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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

The Cell (Howard Shore)

Silva / 2000

CD

Bewertung:


    01. The Cell (3:19)
    02. Carl Rudolph Stargher (2:01)
    03. Trauma (1:40)
    04. 92 Aqua Green Ford (1:30)
    05. FBI Pathologist (2:40)
    06. Whalen’s Infraction (2:03)
    07. Tide Pool (5:00)
    08. Sing a Song of Sixpence (4:09)
    09. Valentine (2:49)
    10. Chlorine and Rust (1:31)
    11. Only Girls Play with Dolls (2:20)
    12. Normal Psychotropics (1:49)
    13. The Seduction (2:58)
    14. Four and Twenty Blackbirds (0:57)
    15. Stargher King (6:13)
    16. Catherine’s World (4:32)
    17. The Drowning (7:15)
    18. Scavenged Dolls (0:48)
    19. Vital Signs (2:02)
    20. Bonus Track: You Can Find The Feeling (Radio Edit, The Master Musicians of Jajouka, featuring Bachir Attar)

Serienkiller erfreuen sich spätestens seit “Das Schweigen das Lämmer” und der zumindest kommerziell erfolgreichen Fortsetzung “Hannibal” großer Beliebtheit. Wo bei den beiden genannten Filmen, das aufsehenerregende Schauspiel Sir Anthony Hopkins’ dem Zuschauer den Killer näher bringen muss, setzt der ehemalige Videoclip-Regisseur Tarsem Singh, in seinem Debüt, in dem es auch um einen Psychopathen geht, ganz auf die Kraft der Bilder. Die (ziemlich schwache) Story lässt Jennifer Lopez als Psychologin per moderner Technik in die Gedankenwelt des Killers einsteigen, um sein letztes, noch lebendes Opfer vor einer automatisch aktivierten Falle zu retten, während der Killer im Koma liegt und nichts verraten kann. Singh schuf unglaubliche Bilder, die permanent zwischen den Attributen “ekelhaft” und “wunderschön” schwanken. Auf jeden Fall sind es keine Bilder von dieser Welt, irgendwo zwischen Jan Svankmijer, Hieronymus Bosch und vielen anderen angesiedelt, entfesselt der Film einen visuellen Sog, den man sich trotz der banalen Story nicht entziehen kann. Richtig fesseln können die Bilder aber erst dank Howard Shores meisterhaften Score, der sein bisher avantgardistischster Score sein dürfte.

Shore komponierte einen schwer zugänglichen Score, der von den Londoner Philharmonikern und den “Master Musicians of Jajouka” einer marokkanischen Musikerkaste mit jahrhundertelanger Tradition eingespielt wurde. Die arabischen Elemente wurden kunstvoll in die atonale und aufwühlende Orchestermusik, die mit Clustern, Glissandis, scharfen Dissonanzen und Tremolos aufwartet, integriert. Außerdem wurden dezent ein paar elektronische Klänge eingearbeitet.
Die Mitarbeit der Master Musicians vergrößerte vor allen den Percussionblock des Orchesters um einige Instrumente. Dies nutzt Shore für äußerst komplexe Schlagwerkarrangements, die mit sich ständig verschiebenden Rhythmen einen interessanten Kontrapunkt zum Orchester bieten. Gleich der erste Track zeigt auf, wo es akustisch langgehen wird: ein paar dissonante Töne der persischen Instrumente werden recht schnell vom wie entfesselten Orchester überdeckt, bis sich beides in ein unangenehmes Crescendo steigert.
Viele der Cues haben eine enorme Lautstärke und extreme Dissonanzen, allerdings gibt es auch ein paar ruhigere Cues (meistens für die Szenen außerhalb des Killer-Bewußtseins), die aber unterschwellig stark verunsichernd wirken, und ein bisschen an die Musik von “Silence of the Lambs” (auch von Shore) erinnern.
Themen gibt es eigentlich keine, das Orchester kreiert mehr ein polyphones Klanggewitter aus etlichen, sich überlagernden Stimmen. Nur im ersten, dritten und neunten Cue gibt es ein paar wiederkehrende Motive, da Shore 2 Stücke der Master Musicians of Jajouka gesampelt hat, und sie in diesen Cues einsetzt. An einer anderen Stelle setzt er einen amerikanischen Song aus den 40er Jahren “Mairzy Doats” ein, was auch einen äußerst interessanten Kontrast zum atonalen und sehr wilden Orchesterklang darstellt.
Der 6-Minuten-Track „Stargher King“ stellt das Highlight des Scores dar. Beginnend mit düsteren Klangflächen, steigert er sich zu einem furiosen Orchesterausbruch der Blechbläser und der exotischen Trommeln der Master Musicians of Jajouka.

Dank der komplexen Orchesterarbeit, die auch Vergleichen mit den ganz Grossen der “Neutöner” wie Penderecki oder Ligeti standhält, und dem unkonventionellen Einsatz der arabischen Musik, den es so vorher zumindestens in Filmscores kaum zu hören gab, ist der Score zu “The Cell” ein echter Meilenstein in der Geschichte der Filmmusik, der allerdings trotzdem nicht sehr viele Zuhörer finden wird, da er kompromisslos die Bilder aufwühlend und schockierend wirken lässt. Vergleichbares bekommt man nur selten zu hören, vom Konzept her ähnlich ist vielleicht noch Shores Score zum Cronenberg-Film „Naked Lunch.“

Als Dreingabe gibt es einen netten Song, der von den Master Musicians of Jajouka eingespielt wurde, der allerdings klanglich überhaupt nicht ins Konzept des Soundtracks passt.

Jan Boltze / 31.01.07

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