Kritiken
The Charge Of The Light Brigade (Max Steiner)
TFC / 2008
Bewertung:

Nun liegt also das fünfte Album des Labels Tribute Film Classics von Anna Bonn, William Stromberg und John Morgan vor. Die komplette Einspielung der Musik zu “The Charge Of The Light Brigade” dürfte die bisher aufwändigste Produktion der drei Amerikaner in Moskau sein, denn neben gut 100 Minuten Musik stellt auch die Präsentation auf einer Doppel-CD ein Novum in der noch jungen Label-Historie dar. Treu geblieben sind sie sich aber was die technisch blitzsaubere, editorisch sorgfältige Einspielung von großen Musiken des Golden Age angeht - denn in dieser Hinsicht ist der “Charge” einerseits die Fortsetzung des Referenzniveaus der Aufnahme und Mischung und andererseits der wohl bisher bedeutendste Score, der unter Tribute erschienen ist. Dass dem so ist, ist ob der prominenten Konkurrenz von “Fahrenheit 451” oder “She” auf den ersten Blick nicht ersichtlich, doch “The Charge Of The Light Brigade” steht wie kein TFC-Score zuvor für die Evolution der Filmmusik vom klassisch-inspirierten Stummfilm der späten Zwanziger Jahre hin zum dramaturgisch subtilen Tonfilm. Wirklich abgeschlossen war diese Entwicklung mit dem Paukenschlag “Citizen Kane” von Bernard Herrmann 1941, doch an “Charge” lässt sich ein Zwischenzustand auf dem Weg zu dem sparsamen, stilistisch vielfältigen und bedachten Score vortrefflich illustrieren.
Der Stummfilm stellte an einen orchestralen Score vor allem zwei Anforderungen: Erstens sollte er die Handlung auf der Leinwand in einer Weise kommentieren, die dem Zuschauer den Zugang zu dem Subtext der Handlung gab, den die Darsteller nicht aussprechen konnten. Zweitens musste er von der ersten Sekunde bis zum Schlussvorhang eine durchgängige zweite Ebene darstellen, sodass die Musik und der Film parallel liefen und sich ergänzten. Wie stark diese Anforderungen eine klassisch-romantische Musik beförderten, sieht man nicht zuletzt an Richard Strauss’ Musik zum Stummfilm “Der Rosenkavalier”. Max Steiner schlug Mitte der dreißiger Jahre eine Brücke von dieser Art der Untermalung zu stärker funktionalen Untermalungen, die präziser mit dem Film interagieren konnten und sich zugunsten des Dialoges stark zurückzunehmen vermochten. “The Charge Of The Light Brigade” von 1936 steht in dieser Entwicklung genau in der Mitte. Steiner untermalte von 115 Filmminuten nahezu 100, blieb also nahe am Wall-To-Wall des Stummfilms (übrigens der Aspekt, der sich im Tonfilm am längsten gehalten hat). Gleichzeitig ist seine Musik in ihrem Gestus vorpreschend, direkt und markant - sie erzählt die Handlung fast ohne Unterlass mit und nimmt sich selbst in intimeren Szenen kaum zurück. Introvertierte, subtile oder gar gänzlich unauffällige Passagen gibt es in Steiners Score nicht. Selbst kleiner orchestrierte Passagen mit Streichorchester und Holzbläsern ("In The Garden With Perry") wurden kräftig und laut aufgenommen und gemischt. Diesen für das Golden Age noch lange prägenden Sound haben Stromberg und sein Tontechniker übrigens blendend neu erzeugt.
