüsts (das Wort „lyrisch“ oder gar „romantisch“ ist hierbei jedoch zu vermeiden) und aggressiven Passagen, in denen Rosenmans Chaos- Motiv, der „shock effect“, zu hören ist. Häufige Taktwechsel, komplexe Kontrapunktisierung, das Verwenden der Zwölftontechnik für die komplette Filmmusik, die geschickte Orchestrierung, das Spiel von verschiedenen Klangfarben durch das Zusammenspiel mehrerer Soloinstrumente, das Erzeugen bestimmter Gefühle wie Nervosität durch Rosenmans Techniken wie die der Polyryhthmik machen diesen Filmmusikklassiker zu einem einzigartigen Erlebnis, das seinesgleichen sucht.
Das Hauptaugenmerk bei dieser CD- Präsentation liegt zwar auf „The Cobweb“, zweifellos ein filmmusikalisches Meisterwerk, doch auch „Edge of the City“ ist ein hervorragendes, kleines Juwel, dem durch diese Veröffentlichung von FSM Beachtung geschenkt wurde. Veröffentlicht wurde diese CD 2003 als Vol. 6 No. 14, limitiert auf 3000 Exemplare und, im Gegensatz zu „Beneath The Planet Of The Apes“ und „Fantastic Voyage“, immer noch erhältlich. Die Aufmachung muss hier nicht erwähnt werden, präsentiert sie sich liebevoll wie von FSM gewohnt.
Sicher sind beide Filmmusiken nicht unbedingt eingängig, anspruchslos und leicht verdaulich, doch ein Hörstudium lohnt durchaus, wird man doch mit vielen interessanten Ideen und Techniken belohnt, die nicht (nur) die Seele ansprechen, sondern auch den Geist. Top!
Stephan Eicke / 28.10.09
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