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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

The Boy in the Striped Pajamas (James Horner)

Hollywood / 2008

CD

Bewertung:


    01. Boys Playing Airplanes (04:14)
    02. Exploring The Forest (02:37)
    03. The Train Ride To A New Home (03:35)
    04. The Wind Gently Blows Through The Garden (05:57)
    05. An Odd Discovery Beyond the Trees (02:52)
    06. Dolls Are Not For Big Girls, Propaganda is... (03:44)
    07. Black Smoke (01:43)
    08. Evening Supper – A Family Slowly Crumbles (07:53)
    09. The Funeral (01:54)
    10. The Boy Plans, From Night To Day (02:37)
    11. Strange New Clothes (09:54)
    12. Remembrance, Remembrance (05:32)

    TT: 52 min

Es ist viel diskutiert worden in den letzten Jahren über James Horner. Kopiert er oder nicht? Ist das schlimm oder nicht? Warum vertont er nur noch Dramen? Wo ist der alte Horner hin? Und, und, und… Die Filmmusikgemeinde war in einer kollektiven Dauerdebatte, die einen unvoreingenommenen Blick auf seine aktuellen Werke verstellte. Nicht dass Horner diesen Zustand nicht befördert hat, doch wenn sich Kritiker, Fans und Gegner des Komponisten ebenfalls nur noch selbst zitieren, ist es Zeit für etwas Abstand und Ruhe. Dann schärft sich der Blick für manche Details, die man in der Hitze der Schlacht übersehen könnte: Nämlich dass Horner als einer der bestbezahlten Komponisten der Traumfabrik erstaunlich viele Low-Budget-Filme betreut. Beide Filme von Vadim Perelman oder das Jugenddrama “Chumbscrubber” zeigen den Amerikaner bemüht um kleines Kino, das er versucht ambitioniert zu vertonen. Im Falle von “The House Of Sand And Fog” und “The Life Before Her Eyes” mit eher mäßigem Erfolg, für “Chumbscrubber” hielt er aber zumindest ungewöhnliche Rhythmus- und Orchestrationsideen bereit.

Nun ist Horner wieder für ein solches Low-Budget-Drama aktiv geworden. “The Boy In The Striped Pajamas” (die korrekte englische Schreibweise lautet tatsächlich nicht “Pyjamas") ist eine Geschichte aus dem zweiten Weltkrieg. Die Romanverfilmung handelt von dem Sohn eines Lagerkommandanten, der sich mit einem Häftlingsjungen anfreundet. Für den Film orientierte sich Horner an vergangenen Werken wie “Iris”, “The Spitfire Grill” oder “The Man Without A Face”. Sanfte Klavierläufe, Streicher, Holzbläser und dezente Umrahmung von Harfe, Glockenspiel und Blech prägen das Bild. Im angenehm fließenden Hauptthema ergänzen sich besonders Klavier und Streicherapparat homogen, tauschen die Rollen als Melodie und Begleitung und erzeugen ungezwungene, noch recht optimistische Stimmung. Melodisch kommt Horner hier keinen alten Bekannten nah, so steht “Boys Playing Airplanes” als schönes, flüssiges und eingängiges Thema zu Buche.
Das Klavier bleibt bis zum Schluss das dominante Instrument, die finalen “Remembrances” realisierte Horner gar als Solostück.  Zuvor sind es vor allem die klangvollen Kombinationen von Klavier und Streichern, die den Reiz der Musik ausmachen. Zwar ist es gegenüber Rachel Portman konzeptionell kein Fortschritt, doch Horner kann mit größerem Volumen und geringerer Schemenhaftigkeit der Instrumentation punkten. Er teilt die Streicher mehrfach reizvoll und lässt das Klavier nur kurze Einsprengsel spielen, wie etwa in “The Train Ride To A New Home”. Ähnlich wie Jan Kaczmarek in “Finding Neverland” lässt Horner dem Klavier viel Raum, was phasenweise wie eine Kadenz wirkt. Improvisatorisch, ausschweifend, aber trotzdem der Stimmung der Musik verpflichtet spielt das Klavier zum Beispiel in “The Wind Gently Blows Through The Garden”.
Mit “An Odd Discovery Beyond The Trees” durchbricht Horner erstmals das zuvor aufgebaute musikalische Wohlbefinden. Die Klavierparts kontrastiert er mit einer synthetischen Klangschichtung, die Unbehagen gegenüber dem unverändert spielenden Klavier erzeugt. Das ist von der Klangwirkung durchaus interessant gelungen, weil beides zumindest soweit eine Einheit bildet, dass es als Musikstück hörbar bleibt. Dieser Idee bleibt Horner im weiteren Verlauf der Musik treu, was auf Dauer eher langatmig wirkt. Hellhörig wird man erst wieder, als in “The Funeral” aus dem Nichts das Gefahrenmotiv auftaucht. Welche Motivation dahinter steckt, steht in den Sternen. Versöhnlich stimmt dann aber wieder das dramatische Finale “Strange New Clothes”, welches dem Streicher-Klavier-Arrangement eine packende Wendung verpasst. Langsam nehmen Reibungen zwischen den Streicherstimmen zu, grollende Percussioneffekte kommen hinzu und schlussendlich kulminiert die Musik in einem schwerem, mehrstimmigen Streicherarrangement. In mehreren Wiederholungen lässt Horner hier alle heile Welt zerbrechen, die letzten 30 Sekunden schrillen Streicherflirrens sind erstaunlich mutig und konsequent umgesetzt.

Am Ende bleibt bei nüchterner Betrachtung ein verhalten positives Fazit für “The Boy In The Striped Pajamas”. Horner zeigte sich bis auf eine Ausnahme fern von den viel gescholtenen Zitaten und kann einige Pluspunkte verbuchen: Über weite Strecken fließt die Musik angenehm, die Instrumentation ist konservativ aber gekonnt und die eine oder andere gute Idee fand auch ihren Weg in den Score. Für ein wirklich zündendes Hörerlebnis müsste aber mehr Abwechslung und Raffinesse vorherrschen. So verlaufen einige Cues im Sande, wie auch die Veröffentlichung mit knapp einer Stunde um gut 20 Minuten zu lang wirkt.

Jan Zwilling / 21.11.08

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Zu diesem Beitrag existieren aktuell 2 Nutzer-Kommentare. Letzter Kommentar: 14.12.08.

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