In die Zukunft der Filmmusik zeigte Steiner in dieser Musik in einer anderen Weise. Zum einen sah er sich in der Lage, durch die Verknüpfung von Bild und Ton eine präzise motivische Verzahnung aufzubauen und zum zweiten spielte er mehrfach mit dem Verhältnis von Source- und Off-Screen-Musik. Er bindet Fanfaren, Märsche und Hochzeitswalzer so in den Score ein, dass dieser in mehreren Ebenen die Ereignisse auf der Leinwand kommentiert. Auch dies ist erst durch den Tonfilm in der Form möglich und durch Max Steiner hoffähig geworden. In Perfektion zeigt sich dies im finalen Vorrücken der Brigade, dem wohl ersten Action-Tour-de-Force-Setpiece der Filmmusikgeschichte. Hier verbindet Steiner ein entfesseltes Orchester mit wildesten Dynamiksprüngen und sich ständig forcierendem Tempo mit den unterschiedlichen Motivebenen und den On-Screen-Fanfaren zu einem Cue, der geistiger Vater von vielen Williams-Stücken wie “Battle of Hoth” oder “Chase Through Coruscant” ist.
Den Reigen beginnt Steiner wie es für ihn ein Markenzeichen war: mit einem knackigen und bereits mehrere Themen vorwegnehmenden Main Title. Noch muss der Hörer auf eine Warner-Fanfare verzichten, denn “Charge” war erst sein Einstand für das Studio, mit dem er die folgenden Jahre legendär wurde. Dafür entschädigt Steiner mit einer wuchtigen Fanfare für Blechbläser und Percussions, letztere angereichert mit Steel und Snare Drums. Dieser militärische Touch bleibt der Musik zumindest ihn großen Teilen der Actionstücke erhalten. Sehr markant gelingt Steiner auch der Einsatz von Pauke und vor allem großer Trommel. Melodisch erklingt zuerst ein unverbindlich-heroisches Thema, das mit Ähnlichkeiten zu “Rule Britannia” auf den kolonialen Hintergrund der in Indien spielenden Geschichte hinweist. Daran anschließend wird mit einem Panorama an Trompetenfanfaren das Hauptthema vorgestellt. Die Melodie ist einprägsam, mit verschiedener Orchestration aber enorm wandelbar. Zu Beginn erscheint sie als kräftiger, “reitbarer” Marsch mit jenem stampfend-punktierten Grundrhythmus, der in ähnlicher Form Grundlage vieler Westermusiken geworden ist. In Passagen mit Streichern und Trompete betont Steiner den patriotischen und edlen Charakter des Haupptthemas.
Zweiter Grundpfeiler ist das Thema für Surat Khan, der in der Anfangssequenz noch auf der Seite der Guten steht. Eine unbequeme, sinistre Tonfolge mit vielen chromatischen Intervallen und ohne melodischen Fluss steht für Khan - Steiner orchestriert es zu Beginn freilich exotisch edel mit Streichern, tiefen Holzbläsern und einigen Glocken und Zimbeln. Das ominöse Thema wird im weiteren Verlauf aber immer düsterer und unheilvoller eingesetzt, beispielweise in “Attack Of The Suristanis”. In der folgenden Actionpassage, als die Armee des Khan das Fort der Briten angreift und ein beispielloses Gemetzel anrichtet, webt Steiner das Thema immer prägnanter ein. Als Khan sich zu erkennen gibt, orchestriert Steiner das Thema als grandiose, agressive Fanfare mit knarzigen, harten Posaunen und viel Pauke. Sehr eindrücklich ist der Kontrast zum Hauptthema, das in den Trompeten hier eher panisch und fluchtartig klingt. Fesselnd in seiner dramatischen Wucht auch die “Massacre"-Passage, in der Steiner dem Dissonanten gerade im Blech so nahe kommt wie selten wieder. Diese Sequenz, die der Auslöser für den Ritt der “Light Brigade” darstellt, ist ein kleiner Vorgeschmack auf jenes Feuerwerk, dass zum Höhepunkt des Filmes von Steiner entzündet wird.
