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Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Kritiken

The Aviator (Howard Shore)

Decca / 2005

CD

Bewertung:


    01. Icarus (3:58)
    02. There is no Great Genius without Some Form of Madness (2:50)
    03. Muirfield (2:22)
    04. H-1 Racer Plane (3:20)
    05. Quarantine (3:52)
    06. Hollywood 1927 (2:59)
    07. The Mighty Hercules (3:32)
    08. Howard Robard Hughes, Jr (3:57)
    09. America's Aviation Hero (2:05)
    10. 7000 Romaine (2:22)
    11. The Germ Free Zone (2:49)
    12. Screening Room (5:27)
    13. Long Beach Harbour 1947 (3:49)
    14. The Way of the Future (4:01)

    TT: 47 min

Martin Scorsese hat es auf den Oscar abgesehen. Das war von den Filmkritikern eher als Vorwurf gemeint, denn als Aussage über die besondere Qualität des Films. Und in der Tat lassen sich gewisse Anbiederungsversuche an das Hollywood-„Eventkino“ nicht leugnen. So haben Scorseses beiden letzten Filme alle über 100 Millionen Dollar verschlungen und glänzten mit prächtiger Ausstattung und einigen finanziell zugkräftigen Stars, wie zum Beispiel Leonardo DiCaprio, den Scorsese scheinbar für den De Niro der nächsten Generation zu halten scheint. Sowohl in „Gangs of New York“ als auch „The Aviator“ spielte er die Hauptrolle, und auch bei seinem nächsten Projekt, dem Remake des asiatischen Cop-Thrillers „Infernal Affairs“ ist Leo wieder als Hauptdarsteller mit dabei. Bei „Aviator“ war Di Caprio dann auch noch einer von vielen Executive Producers, die zuviel Kunst auf Seiten Scorseses wahrscheinlich auch nicht zugelassen hätten.

„The Aviator“ ist die Geschichte des Filmproduzenten und Flugzeugbauers Howard Hughes, der Millionen aus seinem Erbe in riskanten Projekte wie den Film „Hell’s Angels“ steckte. Dessen Dreharbeiten streckten sich über 2 Jahre hin, um dann wegen der Einführung des Tonfilms noch einmal fast komplett von vorne zu beginnen (die endgültigen Kosten für den Film beliefen sich auf für damalige Verhältnisse unglaubliche 4 Millionen Dollar). Auf Partys schleppte er jeden Abend einen anderen Filmstar ab, er hatte Beziehungen mit Katherine Hepburn (toll gespielt von Cate Blanchett), Ava Gardner, Jean Harlow, Ginger Rogers, Joan Fontaine usw. ...
Gleichzeitig litt Hughes jedoch zeit seines Lebens an Phobien vor Bakterien und Unreinheiten- er wusch sich zwanghaft die Hände, fasste Türklinken am liebsten nur mit dem Taschentuch an und ließ sich Getränke nur in ungeöffneten Flaschen servieren. Am Ende seines Lebens war Hughes sogar drogenabhängig, etwas was der Film leider außen vorläßt und damit den Niedergang seines Protagonisten etwas beschönigt.

Auf filmmusikalischer Seite konnte der Film auch großes Interesse auf sich ziehen, Scorsese engagierte nämlich Howard Shore, der sich gerade mit den Musiken zu Peter Jacksons „Lord of the Rings“-Trilogie in die A-Liga der Soundtrack-Komponisten hochgearbeitet hatte, für die musikalische Betreuung des Films. Aufgrund des riesigen Erfolgs der „Lord of the Rings“-Soundtracks veröffentlichte Decca dann auch ein Score-Album, obwohl Scorsese nur etwas über 20 Minuten der 45 Minuten Musik, die Shore für „Aviator“ komponiert hat, im fertigen Film verwendet.

Für sein erstes Werk nach dem mehrjährigen Ausflug nach Mittelerde wählte Shore einen ungewöhnlichen Ansatz. Statt den bei Filmmusik im allermeisten Fall verwendeten Stilismen der romantischen Epoche wählte er für „The Aviator“ eine eher klassizistische Herangehensweise. Die Folge ist eine Partitur, die die Üppigkeit vieler Hollywood-Musiken bewusst vermeidet und einer eher transparent-kühlen Klang hat. Auch eigentlich naheliegende musikalische Anspielungen auf Filmmusiken des Golden Ages sucht man in der Musik vergebens, die insgesamt überhaupt nicht darauf ausgelegt ist, die Epoche des Filmes musikalisch zu repräsentieren. Die Bilder vermitteln das auch hervorragend ohne musikalische Unterstützung — Kameramann Robert Richardson hat unter anderem in der Farbkorrektur den Look des Films digital an den der damals gebräuchlichen Filmmaterialen- und Verfahren angepasst.
Shores Musik dient vollständig der Charakterzeichnung, außer in den rasant inszenierten Flugszenen, in denen sie natürlich auch die Dynamik der Szenen steigert. Das Thema für die Flugsequenzen ist eingängig und packend geraten und erfährt einige Steigerungen in den Blechbläsern und wird durch Schlagwerk und spanische, folkloristische Elemente vorangetrieben. Inhaltlich macht die Foklore zwar wenig Sinn, aber sie stellt einen reizvollen Kontrast zum Klang des Sinfonie-Orchesters dar und sorgt für zusätzliche Dynamik neben der üblichen, konventionellen Percussion-Einlagen. Zu den Highlights des Albums zählen aber einige ungewöhnliche Variationen des Flugzeugthemas, zum Beispiel als subtile Passage für die Holzbläser oder in einem überraschenden Klavier-Solo, welches leider nicht im Film verwendet wurde.
Als Beispiel für die charakterisierende Wirkung der Musik kann man das Hauptthema besser anführen, welches zum Beispiel als Fuge variiert wird, um Hughes’ Faszination für Flugzeugbau zu vermitteln. Später bekommen dann die Streicher bei der Wiedergabe des Themas einen deutlich dramatischen, allmählich ins Atonale abgleitenden Klang, der passagenweise auch aus Shores Score zu „The Fly“ kommen könnte.

Abgesehen von den beschriebenen Variationen gibts in der Musik allerdings auch einige Redundanzen- viele der Flugsequenzen sind musikalisch recht ähnlich gestrickt und machen daher eine höhere Wertung als 4,5 Sterne nicht möglich.

Fazit: Auch nach „Lord of the Rings“ hat Shore sein Talent für unkonventionelle Konzepte nicht verloren. Einige Lösungen, die er für „The Aviator“ gefunden hat, sind (für Filmmusik) ungewöhnlich und einfallsreich und machen dieses Album zu einer Empfehlung.

Jan Boltze / 31.01.07

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