Zuvor erklingen jedoch auch andere Töne, denn der Film erforderte neben groß angelegten Actiontableaus auch eine beträchtliche Menge an dekorativer, ruhiger Musik. Da ist zu allererst die exotisch angehauchte Musik zu nennen, die den Schauplatz Indien reflektiert. Die Perspektive bleibt selbstredend eine koloniale, also ist von ethnischer Musik keine Spur. Vielmehr lässt Steiner sein Orchester mittels kleiner Tricks fern und exotisch klingen. In “Dispensing With Formalities” etwas spielen Holzbläser und Percussions zusammen, die Melodie besteht aus endlosen Reihungen kleiner Intervalle über monotoner Rhythmik. Dazu setzt Steiner schmückendes Beiwerk wie Zimbeln, Glockenspiel oder andere Percussions ein. In “Calcutta” bringt Steiner wiederum volle Streicher zum Flirren, gepaart mit exotischem Schlagwerk.
Die kolonial geprägte Musik hat aber deutlich die Oberhand, wie auch die mehreren Tanzszenen belegen. Von “At The Lancers Ball” bis “Ballroom Waltz” lässt Steiner wieder die Grenzen zwischen On-Screen- und Off-Screen-Musik verschwimmen. Klassische Tänze, galante Streicherarrangements und ein direkter rhythmischer Bezug zu den tanzenden Figuren auf der Leinwand sprechen für Source-Musik, die thematische Durchdringung (etwa durch das Liebesthema für Elsa und Perry) und die Orchestration aus einem Guss mit dem Score lassen die Passagen als Zwitter erscheinen. Gleiches gilt auch für die militärischen Einschübe, die sich oft in den Score überlagern und so eine hervorragende dramatische Wirkung entfalten. Separat betrachten kann man diese Passagen in “Soldiers On Parade” mit dem zackigen Grundrhythmus der Snare Drums und dem Hauptthema von Trompete und Holzbläsern. Später übernehmen Streicher den Rhythmus.
Nach mehr als einer Stunde Musik setzt Steiner nun aus diesen Zutaten seinen Höhepunkt zusammen. Der “Charge of The Light Brigade” verzahnt die Motive von Geoffrey (Hauptthema) und Khan mit den vielen Fanfaren, verbindet die militärischen Snaredrums mit hastenden Streicherläufen und extrem dynamischen Blechbläserpassagen. Durch den immer schneller werdenden Grundschlag zeichnet Steiner den Ritt der Brigade plastisch nach und entfesselt eine überbordende Dynamik und Wucht. Wenn zum Ende das Hauptthema in triumphaler Geste aus der Kakophonie emporsteigt, ist nicht nur das Orchester schweißgebadet. Eine wahrhaft epische Belastungsprobe für Musiker, Dirigenten und die Grenzdynamik der heimischen Musikanlage.
Nun liegt dieses filmmusikhistorisch spannende und bedeutende Werk erstmals in kompletter Neueinspielung vor. Tribute Film Classics hat (gewohnt) erstklassige Arbeit geleistet, von der Brillanz der Aufnahme und Mischung bis zur optischen und inhaltlichen Qualität des Booklets. Die Komplettaufnahme dieser Musik ist vielleicht in Gänze kaum durchzuhören, verschafft einem aber den Blick auf die clevere Dramaturgie von Max Steiner, der alle Elemente seines Finales lange zuvor einführt und variiert. In Gänze betrachtet, fallen auch die Passagen ins Auge, die den 1936 enstandenen Score als Bindeglied zwischen Stummfilm und voll ausgereiftem Tonfilm erscheinen lassen. Dafür sollte man, Bedenken hinsichtlich fehlender Subtilität ignorierend, die Höchstwertung aussprechen.
Jan Zwilling / 06.03.09
Um Nutzer-Kommentare zu erstellen, müssen Sie eingeloggt sein. Klicken sie auf Kontrollzentrum, um sich einzuloggen oder einen Account zu erstellen.
Nutzer-Kommentare anzeigen
Zu diesem Beitrag existieren aktuell 0 Nutzer-Kommentare. Letzter Kommentar: - .
» Alle Kommentare anzeigen